Noch vor einem Jahr war die New Yorker Silicon Alley zwischen Soho und dem Broadway der Ort für das Internet-Biz. Dort tummelten sich Büro an Büro die ganz großen Player neben vielen unkonventionellen Projekten. Doch schon vor den Attentaten auf das WTC hatte die Rezession alle am Schlawittchen gepackt. Arrgh.
Text: Nico Haupt aus De:Bug 55

Huiiiiiiiii
Der Niedergang von Silicon Alley

Lange vor Nine-Eleven – wie man in Amerika die Attentate am 11.9. kosewortartig nennt – lange vor den Angriffen auf New Yorks Finanzzentrum war eigentlich schon alles klar, denn zu Anfang des Jahres war eigentlich schon alles geschehen. Die Börsen rutschten in die Tiefen. Nach DEN Network und dem Schicki-Fashion-Portal Boo ging auch die KultFlash Comicschmiede Udo.Net pleite, Rhizome entließ seine Mitarbeiter in Massen und hunderte von kleinen Webfirmen bis hin zur berühmten Zahnpasta in 5 Minuten.com existierten nicht mehr. Schuld hatten natürlich wieder alle: Angefangen hatte es mit der zynisch-psychologischen Fuck-Dotcom-Kampage im Frühjahr 2000 aus San Francisco, über die Gutgläubigkeit vieler Investoren und den
Spekulantengeschäften an der Börse bis zur völlig überhypten E- oder M-commerce-Welle. Zahlreiche dümmliche Ideen machten den Markt weiter kaputt. Warum man Firmen wie IDoll.com, ToySmart.com oder ToyStore.com Geld in den Rachen schob, ist wohl heute noch ein Rätsel, gibt es doch kein einziges Kind, das eine Kreditkarte benutzen darf. Doch selbst an diesem Manko wurde in der Bizarrowelt von Dot.Com-Krawattos gearbeitet.

New Yorks Vielfalt knickt ein
Noch im Sommer 2000 glänzten fast an jeder zweiten Plakatwand in Manhattan Dot.com-Slogans. Stolz wurden auf der Straße die neuesten Gadgets herumgezeigt, es gab Parties ohne Ende. Man konnte sich auch leisten, über die wireless Palmtop Yahoo-Taxis zu spotten, natürlich nicht, ohne die drahtlose DSL-Welt an sich zu preisen. Für viele der weltweit 300 Millionen vernetzen Computer galt New York als die unkompliziertere US-Variante des Internet-Hypes im Gegensatz zur etwas steiferen San Francisco Attitude. In Manhattan oder Brooklyn wurde des Nachts an spannenden Visonen gebastelt. Komplexe Datenbankprojekte, Kunst-Crossover-Projekte, selbst Connections zum MIT beeinflussten einige DotComs, sogenannte Chief Scientist Depandancen zu ermöglichen. Die Zeitung “Technology Review” kam statt 6x nun 9x im Jahr heraus. Es schien der Weg frei zu werden für die nächste Hightech-Generation. Dabei ging es eben nicht immer nur um das schnelle Geld. Es zählten häufig auch die verrücktesten Ideen. Doch war schon früh im Jahr 2000 klar, dass der Höhepunkt lange überschritten war. Im April 2000 krachte das erste Mal die Börse ein. Viele Dot.Coms waren mit bis zu 40% überkalkuliert. Zum Anfang 2001 schien es noch, die Karten würden nun neu gemischt. Neues Selbstbewusstsein tankte man sich auf Pink-Slip-Parties, den man später wieder auswich. Danach wurden Chefs direkt nach ihren Finanzplänen gefragt, man wolle ja nicht wieder auf die Nase fallen. Doch weitere Glanzlichter New Yorks verblassten, was sich psychologisch nicht gerade positiv auswirkte. Gegen April 2001 fuhren die letzten orangenen Kizmo.Com Fahrradkuriere auf der Straße und Josh Harris (Ex-PSEUDO.com) beendete sein Kunstüberwachungsprojekt WE LIVE IN PUBLIC. Nun waren die Gespräche auf den Parties schon etwas trüber, aber wie das in New York so ist, immer mit einer Spur Galgenhumor. Noch immer war man nicht ganz arbeitslos, es hieß jetzt diplomatisch Freelancer. Die gängige Höflichkeit half dabei, nicht weiter nachhaken zu müssen. Alle beteten aber insgeheim, dass bloß nicht die ehemaligen Läster-Ikonen Amazon, Ebay oder auch Yahoo einknickten. Doch auch die Hassliebe-Heroes rutschten weiter. Altavista konnte gegen das technisch versiertere Google-Team nicht mehr mithalten. Neue Tendenzen zogen ins Net-Land. Messageboards übernahmen nun eine Mischung aus neuen Jobbörsen, Seelenfürsorge, ThinkTank oder Flucht in irgendwelche Sub-Virtualitäten. Auf einmal brodelte der Untergrund wieder.
Es war klar, was passiert war. Selbst die ISPs hatten um ihre Stellungen zu kämpfen. Mangelnde Anzeigenflächen mussten durch Abo-Tarife ausgeglichen werden. So nahmen Salon.com, Heavy.com und gegen den Willen von Conspiracy- und UFO-Ikone Art Bell auch dessen Boss nun “Eintrittspreise”. Es tat besonders weh, wenn auch idealistische Projekte ihre Arbeit einstellen oder drastisch einschränken oder entlassen mussten. Stellvertretend für diese: Alltrue.Com (Home-Videos), FasTV.com (streaming), Juno Online (kostenlose Provider), Excite (FreeMailer), MP3.com (Digitale Musik), CMGI (Suchmaschinen), Priceline (Hotel- + Flugvermittlungen), Ricochet (Wireless DSL) und etliche mehr. Doch radikale Netzhelden wie ICANN-Kritiker und Projektmanager Karl Auerbach bestärkten alle Veteranen, nicht aufzugeben – das Internet sei immer noch am “Tag 1 der Kindheit”. Was wohl wahr ist.

Das Netz nach 911
Denn mit 911 sah sich besonders das New Yorker Netz einer neuen Verantwortung gegenüber. Terroristenflugzeuge, die ins World Trade Center stürzten, machten die weltweite Datenbankintelligenzia zur wichtigsten Stütze von Wahrheit, Notruf und Informationsmaschine. Das WTC-Syndrom sorgte nicht nur für ein Revival von Militär-Propaganda, sondern auch für neuartigen Online-Journalismus, dem Aufräumen mit nervigen Legenden und Hoaxes (Urbanlegends.about.com stürmte an die No.1 der Delphi-Board Charts), und EMail und Chat waren plötzlich die ungebombten Twin Towers des Netzes. Betroffenheit, Pragmatismus, Patriotismus, Aufklärung und ein neuer Hype von Sarkasmus und Satire machten das Internet wieder zu dem, wie es angefangen hatte: Die ewige Gratwanderung zwischen Paranoia, Überwachung, Text statt Graphikschnörkel und endlich, aber wahr: Der ThinkTank funktionierte, wenn auch mit weniger Einkommen. Fast synchron zum “Attack” eröffneten die Bastelfreaks von ControlledEntropy.com ihre Remoutelounge auf der Kühlschrankstraße “Bowery”. An 40 Tischen konnte man seinen Drink per Kamera bestellen und in 30 Channels weitere Gäste als Screenshots auf eine Webseite schießen oder klassisch analog anrufen. Um einen herum hunderte von Monitoren und eine ausgelassene Stimmung, als hätte es den Dotcomcrash nie gegeben. Zum Ende des Jahres war dann New York immer noch nicht Amerika, sondern multikulturelles Archiv und Auslöser für neuen Sarkasmus und Pragmatismus statt Patriotismus. New York hatte nun gleich vier Attacken überlebt: DotcOm Crash, die Flugzeugattacken, den Krieg und Anthrax-Umschläge.
Auch wenn viele Medien, selbst die seriösesten, von angeblichen Panikzuständen im Silicon Alley berichteten, hielt man es am Ende so wie mit den Kommentaren zu Schneestürmen: “NewYork hat keine Angst vor dem Schnee, sondern empört sich über den Matsch an den Bürgersteigen”. Ob das Stückchen Freiheit, was den New Yorkern viel stärker als irgendwo anders weggenommen wurde, wirklich zum Ende von weiteren Ideen und Jobs führen wird, mag dahingestellt sein. Jedoch wurde im Silicon Alley herzlicher über Bert neben Bin Laden gelacht als irgendwo sonst.
Das Leben geht weiter.

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Elektronische Lebensaspekte.