Islands erfolgreichste Band ist für ihre meditative Kopfkinomusik bekannt. Mit "Heima" veröffentlichen Sigur Rós erstmals eine DVD, die diese ins beschauliche Heimkino übersetzt.
Text: Sarah Brugner aus De:Bug 118

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Heimatfilm auf Isländisch
Sigur Rós sind wieder zu Hause.

Langsam bauen sich zarte Töne Schicht um Schicht hinter der von weißen Leinen verhangenen, nebelumspülten Bühne zu einer wohligen Klangwolke auf, die gleichsam geleitet von eindringlich hohem und lang gezogenem Gesang über malerische Landschaften schwebt. Den Quell des Panorama-Breitklangs vermutet man irgendwo hinter den schroffen Gebirgszügen, in die sich eine massive Gletscherzunge bedrohlich ihre Schneise gefressen hat. Reißende Flüsse stürzen sich von droben herab, schlängeln sich über karge Steppen, um schlussendlich im tiefblauen Atlantik auszulaufen. Während das Spiel von Licht und Schatten auf der Bühne seinem exaltierten Höhepunkt zusteuert, verliert sich der Blick in der schier grenzenlosen Weite des Landes und des umgebenden Ozeans.

Für solche Aufnahmen braucht man sich nicht länger nach Island zu träumen. Sigur Rós lullen jetzt auch auf Film ein. Nach einer weltweiten Tournee kehrt die Band nach Island zurück, um eine Reihe von kostenlosen, unangekündigten Konzerten an diversen, teilweise recht eigentümlichen Orten zu geben.
In kleinen Kneipen, einer Fischfabrik, in der Abgeschiedenheit einer beeindruckenden Naturkulisse oder bei Reykjavíks größtem Open-Air-Konzert spielt die Band Songs aus allen Phasen, oftmals neu arrangiert. Mit dem in einem riesigen Öltank aufgenommenen Stück “Guitardjamm“ und dem traditionell angehauchten “A Ferd Til Breidarfjardar 1922“, gesungen vom isländischen Dichter Steindór Andersen, kann man auch zwei Exklusivtracks entdecken. Diese in der Tat außergewöhnliche zweiwöchige Tour wurde unter der Regie von Dean DeBlois als Film, der den Titel “Heima“ trägt, eingefangen. “Heima“ bedeutet schlichtweg Heimat.

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Es wird gar nicht erst versucht, viel Diskretion an den Tag zu legen angesichts der Analogien, die man zwischen der Band und dem Land spannt. Wenn vor dem Hintergrund atemberaubender Naturkulissen und mythischer Kultstätten Sigur Rós charmante Geschichten über das Leben in Island erzählen und die Auftritte als generationenübergreifende Zusammenkunft mit warm ausgeleuchteten Kinder- und Greisengesichtern inszeniert werden, dann scheint ob so viel heiler Inselstaatidylle das Dünkel Heimatfilm nicht mehr fern. Warum man den schmalen Pfad von berührend zu rührselig nie überschreitet, wird umso deutlicher in Anbetracht der Herangehensweise der Musiker, die sich konstant weigern, die malerischen Aufnahmen mit affektiertem Pathos zu unterfüttern. Ein isländischer Heimatfilm sieht dann doch etwas anders aus. Kjartan Sveinsson, seines Zeichens Keyboardspieler von Sigur Rós, will so gar nichts von einer Heimatfolklore wissen. Es sei ihnen nichts aufgeschwatzt worden, es sei ihnen überhaupt nicht daran gelegen, Island als romantischen Sehnsuchtsort zu promoten. Der Film sei sowieso niemandem gewidmet, weder Land noch Leuten, und überhaupt hätte keine hehre Absicht, sondern ein praktisches Anliegen hinter der Produktion gestanden. Man weigert sich vehement gegen das Pathos der Heimatverbundenheit. Die tiefe Verwurzelung lässt sich dennoch nicht verbergen.

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1999 hatten wir schon einmal eine solche Tour in Island gemacht. Das war einfach toll. Wir wollten wieder ein paar solch schöner Momente erleben und teilen. Deswegen der Film. Das war ganz allein Idee der Band. Der Regisseur stieß irgendwann später dazu.

Aber man tritt doch gewisse Assoziationsketten los, wenn man den Film “Heima“ nennt und atemberaubende, gleichzeitig immerzu idyllische Aufnahmen von Land und Leuten macht …

Nette Konzerte. Nette Aufnahmen. Das ist eine einfache Verbindung. Mehr Konzept gab es dabei nicht.

Ihr bezieht Natur- und Kulturerbe gleichermaßen in euren Film ein. Wie habt ihr diese Auswahl also vorgenommen? Liegt euch etwas an Bewusstseinsschaffung?

Nein, vordergründig sicher nicht. Das sind einfach nette Orte und Leute, die wir sehr schätzen. Wir haben nicht unbedingt eine Botschaft, andererseits stimmt es schon, dass es eine Bewusstseinsfrage ist, wie man zu solchen Dingen steht. Je mehr man rumkommt – und wir kommen viel herum -, desto mehr Bewusstsein entwickelt man oft auch für das eigene Erbe. Jedes Land hat seine Eigenheiten. Island hat sehr viele Eigenheiten. Das macht den besonderen Charme aus.

Eigen, um nicht gar verschroben zu sagen, sind Attribute, die man gerne isländischer Musik zuschreibt. Was hältst du von einer solchen Wahrnehmung? Gibt es etwas Verbindendes in Islands alternativer Musikszene? Glaubst du, dass eure isländische Herkunft eure Musik beeinflusst?

Ich kann nicht wirklich sagen, ob Island unsere Musik beeinflusst. Die Welt ist mittlerweile zusammengeschrumpft. Heute kann man an beinahe jedem Ort aus vielen unterschiedlichen Einflüssen schöpfen. Seit es die Band gibt, reisen wir unentwegt. Wir verbringen nicht besonders viel Zeit in Island. Auf der anderen Seite leben wir schon immer dort und das prägt uns definitiv als Personen. Schwer zu sagen, wie was zusammenhängt. Unterschiede zu anderen Ländern gibt es, ja. Großbritannien zum Beispiel ist ein ganz anderes Kaliber. Deren Musikindustrie und überhaupt deren Popkultur haben lange Tradition. Die haben Trends mitbestimmt. Da kann es dann schon passieren, dass viele Bands sich recht ähnlich anhören. Die Dynamik in Island ist von ganz anderer Art. Island ist jung, relativ klein und hat keine gewachsene Musikindustrie. Da fließt kaum Geld. In England reguliert gewissermaßen die Nachfrage das Angebot. Also wenn die Musikindustrie Bands nach Schema A sucht, dann schießen diese wie Pilze aus dem Boden. Diese Musikindustrie bleibt für die Isländer Übersee. Das kann einem vorerst egal sein. Dein Ding machen, tun, was Spaß macht – darum geht es. Wenn das dann als verschroben gilt, auch gut.

Auch wenn du sagst, dass ihr keine Islandhuldigung machen wolltet, so bietet Island ob der Abgeschiedenheit und geringen Zersiedelung doch eine romantische Schablone, um mitteleuropäische Sehnsüchte zu wecken.

Bestimmt, es ist eine eigene Lebensform. Weite Landschaften, viel Naturraum und eine enge Gemeinschaft. Die größte Stadt, Reykjavík, erscheint schnell übersichtlich. Man glaubt bald jeden zu kennen.

Örvar Poreyjarson Smárason von Múm meint, dass eine solch kleine Gemeinschaft zugleich schön und schrecklich sein kann. Um zwischenzeitlich Abstand zu gewinnen, hat Smárason für einige Zeit in Berlin gelebt.

Ich werde nächsten Herbst auch erstmals wegziehen. Wohin, weiß ich noch nicht. Einfach mal weg.

Smárason lebt mittlerweile wieder in Reykjavík.

Das kann ich verstehen. Wenn ich woanders wohnen sollte, dann werde ich trotzdem jeden Sommer nach Island zurückkehren, um das zu tun, was ich all die Jahre zuvor getan habe. Island bereisen. Das muss wohl so sein.

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Elektronische Lebensaspekte.