Zwischen den Zeilen, von der DRM-Fessel zur Zitat-Api
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 150

Sony PRS-650, Foto von Rachel de Joode

Soziales Lesen klingt wahnsinnig trocken. Einsames Lesen dagegen fast schon romantisch. Dabei war die soziale Verbindung in Büchern schon immer da.

Das Buch war schon lange vor P2P eines der herausragendsten Filesharing-Objekte. Bücher hat man ständig verliehen. Weil man sie meist nur ein Mal liest. Bei Schallplatten war man da immer vorsichtiger. Waren aber auch zerbrechlichere Wesen. Dann haben Bücher zunächst rasant die Digitalisierung verschlafen. Es gab zwar sehr früh lustige Online-Ideen für den Büchertausch und schon lange einen – vergleichsweise fast geheimen – Untergrund für PDFs. Und auch der größte Supermarkt der Erde – Amazon – hat ursprünglich mit Büchern angefangen und uns alle davon überzeugt, dass online einkaufen keine so schlechte Idee ist. Aber auch hier wurden E-Books erst letztes Jahr zu einer Konkurrenz für das gedruckte Wort. Im Juli 2010 hatten sie die Verkäufe von Hardcover-Büchern überrundet, erst im Januar die Taschenbücher, zumindest in den USA.


Die Hardwarefalle
Aber glaubt nicht, dass all das wirklich E-Books sind, was auf dem Amazon-eigenen Kindle gelesen wird, schließlich gibt es die Software-Entsprechung auch für OS X, Windows, iPads, iPhones, BlackBerrys und Androids. Das war erstens nicht immer so und zweitens unser großes Problem mit E-Books: Denn mit Kopierschutz gesichert, waren die digitalen Bücher an einen Reader gebunden. Und mal eben ein PDF drauf spielen war bei den meisten Geräten nahezu unmöglich, ein Frevel quasi. Das alles hat sich gelockert, denn nur so war der Erfolg dieses neuen Lesegefühls wirklich möglich. Rund läuft das System aber immer noch nicht, für Leser gar ist die Situation aktuell oft ein Desaster. Bücher aus Apples iBook Store kann man nicht auf dem Kindle lesen, PDFs für den Kindle muss man per E-Mail schicken, landen dann aber nicht unbedingt da, wo man sie erwarten würde. Sony wiederum arbeitet mit Adobes Digital-Editions-Standard und anderen Technologien. Und auch die soziale Vernetzung kommt auf Hardware-Ebene nach wie vor viel zu kurz. Warum nicht längst ein Anti-DRM-Aufschrei durch die Massen gegangen ist, kann man höchstens damit begründen, dass Bücherleser im Allgemeinen keine Hacker-Kids sind. Die Hardware und ihre, ähnlich wie bei Mobiles, festgenagelte Software nähert sich so im Schneckentempo an aktuelle Standards, während von der anderen Seite die Tablets enormen Druck machen. Die Hardware-Hersteller sind sich dessen bewusst und reagieren statt mit neuer Hardware mit Software-Updates, konkret, mit der Öffnung ihres Ökosystems in Richtung Txtr oder Copia. Kobo, einer der letzten Einsteiger in den E-Book-Reader-Markt versucht seine Software vor allem an Check-Ins zu orientieren. So verzweifelt ist die Szene rings ums soziale Lesen manchmal. Letztendlich ist die Branche noch so im Aufbruch und Umbruch, dass es vor allem denjenigen, die schon schlechte Erfahrungen mit Hardware gemacht haben, schwerfällt, sich für eine bestimmte Richtung neu zu entscheiden – besonders wenn man auch morgen noch seine Bücher von gestern lesen will. Und das soll vorkommen.

Scribd
Aber geht es auch anders? Scribd.com ist im Umfeld der Social-Reading-Unternehmungen der neue Gigant. Los ging es zunächst als Plattform, auf der ausschließlich PDFs ausgetauscht wurden, mittlerweile stehen zahlreiche Funktionen zur Verfügung, über Facebook kann das gesamte User-Profil wie eine Sonne um seine Freunde kreisen. Schön und gut, aber will man auf so einer Plattform tatsächlich seine ewig gleichen Freunde mitschleppen? Wo es hier doch speziell ums Lesen geht? Mit 26 Millionen Dollar Kapital ist Scribd allerdings gut gerüstet, um auch die mobilen Stolpersteine (bislang gibt es keine Apps) zu umgehen. Das Ziel ist hingegen glasklar: alles auf allen Geräten teilbar zu machen. Klar, auch bei Scribd kann man gemeinsam kommentieren und über PDFs plaudern, die Möglichkeiten der Kommentare sind aber noch immer extrem eingeschränkt. Ein Kommentarfluss ist bei einem Buch einfach etwas dürftig, und hat man als User ein Buch nicht in seiner eigenen PDF-Sammlung, kann man auch nichts dazu sagen. Dafür aber kann man PDFs an alles mögliche verschicken. Vom iPhone bis zum Kindle und natürlich lassen sich alle PDFs auch auf Seiten wie Facebook embedden, falls man da eine Diskussion anstacheln will. Weshalb allerdings Scribd – denn da kann man gelegentlich alles mögliche runterladen – nicht auf den Abschusslisten sämtlicher Verleger weltweit ist, ist unklar. Letztendlich ist Scribd bislang vor allem Filesharing mit etwas sozialem Zuckerguss. Mehr als bei allen E-Book-Readern dieser Erde, aber soziales Lesen würde man das – mit allen Konsequenzen – nicht nennen wollen. Noch nicht.

Amazon Kindle, Foto von Rachel de Joode

Goodreads, Copia etc.
Genau dieser Mangel an Konversation ist es, der älteren Bücherseiten, die sich rings um die “Mein Buchregal”-Metapher organisieren, hier einen Art Vorteil gibt. Goodreads dürfte unter den “social reading”-Webseiten als einer der Klassiker gelten. Und ist ebenso überaltert. Man kann beliebig jedes Buch in seine Sammlung packen, Reviews von allen lesen, “Wer dieses Buch liest, der liest auch das Buch”-Empfehlungen, kurz und gut, eine Seite, bei der man Erfahrungen mit Büchern austauscht, die im Niveau etwas über Amazon liegen. Aber mehr auch nicht. Und ähnlich gelagert ist auch Neustarter Copia, der allerdings gleich einen Bookstore und ein paar Apps für iPad und Rechner als Reader mitliefert, allerdings gegenüber Goodreads eine verschwindend geringe Userzahl hat.

Mendeley, Citeulike, etc.
Mehr Leser sollte es eigentlich an den Universitäten weltweit geben. Und genau dafür ist Mendeley gedacht. Als Forschungs-Plattform, die einem vor allem ermöglicht, die eigene Bibliothek zu sortieren, mit anderen gemeinsam zu kommentieren, und vor allem mit Usern zielgerichtet über Dinge zu diskutieren. Verknüpfungen gibt es hier mit Google Scholar und 30 anderen Orten im Netz (z.B. der NASA), die einem ermöglichen, das Forschungsgebiet auszudehnen. Wirklich angenommen wird dieses Angebot allerdings nicht. Citeulike (von Springer) funktioniert ähnlich, konzentriert sich aber vor allem auf das Netz und könnte letztendlich als eine Art überbordendes Delicious für Recherche gehalten werden. Man organisiert sich eine universitäre Crowd und kann mit ihr zusammen viel schneller die wichtigen Artikel rings um ein Thema ausmachen. Obendrein ist Citeulike mit Blog und diversesten Sharing-Funktionen und Bookmarklets ausgestattet. Die oberen Semester dürften mit diesen beiden Tools ihr Leseleben wesentlich einfacher in den Griff bekommen. Und wer noch mehr netzwerken will, dem empfehlen wir Researchgate.

BookGlutton
Zum Glück geht es auch besser. BookGlutton ist eine der neuen Webseiten, die einem einen Ausblick darauf liefert, warum ein Buch und ein Kommentar zu diesem Buch etwas anderes ist als eine Facebook-Statusmeldung. Öffnet man hier eine Lesegruppe, wird das auf Facebook gepostet (klar), aber während man liest, gibt es nicht nur einen Chat zum Buch, der sich auch noch auf einzelne Kapitel reduzieren lässt, sondern gleichzeitig auch die Möglichkeit, beliebige Passagen zu markieren (oder wiederum auf Facebook zu posten). Damit kann man eine Spur im Buch hinterlassen, wo immer man will. Wer Erfahrungen mit Realtime-Systemen gemacht hat, und sei es nur Google Docs, der weiß: Man will das nie wieder missen, egal wie verwirrend das manchmal auch sein kann. Denn zusammen mit jemand etwas lesen, der gleichzeitig da, aber nicht zu nah ist, ist einfach eins der eigenwilligen Gefühle, die man sonst selten bekommt. Social Reading geht, aber die Probleme sind klar: Lizenzierung, DRM, Verfügbarkeit.

Foto: Rachel de Joode

Hilfe
Am Ende dieses kurzen Überblicks fragt man sich, ob es wirklich schon Zeit ist für den Umstieg auf E-Books. PDFs erscheinen jetzt mal halbwegs zukunftssicher. Das EPub-Format auch, aber jeder Einstieg bedeutet entweder die Bindung an den Kopierschutz eines Herstellers, verbunden mit der Hoffnung, dass in einem zersplitterten Markt am Ende alles irgendwie zusammenwachsen könnte, oder schlichtes Ausharren, bis der Größte alles andere plattgemacht hat. Dabei könnte Social Reading so schön sein. Und wer sagt uns, dass das Buch in seiner klassischen Form überhaupt einen Wrapper wie EPub, PDFs oder ähnliches braucht? Schließlich ist es Text, und als Text wäre HTML heutzutage definitiv das flexibelste Format. Sicher werden wir in der Zukunft noch eine ähnliche Bewegung bei Büchern wie bei Musik sehen. Eine Auflösung von DRM, mehr CC-Releases, offene APIs auch jenseits von Google, und wer weiß, vielleicht sogar Bücher, die als Webseiten funktionieren und ihre Gelder über Anzeigen oder Spenden einspielen. Eine genaue Katalogisierung von Büchern jenseits ihres haptischen Deckels bis in die feinsten Teile ihrer Bestandteile ist längst möglich. Das merkt man nicht zuletzt an Zitaten, die man bei Google eingibt, die ja auf einem der größten Archive von Text sitzen. Und für genau diese Passagen braucht man eine digitale Adressierung, eine flexible und von jedem ansprechbare Zitat-API, denn erst dann wird das Reden über Text zu einem gemeinsamen und über verschiedenste Plattformen hinaus wirklich sozialen Lesen.

Post Scriptum
Mittlerweile hat Amazon eine neue Software eingeführt, und lässt einen jetzt Kommentare zu einzelnen Passagen für alle sichtbar machen. Gleichzeitig gibt es auch eine passende Webseite mit den meistkommentierten Büchern, die direkt wieder zur Kindle Software zurückleitet. Und im Versuch, einzelne Orte im Buch quer durch verschiedene Formate zu adressieren, gibt es jetzt auch – in manchen Büchern – die Seitenangaben aus dem gedruckten Buch obendrein. Ein erster wichtiger Schritt.

http://www.scribd.com
http://www.mendeley.com
http://www.thecopia.com
http://www.goodreads.com
http://www.researchgate.net
http://www.bookglutton.com

Folgende Reader sind auf dem unteren Bild zu sehen: Thalia Oyo WLAN, Hanvon WISEreader N610, Acer LumiRead, Sony PRS-650, Amazon Kindle. Infos dazu findet ihr hier:

http://www.sony.de
http://www.amazon.de
http://www.thalia.de
http://www.hanvon.com
http://www.acer.de

2 Responses