Früher verband man Sneakers mit Schweißfüßen, heute stehen sie für angesagtes Styling.
Text: Dennis Dorsch aus De:Bug 80

Trek di wat an de Fööt, min Jong!
Sneaker Ausblick

Jetzt wird’s brenzlig. Die Oldschool-Linie, die wir bei Sneakern als klassisch zu betrachten gelernt haben, bricht ab. Vom Puma Top Winner bis zum Nike Air Jordan ist die Palette des schüchternen Sohlendesigns durch-resignt. Wir starten ins Zeitalter der schaumwulstigen Sohlen mit Kanneluren, Riffelungen, Beulungen, Falzungen, Hochwölbungen. Sohlen wie eine Gebirgsformation, wie ein Ekzem. Und das parallel zu einer Verengung der Hosenbeine!

Asics mit dem GT-Quick oder Adidas mit seinem Retromodell APS versuchen, durch dezentes Entgegenkommen das Schlimmste im Keim zu ersticken. Nylon und Schaumwulst auch hier, aber im embryonalen Stadium. Damit eine Krankheit nicht gefährlich ausbricht, impft man den Betroffenen mit Minidosen des Erregers zur Immunisierung. Diesen Plan scheinen auch die Designverantwortlichen bei Asics und Adidas zu verfolgen. Wir danken dafür.

(FOTO ADIDAS, FOTO ASICS)

Was bei diesen Modellen noch jugendstilartig feingliedrig ist, wird aber dennoch schon in der nächsten Saison ins Barocke ausufern. Und zack haben wir den obszönen Salat an den Füßen.

(FOTO NIKE)

Aber vielleicht bricht die Sneaker-Lebenslinie ganz ab? Kehren wir zurück zum Herrenschuh. Da qualmen die Socken ja auch nicht so. Jugendbewegt soll es trotzdem bleiben. Das Fazit kann also nur lauten: Zurück zur ”oil fat acid petrol alkali resistent sole”. Doc Martens, dein Stern erglühe erneut am Firmament der Laufstegwelt. Statt ”Lola rennt” heißt es dann ”Lola poltert”. Mal sehen, ob die ”Tomboy”-Theoretiker das als Sieg feiern werden.
Die italienische Sneaker-Marke Diadora reagiert am alertesten auf diesen Wetterumschwung. Das Zeitalter des Sneakerbarocks überspringen sie flugs und setzen auf eine Kollaboration mit Doc Martens. Die Synthese mit dem Arbeitstitel ”Diamart” verschlankt das klassische Doc-Martens-Profil durch den applizierten Silberpfeil des Diadora-Emblems. Selten sah ein Doc Martens so schnittig aus.

(FOTO DOC MARTENS)

Die ersten übereifrigen Fetischisten standen schon Freitag frühmorgens vor dem neu eröffneten Berliner Hauptquartier von Doc Martens neben dem British Council (wo auch sonst) und schämten sich für ihre ”Turnschuhe”, wie man in diesen Kreisen schon wieder abfällig sagt. Just in dem Moment, als die ersten Nachrichten vom Moskauer U-Bahn-Attentat nach Deutschland drangen, mussten sie vom Filialleiter erfahren, dass das Modell ”Diamart” noch gar nicht ladenreif ist. So ein Doppelpardauz aber auch. Die Welt ist schlecht.

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Elektronische Lebensaspekte.