Glokales Phänomen aus Skandinavien
Text: Eric Mandel aus De:Bug 159

Seit ungefähr einer halben Dekade blubbst, plönkert, sweept und quietscht ein skandinavisches Lokalphänomen vor sich hin, das mit dem possierlichen wie verheißungsvoll unscharfen Namen Skweee einen lautmalerischen Oberbegriff gefunden hat. Und im Übrigen auch gar kein lokales Phänomen mehr ist. Ist Skweee eine Szene, ein Sound oder alles zusammen? Wie ist eigentlich die Schaltkreislage am arktischen Zirkel?

Um das herauszufinden brauchte es im Herbst keine Reise nach Turku oder Stockholm, den Hauptquartieren der Label Harmönia und Flogsta Danshall, die die Epizentren des kleinen Movements sind. Denn die Herren und Damen Skweee kamen nach Berlin. Das Haus der Kulturen der Welt, stets auf der Suche nach genau solchen glokalen Phänomenen, hatte die Gebrüder Teichmann mit der Aufgabe betraut, das Mini-Genre aus dem Norden den Berlinern nahe zu bringen. Deren Programmierung zeigte dann auch, wie offen der Begriff für eigene Vorstellungen und Assoziationen ist. Die Teichmänner hatten mit einem einführenden DJ-Set vorgelegt, Patrick Pulsinger, dessen Einladung dem eigenen Frühwerk zu verdanken sein mag, sorgte mit kompletter Kapelle ein wenig für Verwirrung. Im flotten Wechselschritt bespielten daraufhin die Bühne: Mesak, Mitbetreiber von Harmönia, der seine schlanken, funky wonkenden Tracks von DJ Zuzu, einer finnisch-aserbaidschanischen Rapperin voicen ließ; Pavan aka Limonious, dessen Tracks auch gut in den für den nächsten Festivaltag angesetzten 8Bit-Abend gepasst hätten; Easy & Center of the Universe, die ihre schlonkernden Beats nahöstlich einfärbten, und dabei Klarinette, Sax und Drumkit zum Einsatz brachten; der Rapper Claws Costeau, der Street Vibes in den Mix warf; und dann noch, als lokale Note, Karl-Marx-Stadt, den die Bande kurzerhand adoptiert hatte. 

What the fuck?
Wenn also Karl-Marx-Stadt und die Teichmänner wussten, was es mit Skweee außer einem handlichen Namen eigentlich auf sich hat, waren sie dem Publikum schon einen weiten Schritt voraus. Dort registrierte man bald mit einer gewissen Erleichterung, dass es sich dabei phänoptypisch um so etwas wie den skandinavischen Cousin von Wonky und Aquacrunk handelt – Ergebnis einer Suche nach Alternativen zum Malstrom des Mainstream, sei dieser nun gerade von Dubstep, HipHop oder Techno dominiert. Von der genotypischen Seite betrachtet, sind die sparsamen Sounds, das verschleppte Tempo und die artifiziellen Klangräume Elemente eines evolutionären Drifts, auf dem auch gewisse instrumentale B-Seiten, Indie/Glitch-HipHop oder Autechre-inspirierter Leftfield-Beat-Krams schon seit Jahren immer wieder Zwischenräume öffneten. Doch es gibt auch ein Retro-Element, das Pavan am folgenden Tag anspricht: “Ein paar der Basisideen der elektronischen Musik wieder aufzugreifen, führt uns natürlich in die Geschichte zurück, denn so wurde in der Zeit vor Computern gearbeitet: mit Sequencern, Arpeggios, Analog-Geräten. Aber unsere Musik klingt nicht alt! Es sind neue Einflüsse dazugekommen.“ In dem Statement schwingt eine unerhörte Idee mit: Die Techno-Geschichte noch einmal neu zu schreiben, den Reset-Button zu drücken und zurückzugehen an den Punkt, an dem die Software noch nicht den Sound bestimmen konnte, weil es eben keine gab. Es scheinen doch ganz interessante Typen zu sein, die sich da unter dem Banner “We call it Skweee“ versammelt haben.

Am Tisch hat sich am Tag nach dem Auftritt ein Komitee der finnisch-schwedisch-norwegischen Gesandtschaft versammelt: Neben Pavan, einem ernsten Grübler, sitzt Claws Costeau, der noch einen Zacken deeper und trockener ist als sein Sitznachbar. Er sagt Sachen wie: “Es braucht immer einen Russen, um Finnen und Deutsche zusammenzubringen.“ Claws Costeau ist ein alter HipHopper und legt wert auf die Tatsache, dass er innerhalb der kleinen elektronischen Szene Finnlands ein Quereinsteiger ist. Schuld daran war seine Freundschaft mit Tatu Metsätähti alias Mesak, einer Hälfte der bereits seit Ende der 90er aktiven Band Mr Velcro Fastener, für die Claws Costeau als MC tätig war. Mesak ist ein aufgeweckter Typ mit Oberlippenbart, der jünger aussieht als er ist. Sein Label Harmönia, das er gemeinsam mit Randy Barracuda betreibt, wurde vor exakt fünf Jahren gegründet, und zwar ebenso wie Pavans Flogsta Danshall zunächst als Vinyl-only-Label. Vor einer Weile ist Mesak nach Berlin gezogen und veranstaltet nun mit Karl-Marx-Stadt und Anderen lustige Clubnächte unter dem Namen PRKL!

Am Anfang war die Langsamkeit
Claws Costeau wird mit zwei zu eins Mehrheit zur Rekonstruktion der historischen Zusammenhänge verdonnert: “Mesak und ich kennen uns seit wir neun oder zehn Jahre alt waren. Wir hatten unsere erste Punkband zusammen, er spielte Bass, ich Gitarre. Mesak war schon immer an elektronischer Musik interessiert. Als alle anderen die übliche Rockmusik gehört haben, stand er gerade auf Kraftwerk oder Jean-Michel Jarre. Weird stuff!“ Turku galt lange Zeit als Techno-Hauptstadt von Finnland, Schauplatz der großen illegalen Raves, Heimat von Pan:Sonic. Aber mit deren Maximalismus hat die schlanke Soundästhetik von Mesak nichts zu tun. Sein Harmönia-Debüt-Track “Popkumm“ ist fast schon ein Tool, eine Synthie-Etüde mit unterschwelligem Maschinenfunk, der auch fast ohne Beats manifest wird. Claws Beitrag zur gleichen Compilation ist dagegen fast Freiform, vermauschelter Anti-Pop-artiger Instrumental-Hop mit viel Pitchbend. Das ist ihr Ding, die Hands-on-Effekte, die eiernden Arpeggios, die unrunden Loops, der artifizielle Funk der Prä-MIDI-Ära, und manchmal die süße Verheißung der Zuckerwattetürme von Vangelis und Jean-Michel Jarre.

Claws fährt fort: “Ich war nie ein großer Fan elektronischer Musik. Ich mochte die Old-School-Electro-Sachen wie Afrika Bambaata, weil sie mich an Old-School-Rap erinnerten. Pavan hat mir 2004 auf einem seiner Gigs die Ohren geöffnet: Langsam, soulful, eine humane Musik, es war fast eine religiöse Erfahrung, es hat mein Leben verändert. Nun bin ich fast so ein Geek wie die anderen.“ Pavan, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren sein 7″-Label Flogsta Danshall betrieb, wurde als schwedische Ergänzung zum finnischen Team in die Arme geschlossen, und die Sache wurde zu einem panskandinavischen Ding. Ein Name dafür entstand, wie Mesak erklärt, fast von ganz allein. Daniel Savio, ein Musikerkollege aus Stockholm, setzte ihn in die Welt, ein schwedischer Journalist verbreitete ihn, und Mesak hatte etwas, was er auf die Flyer schreiben konnte: “Die Musik hatte ein bisschen von diesem und ein bisschen von jenem, und dabei haben noch alle Leute einen eigenen Stil. Das war natürlich kompliziert zu kommunizieren. Wir brauchten einen Weg, es zu promoten, und dann kam dieser Name auf, und wir begannen, ihn zu benutzen, weil er catchy ist. Danach mussten wir natürlich erst recht anfangen, alles zu erklären.“

Das ist nämlich das Problem, oder nennen wir es doch einen Vorteil: Denn das System ist offen. Die Tempi sind relativ frei, auch wenn alle sich einig sind, dass am Anfang alles langsam war. “Manche sagen, es sei nicht mehr echt, wenn es nicht 104 oder 105 BPM hat”, erläutert Pavan. Gleichzeitig weist Mesak darauf hin, dass sich das Feld heute vergrößert hat: “Es ist gar nicht so einfach, Skweee zu definieren. Alle Künstler sind völlig unterschiedlich, es gibt eigentlich keine Grenzen oder Limits. Du kannst es Skweee nennen, wenn du willst! Das war am Anfang die Idee. Ich habe vorher schon viel produziert und gespielt, und ich sage nicht, dass ich es nicht mehr genossen habe. Aber ich war irgendwann enttäuscht von den Limits der Musik. Was früher mal wirklich revolutionäre Musik war, ist eine sehr limitierte, formelhafte Angelegenheit mit vielen Regeln. So begann ich nach etwas anderem, interessanterem zu suchen, das aber immer noch Tanzmusik sein sollte.“

Strictly for Skweee
Eine Gemeinsamkeit aber verbindet die meisten Aktiven der kleinen Szene: Skills. Die Mühelosigkeit, mir der beispielsweise sechs Performer an sechs Klangquellen gemeinsam aus dem Nichts jammen, ohne dass alles in kakophonischen Squazzrock ausartet, rührt auch daher, dass Pavan, Claws und Mesak eben nicht erst seit gestern dabei sind. Mesak etwa sammelte jahrelang Live-Erfahrung als Teil von Mr. Velcro Fastener und auch Pavan ist vor allem ein Live-Musiker: “Die Auftritte standen bei mir absolut am Anfang. Ich wusste anfangs überhaupt nichts über Studiotechnik. Meine erste 7-Inch habe ich mit 10-Euro-Kopfhörern aufgenommen und gemischt, weil sich die Nachbarn beschwert haben. Ich hatte keine Ahnung von Mastering, außer dass ich mit dem Vintage Warmer-Plugin noch extra Knistern raufgepackt habe. Und so habe ich es ans Presswerk geschickt.“ 
Tonträger mussten, nachdem Pavan und Mesak sich selbst, eine gemeinsame Vision und auch noch einen Namen dafür gefunden hatten, als nächste Stufe unbedingt her. Nach zwei 7-Inches in zwei Jahren kurbelte Pavan die Produktion von Flogsta Danshall an, heute versammelt der Label-Katalog 17 Singles und eine Handvoll LPs von u.a. Daniel Savio, Easy & The Center of the Universe, Randy Barracuda und natürlich Pavan selbst. Parallel startete Mesak Harmönia: “Wir mochten die Musik so sehr, dass wir uns sagten, wir brauchen ein Label dafür in Finnland, strictly for Skwee. Wir begannen, andere finnische Producer zu suchen, damit wir eine Compilation zusammenkriegen konnten. Der Ursprung war, dass wir diese Musik auflegen wollten. Wir sind Vinyl-Leute, und es gab vielleicht fünf oder zehn Platten, damit konntest du keine DJ-Sets bestreiten. Also mussten wir unsere Platten selbst herstellen, und das haben wir dann ziemlich ernsthaft gemacht.“

Längst ist Skweee nicht mehr nur auf den hohen Norden beschränkt. Auf zwei “Skandinavian Skweee“-Sampler folgte bald eine “International Skweee“-Ausgabe. Mesak nickt: “Wir haben sofort Kontakte von überall her bekommen. Wir dachten, wir schaffen ein neues skandinavisches Movement, aber sobald wir es auf MySpace und im Web zu pushen begannen, stellten wir fest, dass es überall auf der Welt passiert. Es gibt Labels in den USA und Kanada, fünf oder sechs, und dann Leute in Spanien und Frankreich, da geht eine Menge.”
Claws: “Du kannst heute wahrscheinlich in jedem Land einen finden, der Skweee macht, und ich meine buchstäblich EINEN: Es gibt einen in Island, einen in Australien…“
Pavan: “… und drei in Kanada.“
Mesak: “Aber das sind nur die, die wir kennen, es kann noch mehr von ihnen geben. Vielleicht nennen sie es sogar Skweee, aber wir wissen nichts von ihnen.“
Pavan: “Sie haben sich noch nicht bei uns registrieren lassen.“

Damit ist der Fall wohl klar: Jeder kann Skweee machen, es ist eine Frage der Einstellung. Und der Einstellungen: Quantisierung aus, Pitchbend im Anschlag, die Snares und Kicks bis aufs Nötigste stranguliert und die alten Synthies ausgequetscht bis es quietscht – willkommen in der Familie.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

5 Responses

  1. bene

    schöner artikel, gefällt mir genauso gut wie skweee… ich mach mich mal weiter ans hören!