Wer beklagt, dass es keine Utopien mehr gibt, dem empfehlen wir einen Schnupperkurs Singularity. Danach ist nämlich zumindest eins klar, der Technofuturismus lebt nicht nur, nein, er ist in eine so massive Beschleunigung geraten, dass die Idee der Revolution dafür einfach nicht mehr reicht.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 98

So geht’s nicht weiter
Singularity von Ray Kurzweil

Man braucht sich nicht einmal umzusehen, um zu glauben, dass die Zukunft düster aussieht. Mehr als ein Glaube ist das allerdings nicht. Zufälligerweise ist der Glaube an eine strahlende Zukunft nur gerade etwas unglaubwürdig. Das war nicht immer so. Egal, was man unter strahlend verstehen mag. Utopien sind einfach nicht gefragt, technologische schon gar nicht. Gadgets ja, große Entwürfe, naja. Wird der Computer uns retten oder zerstören? Egal.

Dabei deutet nicht wenig darauf hin, dass eine Utopie unausweichlich ist. Und “Singularity” ist nicht die unwahrscheinlichste, definitiv aber das technologische Utopia per se, weil sie, ebenso wie ein schwarzes Loch, eine Entwicklung beschreibt, über die man kaum hinausdenken kann. Ray Kurzweil hat gerade ein 600 Seiten langes Buch darüber geschrieben, nach dem man sich fühlt, als hätte man eine Gehirnwäsche hinter sich. Und er ist wirklich nicht der erste, dem der Bruch, den eine sich exponentiell entwickelnde Technologie irgendwann im sozialen Leben verursachen muss, aufgefallen ist. Das Konzept ist alt, selbst das Wort dafür gibt es schon eine ganze Weile. In den späten 50ern kam es mit Stanislaw Ulam, einem “polnischen” Mathematiker auf. I.J. Good, Hans Moravec, Vernor Vinge, alle schon eine ganze Weile erklärte und sehr explizite Singularitaristen.

Die Grundthese: Die Entwicklung von Technologie ist nicht linear, sondern exponentiell. Und das nicht erst seit der Dampflok, sondern schon immer. Geht es so weiter, erreichen Computer, wie Charles Stross in seinem “Tough Guide To Singularity” (SciFi-Autoren, so ernst sie Singularity nehmen, müssen sich auch immer ein wenig darüber lustig machen, schließlich dürften sie sonst alle nur noch Near-Future schreiben) berechnet, irgendwann so um 11:14 vormittags am 16ten Juli 2017 die Rechenkapazität des menschlichen Hirns (laut Moravec). Und die ist ja bekanntlich eh selten ausgenutzt. Wie man das berechnet? In MIPS (fragt nicht weiter). So zwei Jahrzehnte später sollten sie – Moores Law lässt grüßen – in ungefähr die Kapazität der gesamten Menschheit haben. Wohlgemerkt, ein einzelner Computer, nicht alle zusammen. Misch das mit ein wenig AI und schon ist klar, dass Mitte des nächsten Jahrhunderts durchaus mehr als ein Renaissancezeitalter vor der Tür stehen könnte. Und das sind alles keine Spinner, die das behaupten, sondern gerne mal Wissenschaftler an völlig anerkannten Instituten, Mathematiker, Think-Tank-Mitarbeiter, Entwickler von Robotern und natürlich AI-Spezialisten. Und vor deren Tür stehen auch Nanotechnologie, Quantencomputer und ähnliche, bis vor ein paar Jahrzehnten von den meisten noch rigoros in das Reich der Science Fiction verwiesene Technologien. Weshalb der gut gemeinte Einwand, die letzten 50 Jahre waren ja auch nicht so revolutionär, dass sie an den Grundwerten der Menschheit etwas radikal hätten ändern können, ebenso ein Scheineinwand sein könnte, wie die Idee, dass man sich bei jeder neuen Technologie ja die Zukunft etwas rasanter vorstellt, als sie wirklich ist. Bei Kurzweil nennt sich diese Überlagerung von exponentiellen Technologien GNR, Genetik, Robotik, Nanotechnologie, und wer schon mit einer Revolution genug hat, bei dem dürften drei gleichzeitige ein dezentes Schwindelgefühl erzeugen.

Tatsächlich ist die Realität vielem, was früher als Science Fiction gedacht war, schon jetzt voraus, selbst wenn anderes gnadenlos hinterher ist (fliegende Autos). Selbst die ersten Beamversuche haben ja schon funktioniert, man kann schon Screens ausdrucken, Exoskelette liegen in Japan im Ladenregal, subvocale Spracherkennung läuft prima, Simultandolmetschen via Computer ist Beta-Realität, die Möglichkeiten jetzt sind schon so strange, dass man zumindest der Vorstellung, sich die nächste Hälfte dieses Jahrtausends nicht vorstellen zu können, Raum geben sollte.

Rapture for Nerds

Und dabei ist den meisten Autoren des “Genres” selbst klar, dass sie leicht in Verruf geraten können, eine Religion sein zu wollen (Ken McLeod nennt es “Rapture for Nerds”) und mit dem Quasi-Wittgensteinschen Totschlagargument irgendwie nicht so wahnsinnig offen für Gegenargumente sind. Klar ist ihnen aber auch, dass alles ganz anders kommen könnte und die SciFi-Lieblinge der 70er, aka Club-Of-Rome-Endzeitszenarien, einem durchaus einen Strich durch die Rechnung machen könnten. Singularity ist da die bessere Utopie. Für Kurzweil, der wegen seines Buchs “The Singularity Is Near” jetzt mal als Poster herhalten muss, werden sich die nächsten hundert Jahre wie 20.000 Jahre Fortschritt anfühlen. Evolution ist für ihn ebenso exponentiell wie Technologie, weil Technologie einfach ein Teil der Evolution ist. Der nächste Schritt ist eine Zivilisation der Mensch-Maschine. Uploads (von Menschen), Hirn-Elektronik-Interfaces. Um 2060 herum kostet das, was heute die gesamte Menschheit denken kann, ca. einen Cent.

Warum aber wird trotzdem nicht wirklich eine Religion daraus? Genügend Spinner-Potential ist doch da? Einfach. Religionen haben zumindest drei, gerne in verschiedenen Mischungsverhältnissen gleichzeitig vorhandene Eigenschaften. Sie schaffen entweder Sicherheit, Stabilität, das wäre die Religion als Konserve, oder aber sie liebäugeln mit der Apokalypse, Religion und Furcht, aber auch Religion und Auferstehung wäre hier die Grundthese, und nicht zuletzt bieten sie finanzielle Vorteile, Religion als Macht eben. Dass Singularity das Gegenteil von Stabilität ist, dürfte klar sein, und auch wenn man sagen könnte, das ist die Apokalypse, so ist es zumindest keine, die ein beschreibbares Jenseits anbietet, es sei denn als Hypothese, und eine Moral oder Ethik lässt sich dahingehend auch nicht wirklich aufbauen. Denn mit dem Versprechen, dass nach der Apokalypse alles anders ist, lässt sich kaum eine andere als eine diffuse Furcht aufbauen, es sei denn, man gründet eine Religion gegen Singularity. Und der dritte Punkt? Geld? Es gibt zwar einen kleinen Haufen von Singularisten, die sich auf diversesten Kongressen herumtreiben und Bücher veröffentlichen etc., die aber haben meist eh schon einen gut bezahlten Job, und die Perspektive, was Geld betrifft, dürfte im Rahmen der exponentiellen Beschleunigung klar sein. Geld wird immer weniger ein Problem. Arbeit im klassischen Sinn immer unwahrscheinlicher. Und nicht zuletzt, Singularity ist eine dieser Anti-Religionen, der es egal ist, ob man dran glaubt oder nicht. Und selbst wenn man ein Verfechter des “So viel wird sich nicht ändern” ist und an die unveränderliche Konstante des Menschseins glaubt, kurzum ein Essentialist ist, dürfte das Lesen von Kurzweils “The Singularity Is Near” ein erfrischender Realitätsabgleich sein, nachdem man zumindest ein wenig klarer sieht, welche eigenen Argumente man dafür haben mag, dass die Zukunft doch noch zu begreifen ist. Und wem am Ende der Slackerhauch der Paranoia am Ganzen fehlt, der braucht nur daran zu denken, dass Microsoft beschlossen hat, ihr übernächstes Betriebssystem Singularity zu nennen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.