Skandinavien steht für die schwarze Röhre, für Rock'n'Roll in der slicken Klassik-Variante. Das schert man von außen gerne über einen Kamm. Unser schwedischer Modejournalist Mats Almgard zeigt, wie grundunterschiedlich dänische und schwedische Mode sind und wie sehr die schwarze Röhre schon wieder ins Hintertreffen geraten ist. Es muss ja nicht alles "lagom" sein.
Text: Mats Almgard aus De:Bug 107

Mode

Wir gucken nicht mehr in die Röhre
Mode-Update Skandinavien

Wenn Minimal der Technotrend der letzten Jahre war, dann hatte diese musikalische Reduktion ein Äquivalent in der skandinavischen Mode. Die Uniform “schwarze Röhrenjeans, schmale Krawatte” taucht schnell in den Gesprächen auf, wenn es um die skandinavischen Länder geht. Vielleicht ist es noch zu früh, sich ein Leben nach Minimal vorzustellen. Aber in der Mode kann man schon Alternativen ausmachen – sogar in der vorsichtigen schwedischen Mode.

Grau, schwarz, hauteng, figurbetont und zurückhaltend. Bloß kein großes Aufsehen erregen. Bescheiden sein und gut ankommen. Dies scheint die Philosophie der schwedischen Mode zu sein, die in den letzten Jahren erfolgreich ins Ausland exportiert wird. Die Dänen haben Helle Mardahl, Henrik Vibskov und Wood Wood, die nicht in das minimale und scheue Fach passen. In Schweden sah das bis vor kurzem anders aus: Filippa K, Acne, Whyred, Cheap Monday und Ann Sofie Back designten ganz coole Kleider – die alle der minimalen “Uniform” entsprachen. Am besten wurde sie auf Schwedisch mit einem Wort beschrieben, das als unübersetzbar gilt: “lagom”. “Nicht zu viel und nicht zu wenig”, “dazwischen” oder “bescheiden” wären mögliche Übersetzungen, aber sie treffen nicht ganz ins Schwarze. “Lagom” ist eine Lebensphilosophie von vielen Schweden, die kein Aufsehen erregen wollen.

In den schwedischen Modemagazinen ist zurzeit das kleine Schwarze wieder als neuer Trend angesagt. Oder Moment mal. Wieder? War es wirklich jemals weg?
“Ja, diesen Winter und Frühling wird die schwedische Mode sehr aus Grautönen und Schwarz bestehen. Dieser Minimalismus ist vor zehn Jahren verschwunden und kommt jetzt zurück. Natürlich gibt es auch eine Alternative, oder sagen wir mal einen Anti-Trend“, meint Lotta Ahlvar, Geschäftsführerin beim schwedischen Rat für Mode in Stockholm (Swedish Fashion Council).

Mit Astrid Lindgren könnte man es vielleicht so ausdrücken: Die Schweden bevorzugen in der Mode eher Tommi und Annika als Pippi Langstrumpf. Frau Ahlvar kennt sich natürlich aus. Wenn jemand von der schwedischen Modeszene und -branche Ahnung hat, dann ist sie es. Sie ist auch diejenige, die jedes Jahr einem jungen Designer oder einer jungen Designerin den ”Rookiepreis” verleiht. Und sie vergibt den Preis gerade nicht an die Newcomer, die dem von ihr prognostizierten Trend entsprechen, sondern den Ausreißern. Gewinner dieses Jahr war “Dada’s Diamonds“, eine Juwelierfirma, die Accessoires kreiert, die lustig, comichaft und spielerisch sind. Die neueste (Preis-gekrönte) Kollektion thematisiert zum Beispiel die Anfangsszene aus Robinson Crusoe mit Papageien, Flinten und allem Drum und Dran. Auch die anderen Rookie-Nominierten sitzen nicht in der dunklen Ecke, sondern stehen eher für Spiel, Farbe und Humor.

Eine Designerin wie Maxjenny Forslund zum Beispiel. Ihr Label heißt “Les Couleurs Nationales“ – es hat aber auch einen Untertitel: ”Fashion and Circus”. Maxjenny stellt Schuhe, Frauenkleider, Accessoirs und goldene Bikinis in frohen Farben und üppigen Schnitten her (Die Bikinis trugen übrigens Madonnas Tänzer im Video von Sorry. Dass Madonna Schweden toll findet, ist spätestens durch die aktuelle Kampagne von H&M klar. Oder zumindest, dass sie es auch mag, mal in schwedischen Kronen bezahlt zu werden). Maxjenny pendelt zwischen Südschweden und Dänemark und findet das südlichere Land lockerer: “Schwedische Mode ist sehr schick, aber nicht so lustig. In Kopenhagen sind die Menschen in Bezug auf Farben und Schnitte viel offener. Ich mag es, diese beiden Welten zu kombinieren. Ich liebe es, wenn etwas sehr arty und ausgeflippt ist, aber es muss in Kombination mit anderen Kleidern getragen werden, die ziemlich normal und gedämpft sind, sonst geht die intendierte Wirkung verloren!“
Wieso hat dein Label auch den Untertitel ”Fashion and Circus”?
“Weil die Modewelt einfach ein Scheißzirkus ist, in dem es gleichzeitig graue Mäuschen und tolle, karierte Fabeltiere gibt. Wir reisen ständig um die Erde auf einer wahnsinnigen Tournee und ich liebe es, Teil dieser Zirkusgesellschaft zu sein!“

Mit den neuen Labels beginnt die Buntheit so langsam aber auch in Schweden zu wuchern. Lange war Schweden das Land für Streetwear und Casual. Mit dem anhaltenden Grunge-Trend lässt sich so was natürlich bestens verknüpfen. Ein ziemlich neues Label, “Minimarket“, macht dies hervorragend – und ebenfalls mit Humor. Das Label wird von den drei Schwestern Sofia, Jennifer und Pernilla Elvestedt betrieben und ihre Kleider sind diesen Herbst oft kariert und sollen in mehreren Schichten getragen werden. Im Stil liegen sie irgendwo zwischen ”elegant” und ”street”.
“Wir wollen eigentlich das Kleidungsstück entwerfen, das dein Outfit gerade modisch und fashionable macht. Wenn du Jeans von Acne und ein T-Shirt von Filippa K trägst, ist das natürlich in Ordnung. Du solltest aber auch etwas von Minimarket tragen, damit du deinen ‘Modegrad’ erhöhst“, erklärt die älteste Schwester Sofia.
Sofia ist 28, ihre beiden Zwillingsschwestern sind 21. Sofia hat erst eine Boutique mit dem Namen Minimarket eröffnet und ihre Schwestern haben dort während ihrer Freizeit gearbeitet. Als die beiden Abitur gemacht hatten, wurde schnell das Modelabel Minimarket von den drei Schwestern gegründet. Sofia ist für das elegantere Design verantwortlich, Jennifer für Trikots und Pernilla für Mäntel und größere Kleidungsstücke.
“Für Muster und Passform ist aber keine von uns Schwestern, sondern Junko Kosaka verantwortlich. Wir Geschwister haben keine Ausbildung, und für diese Aufgaben müssen wir jemanden beauftragen. Junko macht die Arbeit wahnsinnig gut.“
Die in Berlin ausgebildete Japanerin hat einen sehr scharfen Blick für außergewöhnliche Schnitte und die Silhouetten von Minimarkets Kleidern sind immer überraschend fein modelliert.

Sisters are doing it for themselves

Komischerweise wird auch ein anderes Label, das gerade jetzt sehr stark kommt, von drei Schwestern betrieben. Karin Söderlind, Kristina Tjäder und Sofia Malm kommen alle ursprünglich aus Göteborg, wo ihre Faszination für Mode durch ihre Großmutter Dagmar geweckt wurde.
“Unsere Großmutter war keine Designerin. Sie war Schneiderin und nähte für die Frauen im Viertel. Als wir Schwestern klein waren, hat sie uns Klamotten genäht. Faszinierend war, dass Großmutter ständig Ahnung davon hatte, was aktuell war. Sie hat uns sehr beeindruckt und geprägt. Deshalb nennen wir unsere Firma nach ihr, Dagmar“, erzählt Kristina Tjäder, die wie ihre Schwester jetzt aber in Stockholm lebt.
Kommt der damenhafte Touch eures Labels auch von der Großmutter?
“Ja, unsere Oma war sehr chic und weiblich. Sie hatte immer Handschuhe, kleine Hüte und sah einfach sehr gut aus! Wir wollen aber natürlich das Damenhafte balancieren. Unsere Linie soll auch cool sein. Viel hängt vom Styling ab. Es kann einfach zu rentnerhaft werden, wenn man nicht aufpasst!“
Dagmar als Label arbeitet oft mit gestrickten Klamotten und es ist kaum überraschend, dass Kristina Wolle als Lieblingsstoff wählt. Die Kleider von Dagmar sind feminin und orientieren sich weg von der Androgynität und dem Rock’n’Roll-Gefühl manch anderer schwedischer Label. Bisher sind nur vier Kollektionen entstanden, die aber alle für Furore in der schwedischen Modewelt gesorgt haben – ”Rookie of the year” 2005, ”Bestes Neues Label” in der schwedischen Ausgabe von Elle 2006.
“Diese beiden Auszeichnungen haben uns sehr geholfen. Jetzt sind wir dabei, uns im Ausland zu etablieren.“
Wenn Dagmars Kleider nicht gerade denjenigen von Pippi Langstrumpf entsprechen (eher sind es die von Fräulein Prüsselius – aber mit Coolness und einem zwinkernden Auge getragen), gibt es jedoch eine Menge von jungen Designern und Labels in Schweden, die momentan auf dem Weg sind, die ängstlichen Kleider von Tommi und Annika in die bunten Klamotten von Pippi zu verwandeln.
Seien es die Zirkusklamotten von “Les Couleurs Nationales“ oder die bunten, lustigen Strickjacken von “Odd Molly“, die Karin Jimfelt-Ghatan designt, die schönen, eleganten und üppigen Kleider von Labels wie “Karin & Pias“, Bea Szenfeld oder Behnaz Aram. Oder seien es die herzgeformten Taschen von Ylva Liljefors oder die Kleider von Johan Johansson Anderssons Label “So Last Season“, die eine geniale Verbindung zwischen Technoclub, Manga, Goth und Grunge herstellen. Allen gemeinsam ist die Tatsache, dass die Schweden nicht länger scheu und zurückhaltend erscheinen müssen, sondern dass sie auch mutig, verspielt und ein bisschen abgefahren sein können. Dies tun die Label durch ihren Hang zu Vielfarbigkeit, asymmetrischen Schnitten, spannenden Details und Accessoires, betonten Taillen, gemusterten oder bedruckten Stoffen. Schlicht und einfach mehr Spiel, mehr Pippi Langstrumpf. Endlich muss sie nicht mehr im Schatten der wohl erzogenen und nett gekleideten Tommi und Annika leben. Schön für sie. Jetzt kann es endlich richtig kunterbunt in der schwedischen Villa zugehen.

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Elektronische Lebensaspekte.