Von Public Enemy zur Frankfurter Buchmesse. PEs ehemalige 'Sister Of Instruction' Souljah führt in ihrem Debütroman 'The longest Winter ever' mit Hard Boiled-Moralismus durch das Ghetto, um aus ihm herauszuweisen. Ob dazu wirklich soviel Schwarz-Weiss-Malerei mit moralischem Zeigefinger notwenig ist, scheint jedoch fragwürdig.
Text: joachim landesvatter | landesvatter@gmx.de aus De:Bug 49

Schwester Soldat, I Know You Got Soul
Sister Souljahs Debut-Roman

Viel extremer als bei einer HipHop-Platte habe ich das Gefühl, durch’s Schlüsselloch in eine mir unbekannte Welt zu schauen, die von Drogen, Sex, Gewalt, vor allem aber von Geld geprägt ist. Sister Souljahs Debut-Roman “The coldest Winter ever” lässt mich als weißen Mittelstands-Mitteleuropäer als Voyeur dastehen. Von Beginn an ist mir klar, dass dies ein Buch für die Black Community ist, die sich mit nicht wirklich versteckter Zeigefinger-Mentalität einer Predigt unterziehen soll. Die Message: Drogen sind schlecht, sie unterstützen nur den Kampf der Schwarzen gegeneinander. Selbstsüchtiger Egoismus bringen die Brothers und Sisters nicht weiter.
Diese Botschaften des Romans sind vermeintlich subtil in einer Handlung versteckt. Im Mittelpunkt steht Winter, die Tochter eines New Yorker Drogen-Lords, der seinen anderen drei Töchtern die Automarken-Namen Lexus, Porsche und Mercedes zukommen ließ. Probleme gibt es erst, als ihre Mutter angeschossen und der Vater verhaftet wird. Die Familie wird auseinandergerissen und verarmt.
Winter ist die weibliche Ausgabe des American Psychos, allerdings schwarz und ohne Massenmorde zu begehen. Ihre Grausamkeit besteht aus ihrer eiskalten Oberflächlichkeit. Ähnlich wie Patrick Bateman ist die “Luxus-Bitch” nur auf Äußerlichkeiten wie teure Mode und Autos fixiert. Ohne Skrupel nutzt sie alle Menschen gekonnt aus, die ihr eigentlich nahestehen. Das wird ihr letztendlich zum Verhängnis. “By any means necessary” will sie nur eines: reich werden. Dabei vermag sie nicht zu sehen, dass ihr Vater Verbrechen begangen hat, um an Geld zu gelangen. Auch sie schreckt nicht davor zurück, ohne Rücksicht auf Verluste zu ihrem eigenen Vorteil Freunde auszunutzen oder diese in Notsituationen im Stich zu lassen. Ihr Sarkasmus kann bisweilen auch bissig-amüsant sein, etwa als sie mit Souljah aidskranke Frauen besucht und das kommentiert: “They were in need of hygiene and a fashion rescue mission.”
Sister Souljah ist selber Protagonistin des Buches und nutzt die Handlung zur etwas nervigen Ego-Selbstdarstellung als Heilsbringerin auf dem afro-amerikanischen Weg der Selbstfindung. Mit mütterlicher Fürsorge nimmt sie sich Winter an, doch deren Kälte ist schon zu weit fortgeschritten, das Drogensystem hat sie zu sehr verdorben.
Souljahs Zeigefinger wird dem Leser auf jeder Seite buchstäblich vor Augen geführt. Was das Buch trotzdem lesenswert macht, ist die rohe, ungeschliffene In-Your-Face-Sprache und die weibliche Sichtweise auf die männerdominierte Welt der Drogen, Rapper und Kriminellen. Authentizität kann man Souljah dabei sicherlich nicht absprechen, seit langem ist sie in der gemeinnützigen Community-Arbeit etwa im “African Youth Survival Camp” tätig und hat damit ein gutes Gespür für den Slang der Projects. Als erstes und bisher einziges weibliches Mitglied von Public Enemy stand sie 1991 als deren “Sister Of Instruction/ Director Of Attitude” im Rampenlicht der Öffentlichkeit. “We are at war!” skandierte sie im gleichen Jahr auf der Solo-LP des PE-DJs Terminator X. Ein Jahr später verärgerte eines ihrer Statements den amerikanischen Präsidenten Bush sen., der sie daraufhin als “Rassistin” bezeichnete. Sinngemäß hatte Souljah nach den Riots in Los Angeles geäußert, dass sie nicht verstünde, warum afrikanische Amerikaner gegeneinander Gewalt anwendeten und ob es nicht sinnvoller sei, diese gegen weißen Rassismus zu richten.
Mittlerweile ist Souljah für Sean “Puffy” Combs Non-Profit-Housing-Project für Jugendliche mit dem Namen “Daddy’s House” tätig. Ihr Chef wird dann auch auf dem Cover der englischsprachigen Ausgabe des Buches zitiert. Er hält Souljah für “the No.1 HipHop author of her generation”! Wenn ich realen New Yorker HipHop haben möchte, dann höre ich mir doch lieber Platten von Mobb Deep oder Mos Def an. In der Message-mit-dem-Vorschlaghammer-Oprah Winfrey-Welt kommt das Buch sicherlich sehr gut an.

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Elektronische Lebensaspekte.