Das japanische Elektronik-Trio "Yellow Magic Orchestra" war das popverspielte Gegenstück zu der Unterkühlung von "Kraftwerk". Das war in den frühen 80ern. Nachdem YMO Millionen von Elektronikabands mit Sinn fürs dadaistische Kinderlied geprägt haben, kehren sie jetzt mit ihrem Folgeprojekt "Sketch Show" ins europäische Rampenlicht zurück. Und die "Sketch Show" ist so gut, dass man sich fast schämt, die bravouröse Vergangenheit als Referenz herangezogen zu haben.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 84

Legenden

Yellow Magic Kammerorchester
Sketch Show

“Weißt du, wir haben vor ungefähr zwei Jahren eine große Tournee durch Japan gemacht, in großen Hallen gespielt, 200.000 Platten verkauft und gemerkt, dass es das nicht sein kann, nicht ausschließlich jedenfalls. Wenn man in kleinen Clubs spielt, sieht man die Gesichter des Publikums, den Enthusiasmus der jungen Leute, die zu unseren Gigs kommen. Man ist näher dran, das fühlt sich viel besser an.” Haruomi Hosono zündet sich im Goethe-Institut in Kyoto eine Zigarette an, lehnt sich zurück und schaut erst Yukihiro Takahashi, die andere Hälfte von Sketch Show, an und dann mich. 26 Jahre nachdem beide gemeinsam mit Ryuichi Sakamoto das Yellow Magic Orchestra gründeten, elektronische Geschichte geschrieben und Gott weiß wie viele Alben verkauft und wie keine andere Band die technischen Inventionen ihres Heimatlandes musikalisch umgesetzt haben, sind beide mit Berliner Elektronikern in Japan unterwegs. Am Abend zuvor in Tokyo waren 600 Kids da, in Kyoto werden rund 250 erwartet. Mit diversen Powerbooks, Synths, Bass, Percussion-Pads und einer ausgeklügelten Videoshow verwandeln die beiden selbst das unterkühlte Auditorium des Goethe-Instituts in ein intimes Studio. Der Soundcheck ist gerade vorbei, der Manager telefoniert, der Übersetzer macht sich Notizen. Hosono wirkt elegant, könnte locker für die Rave-Haute-Couture modeln, trägt Seidenhemd. Takahashi wirkt mit seiner Schiebermütze, den abgewetzen Jeans und seinem Nietengürtel wie ein Stück Inventar aus dem Berliner WMF. Es gibt Schokolade mit Grüntee-Geschmack und die vielen Emails im Vorfeld zwischen mir und Plattenfirma sind vergessen. “Are you from Berlin? How nice, we wanna go!”
Vor vier Jahren trafen sich beide in einem Radiosender wieder. Nachdem YMO sich aufgelöst hatte, hatten sie sich zunächst jahrelang nicht mehr gesehen. “Es war eigentlich ein Witz”, erinnert sich Takahashi. “Man trifft sich wieder, redet und erzählt und plötzlich sagt man im Scherz: ‘Ja, lass uns doch mal wieder gemeinsam Stücke schreiben.’ Und dann schaut man sich an und beginnt wirklich darüber nachzudenken.” “Die ursprüngliche Idee war dann, dass ich eine Solo-Platte von Yukihiro produzieren sollte”, sagt Hosono. “Ich wusste aber nicht, was am Ende dabei rauskommen würde … Ambient … Elektronika. Schließlich haben wir gemeinsam Stücke geschrieben. Das war Sketch Show.”
“Loophole” heißt ihr drittes Album, das, in Japan schon ein Bestseller, noch im Sommer auch in Europa erscheinen wird und schon jetzt das Genre “Elektronika” neu definiert. Hosono und Takahashi sind begnadete Songschreiber, die ihren ganz eigenen Stil in ein sehr modernes Sounddesign einbetten. Anders als europäische Pioniere elektronischer Musik, deren aktuelle Platten niemanden mehr hinter dem Sofa hervorlocken können, ist “Loophole” eine Tour de force, die alle Strömungen elektronischer Musik auf wundervolle Popsongs zusammendampft. Nah dran sein, sich nicht auf dem Ruhm alter Tage ausruhen, nicht den Kontakt zu aktueller Musik verlieren, das ist Sketch Show. Hosono veröffentlicht seit Jahren auf seinem eigenen Label “Daisy World” elektronische Musik aus Japan von Künstlern wie Takagi Masakatsu oder Eater, wichtig für ihn waren Bands wie Múm, Lali Puna oder Opiate. Kein Wunder, dass für das neue Album auch gleich Safety Scissors für einen Mix verpflichtet wurde. Er ist aber nicht der einzige Gast: “Ryuichi Sakamoto hat unsere erste LP gehört und euphorisch auf seiner Website darüber geschrieben. Auf ‘Loophole’ hat er jetzt zwei Stücke mit uns gemeinsam geschrieben”, sagt Hosono. YMO also wieder komplett? Alle lachen, doch ihre gemeinsame Performance auf dem diesjährigen Sonar muss nicht die einzige bleiben. Vielleicht tut man sich auch unter einem neuen Namen wieder zusammen, für straightere, funkige Tracks. Bis dahin bleibt “Loophole” als eines der wundersamsten Alben des Jahres für immer im CD-Player.
Nach dem Konzert läuft mir der Leiter des Goethe-Instituts in die Arme und fragt, warum Musiker eigentlich immer Apple-Computer verwenden. Ich frage ihn, ob er weiß, was hier gerade für Helden in seinen Hallen gespielt haben. Er schaut mich an, klemmt sich “Die Zeit” unter den Arm und sagt, er freue sich schon sehr auf den Besuch der hessischen Weinkönigin in ein paar Tagen. Hosono und Takahashi sind zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr da.

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Elektronische Lebensaspekte.