Neue Schnittstellen zwischen Handy und Netz kataplutieren uns in die nächste Mediengeneration. Ein Beispiel: Demnächst kann man Freunde in seiner Umgebung bemerken, bevor man sie sehen kann. Eine kleine Software mit dem freundlichen Namen Socialight macht es möglich. Socialight funktioniert so ähnlich wie Friendster, nur für's Handy.
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 84

Friendster fürs Handy / Socialight

Was bislang immer gescheitert ist, könnte mit UMTS jetzt selbstverständlich werden. Das Handy ist nicht länger ein etwas intelligenteres Telefon, mit dem man ab und an mal Informationen aus dem Netz holen kann, sondern eine neue Infrastruktur, die nur darauf wartet, das Netz aus den unbeweglichen Endpunkten, die Rechner immer noch sind, egal ob “portable” oder nicht, auf die Straße herauszulocken oder wohin auch immer man sich selber sonst bewegt. Das Internet wird das Paradigma verlassen, als das man es in letzter Zeit verstanden hat – als große Netzstruktur bestehend aus Computern – und einfach nur noch da sein. Überall, ungefragt, aber omnipräsent. Eine Omnipräsenz, die nicht mehr nur herbeihalluziniert wird, sondern in die sozialen Strukturen so stark eingreift, dass jede neue Software an den Schnittstellen von Handy und Netz (incl. Wi-Fi, RFID, WiMax, Mobile-Fi, ZigBee und Ultrawideband und wie sie alle heißen) eine soziale Veränderung ist. Das Netz und das Telefon kommen endlich in den großen Mixer und heraus kommt ein Püree, das die medialen Babys von heute schaufelweise löffeln werden. Denjenigen, die jetzt schon so verschuldet sind, dass die Grünen in Form von Renate Künast neue Telefontarife für Kids fordern, um eine neue Sucht aufzuhalten (12% der 13- bis 24-Jährigen haben fast 2000 Euro Schulden), wird in ein paar Jahren so eine Welt, wie sie Neal Stephensons Roman Snowcrash entwirft, irgendwie überholt vorkommen. Virtuelle Realität? Wieso? Die Realität selber ist so voller virtueller Schatten und Geister, dass die Trennung der beiden Bereiche kaum noch sinnvoll erscheint.

Sociallight

Ein Beispiel für diese Art von Software, die das kollektive Medienbewusste (und die Neoinfoarmut) in der nächsten Zeit dominieren wird, ist Socialight, das wir ausgewählt haben, weil es einen so vielsagenden Namen hat. Wie eine Diät klingt das. Oder durchdringend wie das soziale Licht, wenn man es eh als SMS-Text lite liest. Eine Dämmerung, aber so freundlich, dass man eher Joghurt und Blümchendeko assoziieren würde. Socialight ist im Grunde eine Minisuite an Buddyservices fürs neue mobile Netz. Eine Art Friendster für unterwegs. Um verständlicher zu bleiben, irgendwie nahbar, freundlich halt, hat Socialight erstmal nur zwei denkbar banale Funktionen: Man kann Freunde (im Sinn von Friendster) kurz (“Tap” heißt das bei Socialight) oder lang (“Tickle”) anvibrieren, und man kann, wo immer man ist, für wen immer man will, Notizzettel (“Sticky Shadows”) in Bild, Ton oder Text hinterlassen. (Für mehr Funktionen empfehlen wir den Start-ups hinter Socialight unseren Text “Abwesenheit Macht Mobil” aus De:Bug 52 vom Oktober 2001, wo wir nicht nur lang und breit erklärt haben, warum Abwesenheit bei Handys ein cleveres Geschäftsmodell ist, sondern auch diverse Funktionen ausgedacht haben, bei denen ich jetzt noch grinsen muss.)
Banal? Jein. Dahinter stecken zwei Dinge, die seit AOL, Friendster und GPS soziale Systeme und Orte neu definieren. Die User von Socialight werden via Global Positioning System oder einfach Handyortung über die Sendeanlagen der Provider verortet, und ihre Buddys, Freunde, deren Freunde etc. miteinander in Verbindung gebracht, wenn sie sich einander oder ihren Spuren im urbanen Raum örtlich nähern. Kommt ein “Freund” irgendwo in die Nähe, vibriert das Telefon noch, bevor man ihn sehen kann. Schön. Möglicherweise auch nervig. Aber verpassen wird man sich so nicht mehr so schnell. Redet irgendwer am Esstisch Blödsinn, kann man ihn anvibrieren, anstatt ihn zu treten, zwei Tische weiter zuwinken, ohne dass es jemand sehen muss. All die kleinen subtilen Gesten, die im höfischen Umfeld französischer Literatur ganze Romane gefüllt haben, leben im Handy wieder auf und lassen sich neu ausleben. Mit “Tickles” fordert Socialight einen dann noch auf, die Geheimsprachen wieder auferstehen zu lassen, die eh aus keiner Schule wegzudenken sind. (Das Handy als Vibratorersatz wurde ja schon in diversen Filmen als Witz unter der Gürtellinie benutzt.) Telekommunikative Berührungen eben. Selbstverständlich wie das Geistervibrieren eines Handys in der Hosentasche.

Eine neue Form von Graffiti

“Sticky Shadows” sind ein noch einfacheres, aber noch effektiveres Konzept. Man hinterlässt an Orten, über die man etwas zu sagen hat, eine Notiz, die entweder nur Freunde oder eben jeder lesen kann. Die User von Socialight werden via Global Positioning System oder einfach Handyortung über die Sendeanlagen der Provider verortet, und ihre Buddys, Freunde, deren Freunde etc. miteinander in Verbindung gebracht, wenn sie sich einander oder ihren Spuren im urbanen Raum örtlich nähern. Einkaufsempfehlungen liegen da erst mal nah, klar. Schließlich wird das nicht von Open-Source-Programmierern entwickelt. Aber letztendlich ist das nicht nur eine neue Form von Graffiti im gedoppelten informationellen Raum, sondern eine Aufladung von Orten mit Geschichte, persönlichen Erzählungen, Bildern, Vergangenheiten, aber auch Erinnerungen an Dinge, die man dort noch erledigen wollte. “Sticky Shadows” (Derrida übrigens ist ein großer mobiler Theoretiker und seine Bücher über Geister, Spectrology etc. sollten auf dem Nachttisch eines jeden mobilen Softwareentwicklers liegen) sind die Open-Air-Blogs von morgen. Eine urbane Infokultur, die die Städte und wie man sich in ihnen bewegt, verändern wird. Guerilla Marketing wird sich drauf stürzen und wir ahnen schon jetzt, dass es immer wichtiger werden wird, wen man eigentlich so in seinem Telefonbuch alles unter welchen Kategorien versammelt hat. Denn so wie Japaner sich jetzt schon eher zunicken, als sich die Hände zu schütteln, wird wohl ein kurzes Anvibrieren zu einer ebensolchen Standardbegrüßungsgeste wie diverse komplizierte Handshakes und das Angesprochen werden durch Orte, in den Stimmen von Bekannten so selbstverständlich wie Verkehrsschilder. Und vermutlich wird es gar nicht so lange dauern, bis man gelegentlich vorsätzlich “offline” durch die Straßen läuft, um die Städte wieder neu als Natur zu entdecken. Oldschool war ja immer auch schon funky.

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Elektronische Lebensaspekte.