Text: Heike Lüken aus De:Bug 82

Von DJ Vadim zu Ninja Tune

Ein gutes Label hat nicht nur die Aufgabe, gute Musik zu verlegen, sondern auch, die dazugehörigen Musiker erst einmal zu finden. Zum 10-jährigen Jubiläum von Ninja Tune hat man zielsicher aus den Tausenden von Demos, die das feine kleine Label wöchentlich überschütten, jenes von Skalpel herausgefischt und die beiden Polen Igor Pudlow und Marcin Cichy aus Wroclaw (aka Breslau) ziemlich plötzlich und zurecht in einen größeren Wirkungskreis gezogen. 2000 hatten sie fast per Zufall DJ Vadim an vier Turntables auf seiner Tour begleitet, das vielgerühmte ”Polish Jazz“-Album herausgebracht und schließlich folgte eine Mail aus dem Hause Ninja Tune, doch bitte einen Plattenvertrag zu unterschreiben.
Skalpel haben mit ”Sculpture“ ein Album gemacht, das gelangweilten Gegenwartsbeobachtern wieder Lust auf Samples der guten alten BigBeat-Schule macht, HipHop als etwas Innovatives erscheinen lässt und galant die Brücke schlägt zu reinen und außerdem erstklassigen Jazz Tunes, die vornehmlich aus dem Osten Europas stammen, wie Igor im Interview preisgibt. ”Wir sammeln alte polnische Jazz-Platten aus den 70ern und 80ern. Wir suchen die ganze Zeit auf Flohmärkten, im Internet und Second-Hand-Läden rum und kaufen gerne Scheiben aus der Slowakei, Ungarn und Ostdeutschland. Von diesen Platten nehmen wir etwas und machen unsere eigene Musik daraus.“ Igor beschreibt ihre Arbeit als ziemlich schlicht, was ihrem Album so gut tut: ”Wir arbeiten an unseren PCs zu Hause, wir haben kein Studio. Heutzutage ist es ziemlich einfach, Musik zu machen. Es kommt nicht auf das Equipment, sondern auf die Idee an. Die Programme erlauben es uns, die Musik wie handgemacht klingen zu lassen. Wir setzten unsere Samples per Klick mit der Maus in die Songs. Darum hört es sich nicht mechanisch an. Wir versuchen, wie Musiker zu spielen.“
Obwohl auch Polen über eine inzwischen voll funktionierende (lies: kommerzialisierte) HipHop-Szene verfügt, bleiben Reste der alten Ausgrenzung noch erhalten: ”Ja, wir sind in einer Art Isolation und es verhilft uns zu einer gewissen Originalität. Wir haben für fast ein halbes Jahrhundert keine einzige Platte aus dem Westen hier gesehen. Es hat uns geholfen, originell zu bleiben und unseren eigenen Sound zu haben.“ (Von welchem “Wir” er dabei spricht, ist angesichts der Massen von polnischen Lizenzpressungen westlicher Pop- und Rockmusik seit den 80ern allerdings fraglich …) Zum Schluss zerstreut er lachend die vermeintlichen Bedenken beider Seiten: ”Erwartet keine polnische Invasion im Musikgeschäft, aber wir hoffen, dass die Leute im Westen unsere Musik mögen. Und wir wissen, dass die Leute im Westen Angst vor den polnischen Arbeitern haben. Aber keine Sorge – es sind eh schon genug da!“

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Elektronische Lebensaspekte.