Vielleicht mehr so ... groovender
Text: Thaddeus Herrmann & Sebastian Eberhard aus De:Bug 164


(Foto: Thaddeus Herrmann)

Just von Ahlefeld und Julius Steinhoff sind auf den Geschmack gekommen. Auf ihrem Debütalbum machen sie Salz zum Symbol für ihre Liebe zu einem durch und durch deepen Sound. Auf dem Berliner Dom erklären uns die beiden Smallpeople, warum eine Doppel-EP mehr Freiraum als ein Album lässt und was die wirklich magischen Momente im Club sind.

Wir wollten hoch hinaus und landeten im Dachstuhl vom Lieben Gott. Auf den Berliner Fernsehturm wollten wir die Smallpeople entführen, Julius Steinhoff und Just von Ahlefeld, die beiden Hamburger, sie in die Mitte nehmen im Raketenfahrstuhl, uns schützend vor sie stellen und dann nach unten gucken. Nicht, weil von da oben die Menschen da unten so klein sind, sondern weil die Probleme des Alltags so weit weg erscheinen. Sagt Just und erzählt, wie er jahrelang auf dem Hamburger Turm-Pendant seine Zeitung las und die Aussichtsplattform oft ganz für sich hatte. Vor den Touristen kam der Asbest und die zu engen Fluchtwege und da sagten die von der Stadtverwaltung, nein, das nötige Geld hätten sie nicht. Seither liest Just seine Zeitung woanders. In Berlin hat er zwar keine dabei, auf den Turm kommen wir aber dennoch nicht, hätten eine knappe Stunde auf einen Platz im Fahrstuhl warten müssen. Da drehen wir ab, in Richtung der Linden, zum Lustgarten, zum Berliner Dom. Der ist zwar nicht so hoch, dafür aber voll mit sterilem preußischen Retro-Barock, bunt und prachtvoll, wie eine sehnsüchtige Postkarte aus der Diaspora in die übertriebenste Wallfahrtskirche in Oberammergau. Stände der Berliner Dom in Detroit, wäre er ein Parkhaus. Und der Berliner Dom sieht genau so aus wie die Tracks der Smallpeople nicht klingen. Die sind bescheiden, zurückhaltend, die reine Lehre wenn man so will, Deephouse durch und durch, klassisch geradezu. Atmen Geschichte bis in den letzten Takt, leben von ihrer Musikalität, den mit unglaublicher Lässigkeit erdachten Melodien, ihrer Einfachheit, ihrer Konzentration auf das Wesentliche. Sind dem großen Projekt einer autonomen Musik verpflichtet. Keine Revolution, weil die Musik selbst immer noch die Revolution ist, weil sie versucht nicht mehr als Musik zu sein. Fast wie für das Dancefloor-Museum, imprägniert und so bestens geschützt gegen die überall lauernden Einflüsse. Wäre das Album der Smallpeople ein Smartphone, würde es komplett ohne Push- Benachrichtigungen auskommen, ohne Ablenkungen. Es ist einfach da, läuft und läuft und läuft, tapst auf leichtfüßigen Pfoten elegant um die Sounds herum, die es so einzigartig macht. So wie der Bär neulich auf ihrer 12″, von Stefan Marx kongenial mit konzentrierter Hand schnell gezeichnet. Sitzend und doch tänzelnd groovend, immer auf dem Sprung für den großen Abschluss-Boogie der Nacht. Ermunternd. Lächelnd. Ohne Umarmungen läuft bei den Smallpeople rein gar nichts.
Und so zahlen wir brav unseren Eintritt, nein, die “Domerhaltungsgebühr”, nehmen die Mützen ab, machen die Handys aus, streifen durch das Kirchenschiff und finden schließlich die Treppe nach oben, steigen hinauf in Richtung luftige Deepness und schnaufen aus. Beim Panoramablick auf einem schmalen Pfad, den der Domarchitekt Julius Raschdorff für den Kuppelrundgang gelassen hat, ohne je daran zu denken, dass sich Touristen auf sein Bauwerk hochquälen würden, um einfach nur den Blick zu genießen. Unser Smallpeople-Julius ortet die Freifläche, auf der das “Stadtschloss” wieder errichtet werden soll und fragt, warum sich das denn nicht habe verhindern lassen. Und wo die ganzen Berge im Berliner Umland denn bitteschön herkommen und Just blickt in Richtung Marzahn und erinnert sich an seinen ersten Besuch in Plattenbau-City, bei Verwandten, Anfang der 90er-Jahre und an die Bravo-Hefte seiner Cousine. Damals wuchs Just gerade in die punkige Gitarrenmusik seiner Hamburger Heimat hinein und hatte mit House und Techno nichts am Hut. Julius, damals noch in Freiburg im Breisgau zuhause, genauso wenig. Das kam alles viel später und damals “war das in meinen Augen vor allem Marusha und Trance“, sagt Just.

Im Blauen Peter
Nichts war geplant. Erst eine Freundin überredete Just, seiner Liebe zur Musik wegen Platten aufzulegen, als Indie-DJ, im Blauen Peter am Hamburger Berg, das war so 1998. Und später dann, viel später ehrlich gesagt, in einem anderen Club, hörte Julius ihn zum ersten Mal hinter den Plattenspielern, durch Zufall, Lawrence hatte ihn mitgeschleppt, beide arbeiteten damals bei einem Plattenvertrieb. Deren Warehouse, sagt Julius, habe ihn zu House gebracht, prall gefüllt mit US-Importen hätte man sich da wunderbar in der Geschichte zurückhören können. Plattenspieler hatte er zu diesem Zeitpunkt schon. Und die “House-Erweckungsgeschichte” von Just von Ahlefeld, die bleibt während des gesamten Vormittags irgendwie im Dunkeln, spielt aber auch gar keine Rolle, denn Julius gründet den Plattenladen Smallville mit, Just arbeitet auch dort, beide lernen sich besser kennen und spielen sich um 2005 erstmals ihre eigenen Tracks vor. Das nennen beide “Workshop” und die ersten gemeinsamen Stücke, die waren laut Julius “gleich toll” und entstehen bei eben jenem Workshop. Da seien so Dinge wie Projektname und Track-Titel fast schon eine Überforderung gewesen, irgendwie auch lästiger Ballast, aber irgendwann platzt der Knoten und die erste gemeinsame Platte ist da. Das Prinzip haben sie beibehalten. Erst die guten Tracks, dann die Überlegungen zu deren Veröffentlichung.


(Foto: Thaddeus Herrmann)

Salty Days
Ihr Debütalbum, das dieser Tage erscheint, ist dann auch ausdrücklich, wie sie betonen, kein Konzeptalbum. Mehr ein Zeitstempel ihrer Entwicklung. Für den auch erst viel später der passende Name gefunden wurde. “Wir haben uns nicht hingesetzt und das genau geplant: ‘Aha, ein Album, da brauchen wir so einen Track und dann noch so einen.’ Ich komme auch mit dem Begriff Doppel-EP gut klar“, sagt Julius. “Das war befreiend, denn bei EPs gehen Tracks ja oft verloren“, ergänzt Just. Und Julius: “Der Dancefloor-Smasher auf der A-Seite, die typische B2, wir konnten einfach aus dem Vollen schöpfen.” Und genau diese Freiheit funktioniert auf “Salty Days” ganz fantastisch. Das Album folgt genau nicht dem Muster, an dem viele Techno- und House-Alben von vornherein verrecken, der klaren Struktur eines Intros, der größten Hits der 12″s, einem ambienten Interlude und dem obligatorischen Downtempo-Track. Das Album veröffentlichen wollte eigentlich erst JUS-ED, der aber aus dem angebotenen Material zunächst nur eine EP auf “Underground Quality” machte und dann an eine CD dachte, was bei Just und Julius nicht so wirklich gut ankam. Die Idee einer LP, die setzte sich aber fest.

Debug: Wie salzig sind eure Tage aktuell so?
Julius Steinhoff: (lacht) Sehr!
Just von Ahlefeld: Haben wir eine Suppe versalzen?
Debug: Eine Suppe versalzt man doch immer dann, wenn man verliebt ist.
Just: Verliebt in die Musik.
Julius: Salz ist wichtig. Eigentlich möchten wir ja auch ein echtes Smallville-Salz machen. Ich habe einen Bekannten in Spanien, der hat eine Saline. Der schürft selber und bringt es mit nach Hamburg. Da bekommen wir immer was ab. Ich stelle das dann in einem großen Glas in den Laden. Weil es da immer kein Salz gibt! Im vorletzten Winter mussten wir es dann auch zum Streuen des Gehwegs benutzen. Der Schnee hat uns total überrumpelt. Ich bin großer Salz-Fan und nehme immer reichlich. Aber eigentlich geht es doch eher um die Musik als um den Titel, oder? Und bei der Musik, da geht es um die Wärme.
Just: Um ein Gefühl, das wir transportieren möchten. Das, wonach ich immer suche, wenn ich Musik im Club höre, diesen gewissen Moment, auf den ich warte. Meine Leidenschaft im Club soll die Reise sein, es soll viel Musik beinhalten. Ich glaube, bei uns ist das auch so. Die Genres springen über, es gibt aber immer eine gewisse Essenz. Für mich ist der wichtige Moment nicht, wenn die Leute die Hände in die Luft heben und schreien, sondern wenn sie wirklich in der Musik sind und zuhören. Vielleicht ist es das, was man auch als magische Momente bezeichnet. Es spritzen nicht gleich die Endorphine aus den Poren. Für mich definiere ich es immer so: Die Filter bleiben die meiste Zeit zu!

“Salty Days” ist eine konservative Platte, durch und durch und im besten Sinne des Wortes. Deephouse, so wie er nie auf Ibiza laufen wird. Nie laufen darf. Beinahe ein Appell an alle, die so beharrlich wie Rationalisierer einer Unternehmensberatung ihre auf Funktion getrimmten Klopfgeräusche auf den Dancefloor drücken. Ein Album, dem man nur das Beste wünschen möchte, dass es seine Runden dreht und vor allem immer dort andockt, wo schon fast alles verloren scheint. Als Rettungsanker mit den besten HiHats der Welt, den smoothesten Basslines und einem Hang zur Melodie, der so kategorisch selbst bei denen, die die Smallpeople seit ihrer ersten gemeinsamen Maxi 2009 auf Händen tragen, nur selten vorkommt.

Debug: Unsere Befürchtung ist, dass wir mit dem Album ziemlich alleine bleiben werden. Also jenseits von uns hier und unseren Freunden. Obwohl: Stimmt ja eigentlich gar nicht, denn ihr seid ja gut unterwegs!
Just: Je größer die Gigs werden, die man spielt, desto geringer wird ja auch die Akzeptanz für ruhigere Sounds. Schon schräg, weil diese Art von Musik dennoch durch die Welt reist. Da kommst du in irgendein Dorf und dann sind da drei absolute Smallville-Fans. Wie klein das alles ist, dieser Zusammenhalt in einer Szene, denkst du dann. Die eigentliche Frage ist natürlich, wie weit man diesen Deephouse-Trend noch treiben kann. Aber über den Zenith sind wir noch lange nicht drüber.

Es sei schön zu sehen, erzählen beide, wie in Hamburg zur Zeit die erste Generation von DJs wieder vermehrt hinter die Plattenspieler kommen. Mit Platten, die heute kaum jemand mehr kennt, damals im Front aber die Welt bedeuteten.
Dieter Reuter zum Beispiel, wir nennen den ja Detroiter, der hat früher im Front gearbeitet und betreibt jetzt einen Angelladen. Er selbst nennt sich der Sven Väth der Angler. Der hat einen Tag vor Silvester im Pudel gespielt. Keine Touristen, keine Drogen, nur Freunde und die Musik. Ich habe in 17 Jahren Pudel glaube ich keinen besseren Abend erlebt. Ich kannte keine Platte und alle waren super“, sagt Just.
Was das Album angeht, sind beide guter Dinge. Man kenne das ja aus dem Plattenladen, wo LPs immer noch eine bestimmte Aufmerksamkeit bekämen, auch dann wenn es keine Inhouse-Produktion auf Dial oder Smallville sei, für die Stefan Marx extra das Schaufenster dekoriere. Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon beim Abstieg, zurück in den Trubel Berlins mittigster Mitte, kämpfen gegen den Schwindel, den uns die enge Wendeltreppe aufzwingen will und sind erstaunt darüber, dass das Gotteshaus wie eine Ikea-Filiale funktioniert, man bei Verlassen des Turms erst in den Dom-Shop und dann in ein Café geschleust wird, bis einen das alte Gemäuer schließlich wieder ausspuckt. Und kurz zuvor schaut Just auf eine Plakette an der Wand und wundert sich: 1905, im Jahr der Domeinweihung, sei sein Großvater geboren.
Wir gehen noch ein Stück gemeinsam in Richtung Bahnhof. Der eine will Platten kaufen gehen und nimmt noch schnell die Bestellung des anderen auf. “Hatten wir die nicht bestellt für den Laden?” “Ja, aber es ist nicht ganz klar, ob wir sie auch bekommen, bring mir auf jeden Fall eine mit.” Hat hoffentlich geklappt. Damit die nächste Nacht wieder einzigartig wird.

Smallpeople, Salty Days, ist auf Smallville/WAS erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.