Es war vor fünf Jahren, als die Wiener Sofa Surfers mit angekoppeltem Dorfmeister-Remix von "Sofa Rockers" in den Schuhläden dieser Welt auf heavy Rotation liefen. Seitdem ist viel passiert. Auf ihrem neuen, dritten Album "Encounters" kollaborieren sie mit Musikern wie Dälek und Mark Stewart quer durch alle Genres und schrauben weiter an Dub, Breakbeat, Funk, Elektronik und HipHop.
Text: Michael Lachsteiner aus De:Bug 55

Kosmos mit Couch
Sofa Surfers

Ihr erstes Album “Transit” von 1996 erschien gerade zu der Zeit, als der Vienna-Sound-Hype sein garstiges Haupt lüpfte und schon bald in Schuhläden rund um den Globus zu hören war. Fälschlicherweise wurden die Sofa Surfers gleich mit in diesen mehr oder weniger schicken Sack gepackt, denn “Sofa Rockers”, der erste Hit der Band, war schließlich öfter im Dorfmeister-Remix zu hören als das weitaus bessere Original. Die folgenden Singles “The Plan” und “Life In Malmö” stellten dann aber rasch klar, dass der Coffeetable-Schmoove-Groove auf der besurften Couch nichts verloren hatte. Handgespielte, dreckige Breakbeats, WahWah-Gitarren, gefilterter Funk von verschiedensten Quellen – alles eingekleidet in einer elektronischen, treibstoffverschmierten Dub-Rüstung. “Transit” – der Name des Debut-Albums, war Programm und folgte der Tradition, in der für das erste Album erst mal einige Singles und ältere Tracks auf einen Longplayer gepackt werden und eine Reise auf der Suche nach dem eigenen Stil darstellen. Dementsprechend unterschiedlich fielen auch die Stücke aus, der rote Faden Sound- & Soulsearching hielt “Transit” zusammen und machte das Album zu weit mehr als nur einem Experiment. Auf dem Nachfolger “Cargo” dagegen war bereits einiges klarer – in einem Referenzrahmen, der sich irgendwo zwischen ON-U Sound, Bill Laswell, 23 Skidoo und Punk- und Elektronik-Ideen absteckte, bewegte sich eine homogene Fracht, die elektronische Bearbeitungsmethoden mit den Synergien einer Liveband in Einklang zu bringen versuchte. Die Angelegenheit war mehr als gelungen und führte nicht nur die Band zu einer soundtechnischen Standortbestimmung, sondern brachte auch Respekt von Medien, Künstlern und Publikum.

Begegnungen

Mit dem neuen Album “Encounters” gelingt nun eine noch schwierigere Übung. Denn war der Sprung von “Transit” 1996 zu “Cargo” 1998 schon ein großer, so wird mit dem dritten Album der Sofa Surfers – das Remix-Album “Constructions” vom Vorjahr mit Beiträgen von Spectre, Eardrum, Howie B., Tom Tyler u.A. nicht mitgerechnet – sogar noch eine ganze Gewichtsklasse übersprungen. “Encounters” wiegt sich nicht zufrieden im soeben gezimmerten Elektro-Dub-Breakbeat-Bett, sondern lehnt sich mit dem durchgehenden Einsatz von Gastvokalisten (nur das ruhige Schlussstück “Gamelan” ist rein instrumental gehalten) weit aus dem Fenster, um zu sehen, was auf der Straße so vor sich geht. Neben eigentlich ohnehin Verdächtigen wie Junior Delgado, Dälek und Sensational (der Opener “Formula” ist einer der Highlights des Albums) wird auch mit Noise-Experimentalist Mark Stewart kollaboriert. DJ Collage, Oddatee, MC Santana, Lil Desmond Levy. Jeb Loy Nichols und Dawna Lee stellen die weiteren Vokalisten und trotz der unterschiedlichen Charaktere klingt das Album kompakt, heterogen und schlüssig im Sofa Surfers-Kosmos beheimatet – zu den bisherigen Klangfarben Dub, Breakbeat, Funk und Elektronik schmiegen sich East-Coast- und Abstract-HipHop, als hätte das alles schon immer zusammengehört.

Und was sagen die Sofar Surfers selbst?
“Mit den meisten Vokalisten hatten wir schon länger Kontakt und zu Mark Stewart kamen wir über Jeb Loy Nichols. Mit Mark Stewart haben wir hier in Wien gearbeitet, er war sehr resolut und wusste ziemlich genau, was er wollte und was nicht. Den anderen Kollaborateuren schickten wir Layouts oder sie schickten uns einfach Gesangsspuren, die wir dann verarbeiteten. Es ist schon komisch, es kommt mit 100%iger Sicherheit immer das zurück, was man nicht erwartet hat. Aber das macht eben “Encounters” aus, das Aufeinanderprallen. Aber wir arbeiten mittlerweile auch alle von zu hause aus und tauschen uns dann aus. Mittlerweile haben wir eine gemeinsame Sound-Ästhetik entwickelt und wollten nun verschiedene Stile anreißen, ohne diese Ästhetik aufzugeben.”

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Text: gregor wilderman aus De:Bug 10

Wiener Hackler 1 SOFA SURFERS UND DIE UNBEFRIEDIGTEN HYBRIDE von Gregor Wildermann gregorw@berlin.snafu.de Gerade auf Tour (bzw. musikalischer Klassenfahrt) und mit dem Major Universal Music im Rücken, haben die Sofasurfers mit der “TransitÒ-LP eine Melange von Stilen erschaffen, die bei weitem nicht eindeutig, aber definitiv interessant ist. Das Quartet besteht aus Wolfgang Schlägl (der Interviewpartner), Markus Kienzel, Michael Holzgruber (Schlagzeuger) und Wolfgang Frisch (kein Wiener, sondern aus Salzburg) sowie Rolf HDT als Live-DJ. Für die optische Unterstützung sorgt Monoscop, die zwar autark arbeiten, aber ihre Video-Konzepte mit den Produktionen abstimmen. Anfänge Eine unserer ersten Arbeiten war Filmusik für einen Cyberpunkfilm namens Wirehead, der auch beim letzten Chromapark lief. Dafür haben wir jeden einzelnen Schritt synchronisiert. Seitdem ist die visuelle Komponente in unserer Arbeit sehr wichtig. Wir arbeiten immer an einem Soundteppich, der leicht zum Flokati mutiert, in dem man dann schon einmal mit dem Fuß hängenbleibt. Entwicklung Noch während wir in Bands gespielt haben, gab es auch immer schon dieses Hybrid-Ding, was natürlich nicht befriedigend ist. Nach diesen Erfahrungen bauten wir uns in der Wiener Location “Kunstwerk” ein Studio auf. Dort befindet sich ein Server, ein Lichttechniker und die Location hat auch für Wiener Clubkultur eine wichtige Bedeutung, da dort die ersten Raves stattgefunden haben. Wenn man schon einmal den Luxus hat, in einem Studio mit Tageslicht zu arbeiten, läßt man sich so eine Chance auch nicht entgehen. Jeder der mit Schlagzeug arbeitet, weiß wovon ich rede. Deswegen sind wir von der Struktur her schon keine Bedroom-Producer, aber wir mögen eine möglichst gute Atmosphäre. Dazu gehören Dinge wie Tischfußball und Federball. Szene Diese kleinen Events werden dann von Einzelproduzenten geprägt, die wiederum ganz ihr eigenes Ding machen und das auch nicht mehr so puristisch wahrgenommen wird. Das ist das, was meiner Meinung nach im Moment in Wien passiert: Die totale Abkehr vom Purismus und nicht mehr nur 303 und 909! Album Das Transit-Album ist in einer Zeit entstanden, als wir keinen Deut darum gegeben haben, was dann passiert.Wir haben einfach nur produziert, und deshalb waren wir auch irrsinnig überrascht, als immer mehr Leute nach einem Tape gefragt haben. Eigentlich sollte das Album auf Klein-Records erscheinen, aber es hat so eine Eigendynamik bekommen, daß einige Majors vor unserer Tür standen, und wir schließlich einen Produktablösevertrag ausgehandelt haben. Somit kann die Plattenfirma mit diesem Album Promotion machen und uns auch auf Tour schicken, aber mehr ist nicht. Bei neuen Produktionen müssen sie uns dann schon ein vernünftiges Angebot machen und haben auch das Erstkaufsrecht. Selbstbestimmung Was wir sicher nicht wollten, war ein Album, bei dem möglichst viele Stilarten vorkommen. Wir wollten auch nicht, daß durch sehr viele verschiedene Stilformen unser eigener Stil flöten geht. Wir kämpfen schon irgendwie zwischen zwei Polen. Wir wollen auch keine Band sein, die live Drum&Bass spielt. Wir wollen uns nicht auf das versteifen. Natürlich sind wir von Clubkultur geprägt, aber die war eben nie nur puristisch, sondern sehr vielfältig. Arbeitsweise Wir haben ein Spielfeld im weitesten Beastie-Boy’schen Sinne, und es kommt dabei weniger aufs Instrumentarium an, sondern es sollte von allem etwas dastehen. Und dann tuen wir genau das, was der Song braucht und das ohne Programmatik, was sich auch auf unser Erscheinungsbild auswirkt. Wir stellen uns nicht hin und erzählen etwas vom Künstlerkollektiv. Wir sehen uns eher als ein Kollektiv von Producern im Video-, Grafik- oder Musikbereich und das ohne jeden arty-touch. Wir sind Hackler, also da ist richtige Arbeit drin. Auftrag Wir arbeiten immer noch an Popularmusik und an Jugendkultur und sind dabei irgendwie Antiprofessionalisten! _______________________________________ Zitate: Wir arbeiten immer an einem Soundteppich, der leicht zum Flokati mutiert, in dem man dann schon einmal mit dem Fuß hängenbleibt. Eine unserer ersten Arbeiten war Filmusik für einen Cyberpunkfilm namens Wirehead

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