Müsli, das man zu lange in der Milch schwimmen lässt, wird lasch und schmeckt fade. Zeit für eine krachende Frühstücksinnovation: Smash TV präsentiert ihnen "Bits for Breakfast".
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 82

JULES VERNE IN DER BPITCH-SAUSE

Zu jeder Situation gibt es die passende Musik. Sagt Holger Zilske und löffelt Zucker in seinen Espresso. Und wahrscheinlich würde dieser Berliner Frühlingsabend in der Smash TV-Umsetzung so klingen: vorwärts drängende Beats, die mit Techno am Lenker den Weg vom knarzigen Stadtrand in die poppige Mitte zurücklegen. Blecherne Cuts, die von der abklingenden Grippe wabern. Fluffige Collagen, die freundliche Sonne begrüßend. Und Vocals. Mal entstellte, mal kristallklare Stimmen, die davon erzählen, wie Holger sich morgens um vier Uhr nachmittags Milch über sein krachendes Samplemüsli gießt. ”Bits for Breakfast“ heißt das neue Smash TV Album und entstand im peripheren WG-Reihenhaus, in dem das über Jahre zusammengestellte Studio Platz hat. Hier verdrehte Zilske seinen Schlafrhythmus bis zur Unkenntlichkeit und bastelte am Nachfolger des beatverspielten Debüts ”Electrified“. Alleine. Denn aus dem Zwei-Mann-Projekt ist ein Mr. Smash TV geworden, seitdem Kollege Michael Schmidt entschied, dass er sich voll und ganz auf das Informatiker-Sein konzentrieren müsse. Ein schwieriger und eventuell hörbarer Schnitt, nun als Einzelgänger Sound zu machen? Immerhin hatten die beiden 1989 gemeinsam das Konfirmationsgeld in Synthies investiert, mit Acid-House-Tapes und Jean-Michel Jarre im Ohr den Amiga zum Kreischen gebracht und mit dem Zwischenschritt Sounddesign 1999 in die Familie Ellen Allien eingeheiratet. ”Schon beim ersten Album war mein Anteil der deutlich größere, eigentlich hat sich also nix geändert, nur für die Leute, denn jetzt stehe ich eben alleine auf der Bühne!“ Und schließlich kann der Ex-Mitfrickler jederzeit im volltechnisierten Hobbykeller vorbeischauen. Synthesizer programmieren oder so. Synthesizer, elementar. Als der junge Zilske an einer Jugendzimmer-Wand das Bild eines Keyboards samt Joystick erblickte, war er fasziniert von der Idee, spielerisch technisierte Klänge zu erzeugen. Die Faszination hält an, ist auf ”Bits for Breakfast“ dermaßen präsent, dass man Angst bekommt, die kullernden Effekte könnten die kostbaren Sound-Strukturen beim Pongspielen zerbrechen. Eben noch unterstrichen die fetzigen, retro-orientierten Vocals Raz Oharas in ”Queen of Man“ den Willen, Song zu sein, am besten ein clashiger – schon befindet man sich in der betäubenden Monotonie epischer Bassläufe, pumpender Chords. ”Hier Song, da Track, eben Kitsch-Spaß, jetzt Frickelnote!“, beschreibt Zilske passend und weist darauf hin, dass es auf seinem Album eben nicht um starre Konzepte oder Festlegungen geht. Mal BWL-Studium, mal Bpitch-Sause. Eine verdammt ernst zu nehmende Forscherreise mit einem lustigen Entdecker auf der Suche nach Roboter-Trash und Clickdisko. ”In den fünf Jahren beim Label habe ich einiges erlebt, viel Input bekommen und bin gereift!“ Rein handwerklich konnte man Zilske nicht mehr viel beibringen, bevor er zwei berlinette Alben der großen Dame produzierte. Doch danach war er um einen wichtigen Skill reicher: Feeling. ”Stylefragen! Sounds interessant machen!“ Er hat das Hausmittel gefunden. ”Bits for Breakfast“ zeichnet Kontraste, zieht beim Ravestammtisch die Nickelbrille an und hat nebst selbst aufgenommenen Vocals auch mal Gitarrenakkorde in jedem Hemdsärmel. Unvermeidlich steht man also an vielen Stellen mitten im Hit, hört plötzlich, dass ”Sad“ emotional viel größer ist, als Schlaffis wie Air je sein wollten, dass ansonsten die Arme gen Himmel zeigen und dass man seinen Fernseher prompt in den Hof schmeißen sollte. Holger Zilske hat sich entschieden. ”Voller Elan“ ist er gewillt, hauptberuflich Smash TV zu sein. Längst sitzt er wieder im Auto, um sein Refugium zu erreichen, wo er ohne Nachbarterror seine Bitflakes lecker verfrühstücken kann. Bpitch hat wieder total spaßige Gimmicks in jede Packung gesteckt.

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Elektronische Lebensaspekte.