Voll entzückt
Text: Markus von Schwerin aus De:Bug 129


Dank gemeinsamer Auftritte mit The Books und Múm sind die isländischen Folkpopper Seabear auch hierzulande keine Unbekannten mehr. Deren Kopf Sindri Mar Siguffson schlägt nun als Sin Fang Bous einen Seitenpfad ein, der mehr in Richtung Psychedelia geht. Auf “Clangour“ entfernt sich der 25-Jährige vom kuscheligen Teeküchensound seiner Stammband und macht dafür mit viel Gezisch, Geklingel und Phil-Spector-Gewumms dem Animal Collective Konkurrenz.

Wobei hier der Begriff “Stammband“ gleich in Relation gesetzt werden muss, da es sich bei Seabear anfangs auch um Siguffsons Einmannprojekt handelte, das dank verlockender Auftrittsangebote und der Musikalität seiner Reykjavíker Kunsthochschulfreunde schließlich zum Septett heranwuchs. Und das gemischte Ensemble füllte mit seiner zelebrierten Gruppenharmonie in den letzten zwei Jahren genau die Lücke, die die betagten Belle & Sebastian und der sich schon länger rar machende Sufjan Stevens hinterlassen haben: transparente, einschmeichelnd vorgetragene Popsongs im Akustikkleid, verziert mit Pizzicati, Melodika-Soli und feierlichen “Lalala“-Chören. Und dazu Titel wie “Cat Piano“, “Owl Waltz“ und “Summer Bird Diamond“, welche auf dem Albumrücken in ABC-Schützen-Schreibschrift festgehalten wurden.

Eine Art Kita-Kompatibilität, für die in Island bereits ein Spottbegriff namens “krúttkynslód” (übersetzbar mit “Generation Goldig“) zirkuliert. Doch anderseits setzt bei Siguffson und seiner kongenialen Seabear-Kollegin Ingibjörg Birgisdóttir (beide mischen auch beim Künstlerkollektiv Moss Stories mit) diese Affinität fürs Märchenhafte eine Kreativität in Gang, deren Ergebnisse nur an die besten Beispiele anspruchsvoller Kinderunterhaltung denken lassen. So ist der Clip, den Birgisdóttir nun für die erste Sin-Fang-Bous-Single “Advent In Ives Graden“ schuf, nicht weniger eindrücklich als die “Krabat“-Zeichentrickadaption aus den 70er Jahren und zeigt, dass in dieser Fantasiewelt das Unheimliche keineswegs ausgespart wird. Der besagte Song ist auch das Eröffnungsstück auf “Clangour“ und wirft den Hörer gleich wie Zwerg Nase in eine dampfende und scheppernde Klangküche, in der die umeinander wirbelnden Meerschweinchen versuchen, den heruntergesäuselten Wortsalven ihres Chefkochs zu folgen.

“The Jubilee Choruses“ verschafft hier mit der Lullabye-Melodie am Anfang nur eine vermeintliche Atempause, denn die klavierunterlegten Mantras deuten schon auf den nächsten Ausbruch hin, der in der zweiten Minute mit softem Beatboxgeknatter und der Potenzierung des Spielzeuginstrumentenrepertoires auch prompt eintritt. Nun boten ja Panda Bear (sic!) und Caribou auf ihren jüngsten One-Man-Psychedelia-Platten bereits gelungene Beispiele solcher Mitternachts-Freakouts am Mac, doch Sin Fang Bous ist darunter die wildeste Variante. Zumindest genauso wild wie Animal Collective, an deren verzückte “Uhuhuhu“-Chöre die zwölf “Clangour“-Stücke oft erinnern. Aber während bei den New Yorkern in melodiösen Momenten immer schnell die Beach Boys zu verorten sind, ergeben sich auf dem Sin-Fang-Bous-Debüt weitaus mehr Assoziationen: Tunng, der junge Beck Hansen, Julian Copes “Skellington Chronicles“, die Banjo-Nummern von The Lilac Time oder auch das “Village Green Preservation Society“-Album der Kinks. Und “Catch The Light“ klingt als ob die Teletubbies “The Days Of Pearly Spencer“ im Calexico-Style nachspielen. Dass dabei Siguffsons unorthodoxe Singweise einem ins Gedächtnis ruft, wie man einst mit sieben Jahren englischsprachige Popsongs lautmalerisch nachzuahmen suchte, passt da bestens ins Bild. Sofern Ekkehard Ehlers eine Fortsetzung seiner “Childish Music“-Compilation plant, würde er auf “Clangour“ mehr als fündig werden.

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Elektronische Lebensaspekte.