Soffy O ist sich nicht ganz sicher. Kann sie jemals wieder so süß nuscheln wie damals bei Tok Tok? Auf ihrem Solodebut "The Beauty of It" scheint ihr selbst nicht ganz klar zu sein, wer sie als Musikerin sein will.
Text: Patrick Bauer aus De:Bug 105

“Kannste singen?“, fragten die Friedelhainjungs von Tok Tok die hübsche Schwedin damals. in so einem Bruchbuden-Club. Konntse nich, kannse nach wie vor nich. Stand dann trotzdem mit auf der Bühne, eine Woche später. 2001: Ihr süßes Nuscheln ist der Glanz auf den Beats, macht aus dem Stück ein Riesenteil. “Missy Queen’s gonna die“, Tok Tok vs. Soffy O, Konsensavantgarde, Top 20 der deutschen Single-Charts, Live-Gigs, wo es nur geht, über Jahre.

Und dann formuliert Sophia Larsson Ocklind die entscheidende Frage von alleine: “Wer ist denn überhaupt Soffy O?“ Das ist es ja, bei aller Liebe: keinen Schimmer. Bewahre, nicht doch, sie, die mit 20 aus Stockholm ins trappsende Berlin kam, um zu gucken, dann blieb, um ungewollt zu mucken und entscheidende Leute an entschiedenen Orten wie der Galerie berlintokyo zu treffen, die in diesem Moment so Nina-Persson-mäßig und schluffig in den Kaffeesatz ihrer Tasse starrt, ist keinesfalls in eine Sinnkrise geraten. Nicht direkt. Virgin aber, ihr Label, hat sie in eine Ecke gedrängt. Es hätte funktionieren können: Die EMI-Lady sozusagen, the face, Zeit wäre es. Wie ein Mitleidsvamp geschminkt senkt Soffy O den Blick auf den Bildern zu ihrem Album “The beauty of it“, das aus ihr eine markige Chanteuse machen soll, sollte – die Geschichte des Veröffentlichungstermins ist eine Geschichte der Absagen. Zwar bekundet Ocklind, sie habe lediglich auf ein paar wohlwollende Hörer gehofft, als sie sich über zwei Jahre hinweg mit dem Knuddel-Produzenten Mocky austauschte – doch Virgin hatte mehr im Sinne, kaum waren die elf Songs aufgespürt. “Das ist mir total unangenehm, so ein Personenkult“, sagt Ocklind. Sie will das nicht. Will es nicht mehr hören, ihr Album, wollte doch nie Solo sein, schon gar nicht wollte sie fortfolgend Soffy O heißen, sie will irgendwie weiter, irgendwohin.

“Liebe Journalistinnen und Journalisten, gleich wird Soffy O zu jedem Song von ‘The beauty of it’ noch ein paar Worte sagen. Wir haben uns das ausgedacht, um Ihnen damit die Arbeit zu erleichtern.“

Ist zugegeben knifflig, die Chose. Image kreieren und so. Also danke. Es stellt sich heraus, dass es Soffy O meist um gewisse emotionale Unzulänglichkeiten geht, sagen wir mal: Liebe. Gerne sei Rache der Gedanke gewesen beim Ersinnen dieser Arrangements, auch geht es offenbar um das Bittersüße, um einen dieser Momente dann wieder, comme ci, comme ca. Das Promotionsprospektchen fasst zusammen: “Soffy-O-Style eben.“ Stopp. Was genau?

“The Beauty of It“ nennt Soffy O “sophisticated Pop“. Sophisticated Pop nennt man seit jeher all das, was meint, Seichtigkeit durch Raffinesse entschuldigen zu müssen. Sophisticated Pop ist dem Trugschluss geschuldet, Eindimensionalität sei per se peinlich. Ganz klar klingt bei Soffy O zwischen Schaukelbässen, Prince-Zitaten, Zuckerchören und niedlicher Claplaune alles nach dem Popmodell Mocky. Sweet music, angereichert mit dem Besten aus vielem. Nun ist es bekannterweise so, dass Mocky Gutes geil macht, er kann aber auch gut Gemeintes perfekt egalisieren. Leider, Soffy O.

”Ich habe das Gefühl, den Leuten fehlt das Päckchen drumherum. Die fragen: Was willst du sein? Und ich habe nicht groß was ausgedacht – ich bin von nichts ausgegangen bei dem Album“, sagt sie.

“The beauty of it“ beginnt mit einem Stück, “Let me care“, das ziemlich gefällt. Weil es ohne viel zu wollen, viel zu machen doch einiges schafft, ein bisschen coverig nett ist und der Beginn von etwas Unbeschwertem sein könnte – weil Soffy O ihre Stimme wie gehabt dahinnölt, auch wenn schon hier auffällt, was später unangenehm sein wird: War ihr Organ im Verbund mit Tok Tok ein spontan anmutender Kommentar zum Mitternachts-Sound, soll das Säuseln sich hier der friemeligen Basis anpassen. Das ist zu viel, weil zu wenig tragend. “Ich traue meiner Stimme bis heute nicht“, sagt Soffy O zurecht. Ebenso traut man “The beauty of it“ schon nach dem zweiten Titel nicht mehr über den Weg. Pop, der nicht plopp macht, der in Schönheit stirbt. Eine Künstlerin, die nicht zuletzt als Figur verkauft werden soll, deren angestrengten Geschichten man aber nicht glauben mag, weil zu merken ist, dass sie selbst nicht so recht daran glaubt. Soffy O schafft es nicht, eine Illusion aufzubauen, solo klingt sie unentschlossen, und das ist sie auch. Sie kokettiert mit ihrer Unwissenheit, “Keine Ahnung, wer für diese Remixe da in Frage kommt“, weiß, dass sie das Album live anders, nicht nahe liegend mit Band präsentieren will, engagiert dafür Tresor-Größe Bill Youngman, nur wie all die unbedarften Wünsche zusammenpassen, das weiß sie nicht. “Ich glaube, ich fühle mich wohler als Teil von etwas“, sagt Ocklind. Es mag sympathisch sein, dass sie keinen Lebensplan hat, sieht sie sich eben nach wie vor mehr als Glücksmädchen, kauft kaum mehr Platten, lebt halt widerwillig das Berliner Dasein. Doch die mahnenden Worte ihres Vater, der seiner Tochter kürzlich riet: “Du musst doch wissen, was du nächstes Jahr machst“, erscheinen merkwürdig übertragbar auf ihre Musik. Sollte sie nicht auch wissen, wer oder was sie im Moment sein will, als Künstlerin? Vielleicht geben wir Soffy O die Zeit, es zunächst selbst herauszufinden. Zu gönnen wäre ihr das wirklich. Geben wir ihr noch mal drei Minuten und dreißig Sekunden.

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Elektronische Lebensaspekte.