Text: benjamin weiss aus De:Bug 13

Benjamin Weiss nerk@de-bug.de Sirius – all-in-one Workstation Der Sirius von Quasimidi ist eine Workstation mit internem Synthesizer, Drumcomputer, Vocoder, Sequenzer und Beat Recognition System. Das sind natürlich eine Menge Features auf einmal, weswegen ich mich einleitungstechnisch auch auf diese beiden Sätze beschränken will, um gleich zum Thema zu kommen. Synthesizer/Drumcomputer Die gesamte Klangerzeugung des Sirius beruht auf einer Kombination von Samples und digitaler Synthese. Die Klangerzeugung ist 28-stimmig und erlaubt sieben gleichzeitig erzeugbare Sounds, aufgeteilt in Bassdrum, Snare, Hihat, Percussion und drei verschiedene Synthesizer. Der Percussionpart bildet eine Ausnahme, den ein Percussionset besteht aus zwölf verschiedenen Sounds, die sowohl einzeln als auch zusammen bearbeitet werden können.Für jeden Bereich gibt es eine Menge Presetsounds: je 96 für die Drums und insgesamt 288 Synthesizersounds, für selbsterstellte Sounds stehen pro Part 96 Speicherplätze zur Verfügung, was ja schonmal ungewohnt komfortabel ist. Im Percussionpart lassen sich aus den Drumsounds zusätzlich bis zu zwanzig verschiedene Percussionsets zusammenstellen. Die Presetsounds im Drumbereich bestehen zu einem Großteil aus Samples alter Drumcomputer wie 909, 808, Linn Drum und 606 , dazu gibts noch ein paar “Naturdrums” und einige Effektsounds, die alles in allem recht gut bis sehr gut klingen. Die Presets im Synthesizerbereich sind nicht so mein Fall, aber trotz einer Unmenge an Sounds mit Namen wie “Da Hool”, “Eastbam”, “Cosmic B” und “Trancer”, die ich teilweise richtig schrecklich finde, sind bestimmt so an die fünfzig okay bis gut, viele Achtziger – Lead- und Flächensounds, aber auf Presetsounds kommt es dann auch nicht so wirklich an, schließlich gibt es ja noch eine Menge Knöpfe zum Selberdrehen und auch den entsprechenden Speicherplatz. Jeder Sound des Sirius wird mit zwei Oszillatoren erzeugt, wobei wahlweise die Samples oder eines der 125 Oszillatormodelle zum Einsatz kommen. Das heißt, daß auch alle Drumsounds in fast allen Parametern der Synthesizersektion editierbar sind. Die beiden Oszillatoren lassen sich per Drehregler gegeneinander verstimmen, weiterhin gibt es Glide, Filter Overdrive (übersteuert den Filter) und Wave Macro (zur Auswahl des Oszillatormodells) im direkten Zugriff. Im Menü verstecken sich noch die Pitchhüllkurve (das Tonhöhenverhalten nach dem Tastendruck) die außer in der Intensität (sowohl negativ als auch positiv!) noch in ihrem Attack- und Decayverhalten editiert werden kann. Der Filter des Sirius arbeitet wahlweise mit einem 12db oder 24 db Tiefpass oder einem 12db Hochpass. Direkt zugreifen kann man über die entsprechenden Regler auf die Resonanz (heißt hier “Q-Factor”), den Cutoff, die Envelope Modulation und einen Macroregler, mit dem man 127 verschiedene Hüllkurven anwählen kann, die das ADSR-Verhalten des Filters steuern. Wer weniger bequem ist, kann Attack, Decay, Sustain und Release aber auch im Menü selbst einstellen. Schließlich gibt es noch die VCA-Sektion: hier lassen sich Grundlautstärke (VCA Level), das ADSR-Verhalten des VCAs (wahlweise wieder per Macros oder Direkteingabe) und die Steuerung der Lautstärke durch Anschlagdynamik definieren. Jeder Part hat seinen eigenen LFO, dessen Funktionsweise und Routing sich im Modulatorbereich einstellen läßt. Definierbar sind die Wellenform des LFO, seine Frequenz, Intensität, das Modulationsziel (zum Beispiel VCA, Cutoff) und sein Ansprechen auf externe Midiclock, zu der man ihn in Abhängigkeit zur Notenauflösung synchronisieren kann. 20 Percusssionsets (alte werden überschrieben) Sequenzer Ungewohnt erscheint zunächst die Hierarchie: zuerst kommen die sogenannten Motifs, aus denen dann die Patterns zusammenzusetzen sind, die zu Songs verknüpft werden. Die Motifs können bis zu acht Takte lang sein, wobei unterschiedliche Längen auf die verschiedenen Parts gelegt werden können. Die Auflösung und damit auch die Quantisierung beträgt wahlweise 16, 24 oder 32 Steps pro Motif. Ein Pattern definiert sich beim Sirius aus der Belegung der verschiedenen Parts mit Motifs, die gleichzeitig gestartet und dann immer wiederholt werden, wodurch man bei verschiedenen Motiflängen Verschiebungen erzeugen kann. Außerdem werden im Pattern die Belegungen der einzelnen Parts mit Motifs, Sounds, Groove und die Mix-Parameter wie Level, Panorama, Effektsends und Vocoderrouting abgelegt. Zur Erstellung von Motifs gibts verschiedene Möglichkeiten: Drumgrid (nur für die Drums anwendbar), einen Stepsequenzer (nur für die Synthesizer Parts) und ein Realtime Modus, der für alle Parts benutzbar ist. Der Drumgrid funktioniert wie bei der Alltime-Reference 808/909, über die sechzehn Steptasten lassen sich die Drums setzen. Beim Stepsequenzer erfolgt die Eingabe der Noten über das Keyboard, mit den beiden Funktionstasten und dem Valuerad kann man sich durch das Motif manövrieren und einzelnen Steps noch Werte für Velocity und Notenlänge (abhängig von der Auflösung) zuweisen. Im Realtime Modus lassen sich alle Parts per Hand einspielen, wobei ein Metronom einen Takt vorzählt. Zu kritisieren wäre hier, daß dieser Modus nicht aus dem laufenden Pattern heraus ohne Übergang zu aktivieren ist, wodurch er im Livebetrieb nicht zu benutzen ist, außerdem wird die Aufnahme nach Ablauf des Motifs gestoppt, und zwar auch im Overdubmodus. Im Realtimemodus können auch alle Reglerbewegungen der Synthesizersektion aufgezeichnet werden, was superpraktisch ist. Hat man sich völlig verdreht, lassen diese sich, ohne den Rest des Motifs zu beeinflussen, einfach wieder löschen. Groove kann man beim Sirius bequem in Prozent patternweit einstellen, wobei höhere Werte einen extremeren Shuffle bedeuten. Die Percussionmotifs bilden auch im Sequenzer eine Ausnahme: in einem Motif werden sämtliche Spuren der einzelnen Percussionsets abgelegt, wodurch zusätzlich zu den anderen Drums bis zu zwölf Drumspuren zur Verfügung stehen, die aber voneinander unabhängig in der Lautstärke und im Filterverlauf editiert werden können. Bleibt noch die Songsektion des Sequenzers: ein Song kann bis zu 600 Takte enthalten sowie Transponierungsinformationen für die Synthparts; hier finden sich keine spektakulären Extrafeatures, die Songfunktion ist aber mit allen grundlegenden Funktionen ausgerüstet und gut zu bedienen. Es gibt 100 Speicherplätze für Patterns, 100 Speicherplätze für Motifs und 16 für Songs. Mir ist nicht so klar, wozu man 142 nicht überschreibbare Presetpatterns braucht, aber 100 Userpatterns sollten in den meisten Fällen genügen. Vocoder Ein weiteres Element des Sirius ist der Vocoder: über das mitgelieferte Schwanenhalsmikrofon kann man direkt reinsprechen oder singen, ansonsten hat das Gerät noch je einen Klinkenanschluss für ein externes Analyse – und Carrier – Signal, wahlweise lassen sich auch die Parts direkt auf den Carrier oder den Analyseeingang legen, wodurch eigentlich alle Einsatzmöglichkeiten abgedeckt sind. Sechzehn gute Vocodergrundprogramme stehen zur Verfügung, will man eigene Einstellungen abspeichern, muß man diese überschreiben. Über die Drehregler des Mixer-Bedienfelds kann man im Vocoder Modus die Lautstärken der einzelnen Bänder sowie deren Panoramaeinstellung verändern, im Filterbankmodus repräsentieren sie die einzelnen EQ-Bänder. Beat Recognition Beat Recognition ist ein Feature, mit dem Audiodaten in Midiclock umgewandelt werden, was bei unterschiedlichsten Gelegenheiten von Nutzen sein kann: sei es, um ein Liveset zum DJ zu synchronisieren, um einen Remix zu machen oder einem Stück noch etwas hinzuzufügen oder einfach um Geräte mitlaufen lassen zu können, die kein Midi haben. Dazu muß ein Audiosignal am Eingang anliegen und ein Takt mitgetappt werden, damit der Sirius die eins findet. Funktioniert genauso gut, wenn nicht manchmal sogar noch besser, wie das 800 Mark teure Stand Alone Gerät Red Sound Voyager. Arpeggiator Der Arpeggiator des Sirius läßt sich grundsätzlich auf alle Parts anwenden, allerdings ist es nicht möglich, ihn auf mehr als einen Part gleichzeitig zu legen. Sechzehn verschiedene Presetsettings gibt es, neun eigene Arpeggiatormuster lassen sich abspeichern. Die Grundeinstellungen des Arpeggiators werden immer im Zusammenhang mit einem Sound abgespeichert, wohingegen die selbst erstellten Arpeggiatormuster in einem Untermenü als anwählbare Einstellungen abgelegt werden. Der Arpeggiator läßt sich sehr umfangreich einstellen: das Dynamikverhalten, die Auflösung, die Notenlänge, die Abspielrichtung, der Oktavraum und das Programmieren eigener Muster sind Features, die es bei einigen Synthesizern gehobener Preisklasse so nicht gibt. Zusätzlich zu diesen Möglichkeiten hat der Arpeggiator noch zwei weitere Funktionen, die es erlauben, Chord-Trigger und Gater-Effekte zu benutzen. Bedienung/Oberfläche Das Interfacedesign des Sirius ist sehr durchdacht und übersichtlich strukturiert. Alle Main Features sind schnell über die 72 Knöpfe und Bedienelemente zu erreichen. Selten braucht es mehr als zwei drei Tastendrücke, um zum gewünschten Editmodus der verschiedenen Elemente zu gelangen. Auch das Verschalten einzelner Elemente (zum Beispiel Part auf Vocoder, Drehregler auf Modulationsrad) ist praktisch gelöst und verhindert Frust durch Menümyriaden beim Produzieren. Sound Den Sound der Synthesizerpresets habe ich ja oben schon beschrieben, der ist wirklich zum Teil GESCHMACKSSACHE. Der Filter und die Klangerzeugung ist ordentlich, einen Superfilter a la Waldorf XT kann man natürlich nicht erwarten. Einige der Presetdrums klingen ein wenig Hifiartig, was aber mit ein paar kleinen Eingriffen schnell verändert werden kann. Alles in allem korrekte Soundfähigkeiten. Midi Die Midiimplementation des Sirius ist erfreulich umfassend: sämtliche Synthesizereinstellmöglichkeiten senden und empfangen eigene Midicontroller, den einzelnen Parts lassen sich unterschiedliche Midikanäle zuweisen, vier verschiedene Dumparten (Momentan Dump, Sound Dump, Song Dump und All-Dump) stehen zur Verfügung und wirklich fast alle Parameter sind über Midi zu erreichen. Livefeatures Für den Liveeinsatz ist der Sirius gut vorbereitet: die einzelnen Parts lassen sich direkt per Taste muten, für Lautstärkeveränderungen und Panorama hat jeder Part seinen Drehregler und mit zweimal Tastedrücken kann jeder Part in seinen Soundeigenschaften über die Synthesizersektion bearbeitet werden. Zusätzlich besteht die Möglichkeit, acht Pattern auf die Padtasten zu legen, um sie direkt abrufen zu können, was pro Song geschieht, wodurch es acht verschiedene Setups gibt. Darüber hinaus kann man auf den Pads noch 4 Breaks und vier Special Loop Tracks ablegen. Breaks sind dabei User Patterns, die nicht geloopt werden und 1-8 Takte lang sein können. Special Loop Tracks sind so eine Art Motifaustauschfunktion, das heißt, daß die im Pattern laufenden Motifs durch andere oder ersetzt werden können. Das einzige was livetechnisch fehlt ist die Möglichkeit, (wie schon im Sequenzerabsatz beschrieben) in Realtime zu laufenden Patterns etwas aufnehmen zu können, worauf man sich aber einstellen kann. Fazit Sieht man einmal von den Demosongs, einigen Presets und den fehlenden Einzelausgängen (ich wünsche mir dafür ein Expansionboard oder wenigstens die Möglichkeit, über die Filterbank das Gesamtausgangssignal zu equalizen!) ab, läßt sich eigentlich nur positives über den Sirius sagen. Guter Sequenzer (mit dem leichten, schon zweimal erwähnten Realtime-Manko), beinahe vorbildliche Benutzerführung, guter Vocoder, sinnvolles Beat Recognition System, gutes Handbuch (auch wenn die Bindung verbessert werden könnte!) und vor allem ein ziemlich unschlagbares Preis/Leistungsverhältnis für diesen Funktionsumfang. Die Effektsektion ist zwar ein bißchen sehr basic, klingt aber okay und für den Preis kann man ja nun auch nicht alles haben. Erfüllt als Workstation ihren Zweck im Bereich elektronischer Musik, vor allem für Drum/Groove – lastige Tracks und Electro bestens geeignet. Info: http://www.quasimidi.com Preis: 1995,- DM

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Elektronische Lebensaspekte.