Der englische Kulturjournalist schreibt über die Macht des Pop-Archivs
Text: Aram Lintzel aus De:Bug 155

Die Retro-Schlaufe zieht sich immer enger zu, da Popmusik immer drastischer von ihrer unmittelbaren Vergangenheit besessen ist. Nörgler glauben: Die Übermacht des Archivs lähmt den Sinn für Gegenwart und Zukunft. Anhand einer Phänomenologie der Retro-Bewegungen in Musik zeigt Simon Reynolds in seinem Buch wie Retro reflexiv statt restaurativ wirken kann.

Immer schon sind wir mittendrin, ein Draußen gibt es nicht. Wer Simon Reynolds wie immer dickes Buch “Retromania. Pop Culture’s Addiction to its own Past” liest, kann durchaus Beklemmungen bekommen. Vom Hardcore-Kontinuum schnurstracks ins Retro-Kontinuum: Überall, noch in den kleinsten Ritzen der Popkultur, ist Nostalgie am Werk. Hypnagogic Pop und Neo Soul sind ebenso Teil dieses Kontinuums wie Kassetten-Labels oder der auf seiner einmal gefundenen subkulturellen Identität hängengebliebene 60s-Revivalist. Wollte man die Symptomkollektion des Musik-Fetischisten Reynolds auf außermusikalische Bereiche ausweiten, könnte man je nach Vorliebe “Mad Men”, das Berliner Stadtschloss, Indie-Preppies oder die comic-sans-hafte Schrift auf den Trikots der deutschen Frauen-Fußballnationalmannschaft in das Kontinuum eintragen.

Genealogie des Retro
Natürlich, das weiß Reynolds genau, ist die Rückbesinnung auf Vergangenes kein brandneues Pop-Phänomen. Schon Punk war trotz all des modernistischen Geweses (“Nimm drei Akkorde und gründe eine Band!”) von Vorläufern wie Rockabilly oder Garage infiziert. Und auch zur Northern-Soul-Szene der 70er Jahre macht Reynolds einen Abstecher, war sie doch eine der größten Nostalgie-Massenbewegungen der Pop-Geschichte. Statt aktuellem Funk oder Modern Soul fetischisierten die Northern-Soul-Fans rare Soul-Tracks aus den sechziger Jahren. Reynolds macht klar: Bevor “Retro” erstmals als Nörgelbegriff die Runde machte, war da längst kein Schlaraffenland unversehrter Originalität, keine Idylle, in der das Neue Ding immer neu erfunden wurde.
Weite Teile von “Retromania” sind denn auch eine Art Genealogie des Status Quo der Retrokultur. Dessen Vorgeschichte betrachtet Reynolds genau und verzichtet dafür auf die eine große These. Eher widmet er sich wie ein Ethnologe unterschiedlichen Zonen des Retro und versucht deren je eigenen Obsessionen und Hipness-Vereinbarungen näher zu kommen. Die materialreiche Vorgeschichtsschreibung mündet in der für den weiteren Verlauf des Buches maßgeblichen Gegenwartsdiagnose: Die Retro-Schlaufe zieht sich immer enger zu, da Popkultur – bei Reynolds ist das immer noch vor allem Popmusik – von ihrer unmittelbaren Vergangenheit besessen ist.

Reynolds nennt ein frühes, schon auch ulkiges Beispiel für diese Kurzzeit-Nostalgie: So bereite die “Oldskool Hardcore”-Szene das soeben erst zu Ende gegangene “goldene Zeitalter” von Rave schon Mitte der neunziger Jahre sentimental auf. Der Autor erinnert sich amüsiert an die inflationären “Back to 91”- oder “Back to 92”-Flyer,  die jene angeblich besseren Zeiten heraufbeschworen, die doch gerade eben jetzt erst zu Ende gegangen waren.
Immer dramatischer, so Reynolds, sei der Popmusik ihr Fortschrittsglaube abhanden gekommen, an dessen Stelle sei eine “Future Fatigue” getreten. Die Übermacht des Archivs lähme den Sinn für Gegenwart und Zukunft und führe unter anderem dazu, dass Pop ein Fall für “Kuratoren” geworden ist, gerne nennen sich ja heute Konzertveranstalter so.

Weiter! Weiter! war einmal
Die proto-modernistische Synchronie von technologischem, ästhetischem und sozialem Fortschritt ist unwiderruflich aus dem Takt geraten. Selbst Techno-Futurismus dünkt uns heute retro. Und das Hitech-Land Japan, in dem jede Jugendkultur von Krautrock über Oi! bis C86 weiterexistiert als gäbe es kein Gestern, ist quasi das Über-Symptom dieser Nachgeschichtlichkeit: “Every Western micro-genre has its Japanese adherents”, schreibt Reynolds über das fernöstliche Retro-Eldorado. Den größeren pop-ontologischen Zusammenhang nennt er “Hyperstasis”: Nervös und zittrig hüpfe man zwischen Referenzen und Quelldaten hin und her, aber es geht nicht voran. “Weiter! Weiter! Weiter!” war einmal. Dieser Zustand erinnert an Paul Virilios “rasenden Stillstand” wie an Friedrich Nietzsches “verzehrendes historisches Fieber”, ist aber von Reynolds weit weniger kulturkritisch gemeint.

Denn bei aller Skepsis bleibt sein Blick auf das Geschehen fanmäßig fasziniert. Genießen und Verstehen, Hingabe und Reflexion schließen sich in seiner Betrachtung nicht aus – im Gegenteil: eben weil er den mitunter fragwürdigen Verlockungen des Retro längst erlegen ist, gilt es das eigene Begehren besser zu begreifen. Gleichwohl blinkt hin und wieder ein Restauthentizismus durch, etwa wenn Reynolds leicht dünkelnd von “Dekadenz” und “Ersatz” spricht oder der Modeindustrie bloße Geldgier vorwirft. Solche Stellen lassen sich aber problemlos überlesen, denn Reynolds entdeckt in der “Retromania” weit mehr Potenzial als Verfall. Nicht nur, dass jede interessante Band durch eine Phase des Kopierens und epigonalen Aneignens gehe: Phänomenologisch lässt sich offenbar eine progressive Gegen-Nostalgie von der regressiven Nostalgie-Industrie aus Reunions und Revivals abgrenzen. Anhand seiner geliebten H-Musiken, Hypnagogic Pop und Hauntology, zeigt Reynolds, wie Retro reflexiv statt restaurativ wirken kann. Es geht nicht mehr um einen Sehnsuchtsort geiler Authentizität. Der Akt des Wiederholens und Durcharbeitens selbst wird hier übermarkiert und ausgestellt, das Erinnerte verschwimmt in diesem Prozess, anstatt, dass man seiner habhaft würde. Womöglich bietet die “reflexive Nostalgie”, wie Reynolds diese Vorgehensweise in Anlehnung an die Überlegungen der Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym nennt, einen dialektischen Ausweg aus der von Musikjournalisten so genannten “Retrofalle” an.

Wollte man Reynolds weiterdenken, so könnte man vermuten, dass die Attraktivität von hypnagogischer wie von hauntologischer Musik darin liegt, dass es sich um ästhetische Strategien der Passivität handelt. Während sich Hauntology-Musiker von den Geistern der Moderne heimsuchen lassen, sind es im Hypnagogic Pop diverse Spuren des Unbewussten, etwa Radiomusik der Kindheit, die sich unmerklich in die Tiefen der Psyche eingefressen hat. Im Gegensatz zu Retro-Verwaltern wie den Strokes etc. verfügen von Reynolds verehrte Musiker wie Ariel Pink eben nicht gebieterisch über das Archiv, sondern sind sich der Unverfügbarkeit der eigenen Einflüsse bewusst. Anstatt ein eingehegtes Feld – Hardcore Rave, New Wave oder 60s Garage – zu beackern, verirren sie sich genüsslich in den Zwischengängen und Abwegen eines unübersichtlichen Archivuniversums. Gerade in diesem Mangel an Souveränität könnten diese Musiken zeitgenössisch wirken, weisen sie doch Symptome eines erschöpften und zaudernden Subjekts auf.

Warum Musik?
Die erste kritische Nachfrage an Reynolds ist so naheliegend, dass sie schon wieder langweilig ist. Gestellt werden muss sie trotzdem: Warum ist im Titel von “Pop Culture” die Rede, wenn es im Buch doch fast ausschließlich um Pop Music geht? Müsste die darin versteckte These, dass Musik nach wie vor das Leitmedium der Pop-Erinnerungskultur ist, nicht allermindestens explizit und diskutierbar gemacht werden? Dabei deutet Reynolds selbst an, dass Popmusik sich den Rang von ganz anderen ästhetisch-sozialen Systemen hat ablaufen lassen. Die Bewegungsgesetze des Pop, das schreibt Reynolds allerdings recht beiläufig, würden sich zunehmend denen der Mode annähern. Man hätte sich gewünscht, dass er diese Verschiebung genauer geprüft hätte. Das “nostalgia layering” im Modedesign, das er an einer Stelle zitiert, wäre dafür ein guter Trigger gewesen. Diese von der Modejournalistin Bethan Cole beobachtete Praxis, bei der die Vergangenheit aus einer anderen Vergangenheit beobachtet wird (zum Beispiel die 70er Jahre mit den Augen der 80er Jahre) scheint ihre nachholende Entsprechung in Musikstilen wie Chillwave, Hypnagogic Pop und manchen Post-Dubstep-Ablegern zu finden. Unabhängig davon, ob “Retro” für diese verworrene Überlagerung von Zeitebenen noch der adäquate Begriff ist, bleibt festzuhalten: Reynolds ist an vielen Stellen seiner nerdigen Musikobsession erlegen. Das macht ihn zwar sympathisch, oft aber auch betriebsblind.

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Elektronische Lebensaspekte.

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