Macht das Trendkarussell der Mode denn nun unsere anti-kommerzielle Szene kaputt? Klaut uns unsere Codes, unsere Sneaker und Tattoo-Motive? Quatsch, sagen die, die es wissen müssen, die ur-verwurzelte Belegschaft aus Kreuzbergs Streetwearadresse Nummer 1, dem Depot 2. Turnschuh-Sondereditionen sind noch lange kein Grund, wieder zu DocMartens zurückkehren zu müssen.
Text: Sandra Sydow aus De:Bug 86

Letzte Zuflucht DocMartens?
Style-Klassenkrampf

Zu meiner Zeit gab es zum Abi den Führerschein bezahlt und einen neuen VW Polo. Inzwischen bekommt man ein Paar Nike Dunk (SB High, Unlucky Edition) oder schicke Oldschool Vans und ein flammendes-Herz-Oberarmtattoo zum bestandenen Abitur. Unsinn. Zu meiner Zeit gab es einen warmen Händedruck und Mutterns Freudentränen. Alles andere kaufen sich die Kids heutzutage selbst. Markenmode wird schon für Grundschüler zum Must-have. Berlin als angehende Modemetropole holt sich die Trends von der Straße. Streetwear, Skate-Fashion, Punk, HipHop, Rockabilly. Alles wird ausgeschlachtet und die damit verbundenen Ideale gehen vor die Hunde? Humbug. Da bellt anscheinend doch kein Hund mehr nach.

Irie Daily, Vans und Konsorten
In Kreuzberg wird nachgefragt: im Depot 2. Hier arbeiten Menschen, die die eine Seite, die gelebte Szene, genauso gut kennen wie die andere, die gemachte. Hier werden Irie Daily und Vans hinterm Verkaufstresen getragen und darüber hinweg an jedermann verkauft. Die müssen also wissen, was los ist. Bleibt einem nur die demonstrative Fußflucht in DocMartens, wenn man Position beziehen will? “Das Publikum hat sich geändert.“ Das bestreitet keiner im Laden. Aufgehetzt durch Modediktat und Medien reißen sich anscheinend Hinz und Kunz momentan um Chucks, Vans und Konsorten, eben trendtaugliche Sneaker jeder Coleur. In Kreuzberg nimmt man das auf die meist tätowierte, aber leichte Schulter. “Durch die Pusherei von außen bekommen gerade auch kleinere Modelabels, die schon länger auf dem klassischen Street-Style fahren, einen längst nötigen Absatzaufschwung.“

Wahr ist: Kids sind viel labelgeprägter als noch vor Jahren, einem Schuh oder Kleidungsstück haftet inzwischen nicht mehr die ganze Geschichte eines Lebens an. Es gibt Menschen, die verdienen noch kein eigenes Geld und kaufen sich trotzdem Schuhe für 180 Euro. Es gibt Turnschuhe, die mehr kosten als die durchschnittliche 1-Raum-Wohnung in Kreuzberg (brutto kalt) und die tatsächlich auch Abnehmer finden. Überraschend ist das kaum. Bekanntlich massentauglich geworden sind bestimmte Bekleidungsstücke im Laufe der Jahre immer wieder. Je nach Laune der Modewelt und des Konsumenten sind sie länger oder weniger lang auch in Clubs, auf Straßen und in Geschäften gesehen wurden.

Mode-Trend-Hype-Scheiße
Es ist nicht mehr so wie früher. So das oft gegenwärtige Hintergrundgejammer Alteingesessener. Tatsache ist aber, dass es nie “so“ oder “so“ war. Das Gedächtnis ist oft nicht mehr das beste mit den Jahren. Auch der krasseste B-Boy, auch der abgefuckteste Skater hatte seine Zeit, in der etwas konsumiert wurde, weil jeder es wollte und weil es ohne nicht mehr ging. Koste es, was es wolle. Das kann man unter “Jugendsünde” abtun, verdrängen oder so stehen lassen, weil Fakt. Das Geheule um verlorene Ideale, die sich von ordinären Konsumenten ohne Hintergrund zerreißen lassen, zeugt von Platzhirschgehabe und Sandkastenstreitereien über die größte Sandburg. Die Exklusivität, das Individuelle und Abgrenzende, das zurückblickend Skate, Punk oder HipHop einen Mythos gleichmachte, scheint keineswegs angefochten. “Leute, die einen bestimmten Lebensstil verfolgen, werden auch in Zukunft unsere Klamotten kaufen. Das haben sie früher schon, das tun sie noch und das wird auch so bleiben. Sneaker müssen beim Skaten funktionieren oder beim Basketball. Für manche sind sie eine Art Statement. Für andere müssen sie gut aussehen. Who cares?“, sagt man sich im Depot 2. Es gab also keinen Aufschwung wie Phönix aus der Asche. Der Vogel muss dementsprechend auch nicht abgeschossen werden. Die befürchtete Kernproblematik, der Niedergang der jeweiligen Subkultur an sich, ist hier einem Theoriegespenst gewichen. Szenen zerfleischen sich von innen selbst oder bleiben für sich bestehen.

Dass Mode hart kontrolliert und bestimmt wird, ist keine Neuigkeit. Aber bestimmte Schuhe machen noch keine Szene aus. Man skatet immer noch vor Aldi, wenn der Platz da gut ist. Auch im Depot 2 wird zugestimmt. “Nichts wird plötzlich gehypt und löst sich dabei im Wahn um sich selbst in warme Luft auf. Trends kommen und gehen. Die Basis bleibt bestehen.“ Niemand kann sich darüber wirklich aufregen. Man steht mit der Zeit darüber, man wird älter und verwurzelt in einer bestimmten Art zu leben. Multiple choice, man hat ja die Wahl. Underground und Mainstream sind nie hart getrennte Fraktionen. Die Trennung ist weder möglich noch wirklich nötig. “Diese ganze Mode-Trend-Hype-Scheiße bereitet keinem hier schlaflose Nächte“, bekommt man in Kreuzberg mit auf den Weg. Meine kleine Schwester wird 16. Sie mag harte Gitarrenmusik und ihr Schwarm steht hinter der Kasse im 2nd-Hand-Shop um die Ecke und sieht aus wie irgendein Typ aus irgendeiner Band. Doc Martens findet sie ziemlich öde. Die Vans-Slippers in Pink mit den niedlichen Totenköpfen, die im Depot-2-Schaufenster stehen, würden ihr bestimmt gefallen. Das Tattoo bekommt sie, sagt unsere Mutter, wenn sie ihren Abschluss schafft. Manchmal hab’ ich nachts trotzdem Albträume.

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Elektronische Lebensaspekte.