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Text: sven von thülen aus De:Bug 32

/Dub/Downtempo JEDER MENSCH BRAUCHT EINE ECHOBOX SMITH & MIGHTY Eine Vision Wir befinden uns in der Stadt der Engel an der nordamerikanischen Westküste. Gerade betritt Playboy-Chef Hugh Hefner gefolgt von einigen seiner Bunnies den Raum, in dem ein elektrifizierter Wesley Snipes euphorisch seinen Actionfilm erprobten Körper durch die Gegend schüttelt. Blondie nippt an ihrem Drink, während sie Courtney Love, die ihre Gitarre in der Ecke hat stehen lassen, von den guten alten Zeiten im CBGB’s, von Iggy’s Aciddöschen und legendären Suicide Auftritten erzählt. Leonardo di Caprio ist auch da, grinst mit seinem Milchbubigesucht debil vor sich hin und wundert sich über den guten alten Wesley, der immer noch, wild auf und abspringend, exstatische Schreie Richtung DJ-Pult abfeuert.”Rewind Selecta.” Eine herzergreifende Fläche gefolgt von ein paar, mit einer Echobox bearbeiteten, Vocalschnipseln lässt die Anwesenden die Augen schliessen. Die Spannung steigt, und dann erlöst der allmächtige Bass die mitlerweille willenlosen Celebrities. “Bassline,” schreit Wesley Snipes ausser sich, und gibt sich im Geiste selber fünf dafür, dass er zu dieser Party von Courtney Love gegangen ist, auf der zwei ihm unbekannte Mittdreissiger aus Bristol an den Plattenspielern stehen. Rob Smith und Ray Mighty, besser bekannt als Smith & Mighty sehen sich ungläubig an. Hätte ihnen vor zwei Jahren jemand erzählt, dass sie auf eben diese Party in Los Angeles eingeladen werden, sie hätten sich krumm gelacht. Times change. You Only Live Twice Wie bei vielen Produzenten aus Bristol ist ihre musikalische Sozialisation geprägt von Wild Bunch Parties, Sound Systems, Reggae, Dub, HipHop und Punkrock ˆ la Slits und The Clash. Während viele der Protagonisten dieser Zeit (Massive Attack, Nellee Hooper, Tricky, Neneh Cherry, Portishead, Goldie, Krust etc.) ihre Schäfchen im Trockenen haben, war es um Smith & Mighty recht still geworden, nachdem die beiden mit “Wishing on a Star” von den Fresh Four (zu denen auch ein ziemlich junger DJ Krust gehörte) Anfang der Neunziger einen Top 20 Hit produziert hatten. Dem Major-Label, London Records, bei dem, ob des neuen Bristol Sounds, schon Pfundzeichen auf einem Display in der Chefetage leuchteten, waren die Dub- und Drum and Bass-Exkursionen der beiden zu experimentell. Und damals meinte experimentell: nicht verwertbar. Nachdem London Records dann versuchte, massiv Einfluss auf den Sound zu nehmen, war ihr Verhältnis zur Plattenfirma zerstört. Ihr erstes Album “The Bass Is Internal” verschwand ohne Promotion und mit schlechtem Vertrieb weitgehend unentdeckt im Bermuda-Dreieck der Musikindustrie. ”Als wir aus dem Deal mit London raus waren, zweifelte ich eine ganze Zeit an meinen Fähigkeiten. Es war eine frustrierende Zeit. Wir hatten so viele Kompromisse machen müssen, dass uns der Spass und das Selbstvertrauen vollkommen verloren gegangen war. Wir haben dann lange keinen Deal mehr unterschrieben, weil wir Angst hatten, dass würde sich wiederholen.” Die auf K7 veröffentlichte DJ-Kicks Mix CD war für die beiden dann der Neuanfang. Die gute Zusammenarbeit überzeugte sie auch ihr neues Album bei dem Berliner Label zu veröffentlichen. Mit wiedergewonnenem Spass und Selbstvertrauen ging es zurück ins Studio. Für die Vocals trommelte man ein paar Freunde aus Bristol und Umgebung zusammen und widmete sich wieder der Soundforschung in dem Koordinatensystem zwischen Bass und Echo.”Big World, Small World” atmet dementsprechend die Atmosphäre der Soundsystems, die für Smith & Mighty einen wichtigen Anteil an der Entwicklung von Dancemusik haben. “Bass ist ein sehr interessantes Phänomen. Bevor es Reggae-Soundsystems gab, war die Musik lange nicht so bassorientiert wie heute. Dub und Reggae haben die Produktionsweisen revolutioniert. Wenn man auf eine Party geht, hört man den Bass nicht nur, man fühlt ihn. Eine physische Vibration, die den ganzen Körper mitnimmt. Vielleicht sogar deine Hose und Socken. Der Bass must flow, dann bringt er dich zum tanzen.” Die neuen Produktionsweise und Klangtüfteleien von Leuten wie Scientist und King Tubby, sind noch lange nicht vollkommen erschlossen, geschweigedenn ausgereizt. Bis dahin – falls es jemals soweit kommen sollte – lassen wir uns gerne durch die von Echoboxen und satten Bässen aufgestossenen Mikro-und Makrokosmen treiben.

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Elektronische Lebensaspekte.