Schwedische Labels fernab von abgedroschenen Stereotypen
Text: Julian Jochmaring aus De:Bug 150

Eine Reihe neuer Labels verorten Schweden abseits der abgedroschenen Stereotypen vom harten Drumcode-Techno oder Ibiza-Großraum á la Swedish House Mafia: Skudge, Aniara und Studio Barnhus machen House von heute und sind dabei sind notorische Sympathen.

Eurovision 2011: Alexander Berg und Fabian Bruhn, die Macher des schwedischen Labels Aniara Recordings, haben aus dem Stand einen Hit fabriziert, allerdings nicht im heimischen Göteborg, sondern in Berlin. Dank Billigfliegerei sind die beiden seit Jahren regelmäßig zu Gast in Clubs und Plattenläden der Stadt. Und bei einem dieser Aufenthalte entstand “Same Old Place”, der Titeltrack des ersten Releases ihres gemeinsamen Labels.

Zusammen mit Nils Krogh arbeitete Berg in den Studios auf dem Gelände des inzwischen geschlossenen Clubs Villa an der Landsberger Allee: “Wir wollten das Stück unbedingt raus bringen und nach einigen Absagen von anderen Labels haben wir die Gründung eines eigenen Labels gewagt.” Mit seinen pumpenden Pianochords und dem dramaturgisch geschickt platzierten Hands-in-the-air-Moment beim Einsetzen des Vocal-Samples schlug das unter dem Namen Genius Of Time veröffentlichte Stück im Frühjahr 2010 exakt in die schwer gefragte Kerbe discoider House-Entwürfe zwischen Session Victim und Tensnake.

Damit brachte Aniara Göteborg auf die europäische House-Karte und setzte sich an die Spitze einer Reihe neuer Labels, die Schweden wieder abseits abgedroschener Stereotypen verorten, vom harten Techno der Stockholmer Drumcode-Schule gleichermaßen entfernt wie dem Ibiza-Großraumsound der Swedish House Mafia.

Skudge
Einige der effektivsten DJ-Tools des vergangenen Jahres kamen trotzdem aus Stockholm. Verantwortlich dafür waren zwei Produzenten, die lediglich unter dem Namen Skudge bekannt sind und die altbewährte Techno-Geste der Anonymität bevorzugen. Mit der Tool-Schmiede Drumcode haben Skudge aber nichts zu tun: “Unsere Einflüsse liegen eher bei klassischem US-House und -Techno der frühen 90er.”

In ihren Tracks verdichten sie die mächtigen Hallräume von Dubtechno mit konzentrierten Chicago-Grooves zu einer stoisch treibenden Mischung, die sowohl in House-Kellern als auch in Techno-Hallen bestens funktioniert. Nach einer wenig beachteten Debüt-EP auf dem Butane-Label Alphahouse wirbelte ihr erstes Release “Convolution/ Contamination” auf dem selbstbetitelten eigenen Label im Frühjahr 2010 genauso viel Staub auf wie die darin verwendete 909-Kickdrum. Dass Skudge an mehr als nur kurzlebigem DJ-Futter interessiert sind, beweisen sie zudem mit der Auswahl ihrer Remixer.

So hat der Holländer Aardvarck ”Convolution“ in ein störrisches IDM-Monster verwandelt, sein Landsmann Dave Huismans alias 2562 legt im März mit majestätisch-ambientem Dubstep nach, derzeit wird am Skudge-Debütalbum gefeilt: “Das Album soll auch zu Hause funktionieren, wir arbeiten an komplett neuem Material, auch an Stücken ohne Bassdrum-Tanzimperativ.” Ob am Ende dabei ein Experiment wie Sheds “The Traveller” oder eher solide Kost wie bei Marcel Dettmanns Debütalbum stehen wird, bleibt abzuwarten.

Zu Gast bei der von Skudge veranstalteten Party “The Office” waren jedenfalls beide schon, neben vielen anderen Vertretern des kredibilen Bumms. Aber getreu dem Role Model “introvertierter Techno-Produzent” wird die Euphorie natürlich sofort auf Eis gelegt: “The Office veranstalten wir in unregelmäßigen Abständen. Leider gibt es für diese Art von Techno in Stockholm immer noch keine Szene. Die meisten Clubs und Partys sind einfach zu kommerziell.”

Studio Barnhus
Weniger pessimistisch geht es im Studio Barnhus zu, dem Labelprojekt von Axel Boman, Kornél Kovács und Petter Nordkvist. Der Name leitet sich von dem im Stockholmer Barnhusgatan (Waisenhausstraße) gelegenen gemeinsamen Studio ab, einem mit weißen Ziegelsteinen gemauerten Kellergewölbe. “Tief im Herzen bin ich immer noch ein HipHop-Kid,” erklärt Axel Boman zu Beginn unseres Skype-Gesprächs und hält grinsend eine Platte des 80er Rap-Trios The Fat Boys in die Kamera.

Die Liebe zum Oldschool-HipHop teilt der 32-jährige mit DJ Koze, auf dessen Label Pampa Records im vergangenen August seine Holy Love EP erschienen ist. Genauso eklektisch wie es dort zwischen Disco-Pop, einer afterhourig-verspulten Liebeserklärung und einer traumhaften Pianoskizze zuging, stellt sich Axel auch Studio Barnhus vor. “Ich möchte, dass Studio Barnhus nicht wegen eines speziellen Sounds gekauft wird, sondern weil jedes Release überraschend ist.”

Studio Barnhus nach den ersten Katalognummern als weiteres geschmackssicheres Discohouse-Label zu schubladisieren, könnte also voreilig sein: “Auf unseren nächsten Releases wird es auch Peaktime-Techno und trancigere Stücke geben,” erklärt Petter, der 2006 mit “Some Polyphony” einen Hit auf James Holdens Border Community hatte.

“Das Nachtleben in Stockholm ist immer noch nicht so auf Musik fokussiert, viele Partys finden in umfunktionierten Bars oder Restaurants statt. Für Puristen mag das der Horror sein, aber ich finde es hat auch etwas Befreiendes. Als DJ ist man viel flexibler und kann völlig verschiedene Stile innerhalb eines Abends spielen. Die Leute erwarten nicht schon im Vorfeld einen bestimmten Sound,” erzählt Kornél, ein dunkelhaariger Schlacks ungarischer Herkunft. “Es ist vielleicht ein Klischee, aber wenn es nicht so viele Möglichkeiten gibt, wird man eben selbst aktiv. Ich bin hier jedenfalls viel produktiver, als ich es in Berlin sein könnte.”

SciFi-Prosa
Eine ähnliche Motivation treibt auch Alex und Fabian von Aniara um: “Irgendwann standen wir vor der Wahl wegzuziehen oder selbst etwas auf die Beine zu stellen. Für unsere ersten Labelpartys haben wir sogar ein eigenes Soundsystem gebaut.” Der Labelname ist derweil einem Klassiker der schwedischen Literatur entlehnt: “Aniara” ist das Raumschiff in Harry Martinsons gleichnamigem epischen Science-Fiction-Gedicht, für das er 1974 den Literaturnobelpreis erhielt.

Das Raumschiff verliert sich hier nach einem technischen Defekt samt Besatzung in den Tiefen des Alls. “Ich mag die Idee von Musik als einer Reise, wenn Tracks eine Wendung nehmen und woanders enden, als man zu Beginn erwartet hätte,” erklärt Fabian. “Sinai Hynopsis”, Fabians und Alex’ erstes Release unter dem Pseudonym Dorisburg, wurde aber weitaus weniger abstrakt inspiriert. “Wir hatten den Sonntagabend in der Panorama Bar mit Âme/Dixon an den Decks im Sinn.”

Einige Tag später laufen wir uns ebendort über den Weg, “Same Old Place” markierte wenige Minuten zuvor einen der Höhepunkte in Tama Sumos Nachmittagsset und die beiden wirken auf sympathische Weise eingeschüchtert. Dorisburg geben die schwer begeisterten Easyjet-Raver, richtig realisiert, jetzt auch Akteure zu sein, haben sie noch nicht.

Genius of Time – Gliese 581g / Sciene Fiction ist auf Aniara Recordings/Clone erschienen.
http://www.aniararecordings.com

Skudge – Below / Phantom ist auf Skudge Records / Rush Hour erschienen.
http://www.skudgerecords.com

Shakarchi & Stranéus – Dödskallar och korallrev ist auf Studio Barnhus / Clone erschienen.
http://www.clone.nl/label/studio+barnus

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