Ein Comic, eine Legende. Jetzt hat Roberto Rodriguez Frank Millers Comic-Klassiker “Sin City” verfilmt.
Text: Verena Dauerer aus De:Bug 93

Sin City
Digitaler Pulp

Zuallererst eine Verbeugung vor Frank Miller und seinen drei Comic- Geschichten, um die sich die Verfilmung von “Sin City“ rankt. Comics, die markant sind für ihre innere, speziell anziehende Verrottetheit der Charaktere. Die Frage ist natürlich, wie Robert Rodriguez als digitaler Autorenfilmer diese Kaputtheit umsetzen kann. Er tut das, indem er die Comicseiten in 3D-Bilder einsetzt, wie er es bei seiner lustigen bis überzogenen “Spy Kids“-Reihe getan hat und stellt die Schauspieler vor den “Green-Screen”. Für das Verfahren hat er selbst Quentin Tarantino auf den Regiestuhl locken können, auf dass der sich bitteschön mit den tollen neuen Möglichkeiten des Digitalen auseinandersetzt. Der hat zumindest eine Szene, eine schön schwarze Autofahrt von Dwight (Clive Owen) und Jacky Boy (Benicio Del Toro) gedreht. Dort pult er, wie immer, einfach geschmacklich genau in seiner Handschrift mit dem Messer.

Der “Sin City“-Background besteht insgesamt aus nicht mehr als animierten Comicbildern, die so grafisch starr rüberkommen wie verheißungsvoll cool. Das passiert nicht erst seit Jonas Akerlunds Speed-Ästhetik bei “SPUN“, wenn die Einzelbilder für sich und nur für sich posieren und noch so gut glatt dabei aussehen. Ein Film komplett in schwarz-weiß, indem die Blutspritzer in weiß, rot und gelb wie im Comic koloriert sind: Mal als Farbtupfer mit der Anmutung von Vogelscheiße, öfter im eimerweisen Einsatz. Rodriguez hat im Vorfeld erklärt, dass er an bestimmten Stellen das Blut rot färben musste – um klar zu stellen, dass überhaupt Gewalt angewendet wird. Die Altersfreigabe war deshalb in den USA ziemlich milde.

Nie ohne Uzi
Ob man die Umsetzung des Comic befriedigend findet oder nicht, “Sin City“ ist schicker Pulp und Neo-Retro mit einer Mischung aus 50er-Ästhetik und Jetztzeit, zusammengewürfelter Action-Trash aus dem VHS-Fundus der letzten 35 Jahre. “Sin City“ ist auch Düsternis, in der man sich prima zu Hause fühlen kann. Es gibt archetypische Rollenmodelle, Dialoge ohne Platz für Zwischenräume und einen schäbigen sozialen Futurismus, in dessen Gemeinschaft man aber nicht unbedingt leben möchte. Es sei denn, man teilt den trockenen Humor, das Haus nicht ohne Axt, Haimesser oder Uzi zu verlassen. Außerdem ist es erdrückend einfach, wenn sich die Gesellschaft schon äußerlich in Trenchcoats und G-Strings aufteilen lässt.

“Sin City“ ist im Grunde ein Art Pulp-Game, so fröhlich anarchisch wie GTA 3: Kloppen, Schlitzen, Ballern, alles ist drin. Der Grad der Abstraktheit ist so auf die Oberfläche geschoben, dass die Gewaltszenen wie Game-Sequenzen aussehen oder als Scherenschnitte dargestellt werden, wenn es fies wird. Selbst das Braten auf dem elektrischen Stuhl hat vor allem was Komisches. Schließlich ist es Mickey Rourke als Marv, der nach dem letzten Stromschlag meckert: “Is that all you can do, you pantsies?“ Er ist auch der einzige, der wirklich toll zerfranst und zerfallen ist wie die Figuren im Comic, und das ist nicht nur der ordentlichen Portion Plastilin in seinem Gesicht zu verdanken. Aber natürlich ist es auch ein Spaß, rastlosen Narbengesichtern (Bruce Willis, Clive Owen) beim Aufräumen zuzugucken: Es gibt nur vor Testosteron triefende Wracks, die inbrünstig beseelt sind, Gutes zu tun und besessen vom Drang, die Welt von Arschlöchern zu säubern – brutal und martialisch wie die andere Seite auch. Das heißt für die immer schmierige Wahrheit, über eine Menge Eingeweide zu gehen. Nach dem Motto: Ich bin okay, du auch. Aber jetzt schlitze ich dich auf und dann unterhalten wir uns über deine Auftraggeber.
Wahre Frank Miller-Fans sollten aufpassen, aber das experimentierfreudige CGI-Vehikel ist dieses Jahr eines der interessantesten stilistischen Errungenschaften. Und es bringt ebensoviel Spass wie das Ballern im Ego Shooter.

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Elektronische Lebensaspekte.