Drew Daniel hat als eine Hälfte von Matmos Björk produziert und Pornos vertont. Mit dem zweiten Album seines Soloprojektes "Soft Pink Truth" zeigt er den ganzen Neo-Punks, wo die eigentliche Bedeutung von Punk hängt: scharf gefeuerte Texte statt schicker Posen. Spaß macht das erst recht.
Text: hendrik Lakeberg aus De:Bug 88

Punk-Subs-Tanz
Soft Pink Truth

Als vor zwei Jahren die erste Platte von Drew Daniels “Soft Pink Truth” irgendwie fast unvermittelt auftauchte, rieb sich jeder Matmos-Kenner verwundert die Augen, denn die Platte hieß nicht nur “Do You Party?“, sie klang auch genauso ausgelassen und tanzbar, wie es ihr Titel suggerierte. Mit Matmos sampleten sich Drew und M.C. Schmidt noch durch den Geräusche-Kosmos von Schönheitsoperationen und vertonten irgendwann sogar mal Pornos, bis dann der Anruf von Björk kam mit der Anfrage, ihr Album “Vespertine” zu produzieren. Darauf folgten lange Touren, auf denen die beiden von einem Hauch richtigen Popstartums umweht wurden. Letztes Jahr erschien dann Matmos sperriges Album “The Civil War“, auf dem sie völlig unbeirrt ihren Weg zwischen Elektronika und Sampling-Avantgarde fortsetzten.
Soft Pink Truth, Drew Daniels Soloprojekt, öffnete nochmal eine Tür zu einem völlig anderen Teil seines Referenzuniversum, und je weiter man ihm folgt, je komplexer und vielschichtiger wird sein wunderbar verdrehter Soundkosmos, in dem es jetzt um Punk gehen soll. Natürlich nicht nur, denn Drew geht hier einen dritten Weg, der geschickt den Elektroclash- und Disko-Punk-Hype umgeht und auch nicht die Gitarren-Keule aus dem Sack holen muss, sondern sich sensibel mit dem Mittel seiner zum Markenzeichen gewordenen Cut-Up-Elektronika der Substanz von Punk nähert. Und der substantielle Kern von Punk ist immer auch Politik im weitesten Sinne. Mikropolitik hat man das mal genannt. Ein Politik-Begriff, der sich oberflächlich gesehen zum Beispiel mit Geschlechter-Verhältnissen und Szene-Politik auseinander setzt, aber indirekt immer einen Bogen spannt zur ganz großen Politik, der von George Bush und des neo-konservativen Amerika zum Beispiel.

Der Feind im eigenen Land
Drew kramt genau zur richtigen Zeit, nach vier desaströsen Jahren Bush-Regierung, amerikanischen Hardcore und englischen Punk der ersten Hälfte der achtziger Jahre aus der Versenkung seiner Plattensammlung und projeziert ihn auf die Gegenwart. Indirekt geht es hier also immer auch um die Frage, wie eine dissidente Politik heute aussehen könnte. Aber natürlich nicht nur darum und wie gesagt indirekt. Um wirklich explizit zu sein, ist Drew zu differenziert, zu sehr in Widersprüche verstrickt.
“Amerika ist zweigeteilt und in sich tief gespalten”, dass plärrte einem auf allen Kanälen kurz vor der Wahl entgegen. Dass das nicht wirklich stimmt und Folge des reduktionistischen US-Wahlsystems ist, sollte eigentlich jedem klar sein, der nur kurz über den Tellerrand der medialen Gemeinplätze geschaut hat. Amerika ist in sich so divers, widersprüchlich und fragmentiert wie vielleicht kein anderes Land und lässt sich nicht auf die plumpe Dichotomie von Demokraten und Republikanern reduzieren. Drew Daniels war geradezu dazu gezwungen, das am eigenen Leibe zu erfahren, denn wenn man jung ist, sein Coming-out noch vor sich hat und im Mittleren Osten der USA aufwächst, gibt es als Ausweg wahrscheinlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder man passt sich an, verdrängt und gibt sich auf oder man klammert sich an jeden gegenkulturellen Strohhalm, der einem gerade in die Finger kommt. Mittlerweile hat Drew zumindest einen Teil seiner Identitätsfindung hinter sich, hat genug abgeranzte Kellerclubs gesehen, ist endlos durch Plattenläden gestolpert und hat die Sonne während der verstrahltesten Parties aufgehen sehen, um sich jetzt mit dem zu beschäftigen, was hinter ihm liegt und ihn geprägt hat.

Disco contra Politik
Die letzte Platte von Soft Pink Truth war bereits mehr als nur kickender Cut-Up-Funk. Sie war eine Hommage an die schwule Disco- und House-Kultur der siebziger/achtziger Jahre und entwarf gleichzeitig nochmal mit liebevollem Respekt und Selbstironie eine kaleidoskopische Vision von House und Disco, in der man die Disco wieder als glitzernde Gegenwelt, als Ausweg aus der täglichen Entfremdung erstrahlen sehen konnte. Das war eben auch Amerika, eines der vielen und Teil von Drews Vergangenheit. Ganz früher war Drew auch mal Punk. So richtig. Davon erzählt er auf dem neuen Album “Do you want new wave or do you want the soft pink truth“. Aber natürlich nicht nur von sich selber, das wäre Drew viel zu wenig. Stattdessen nimmt er den Titel des Tracks “Gender Studies” von der letzten Platte ernst
und macht “Do you want new wave or do you want the soft pink truth“ zu einer Studie über die Geschlechterverhältnisse im englischen Punk und amerikanischen Hardcore, gleichzeitig geht es hier um Politik, um eine Reaktion auf das Amerika unter George Bush, um Punk als Kunst und als Aktivismus, darum, dem inflationären Diskopunk/Elektroclash etwas entgegenzusetzen und letztendlich natürlich um die dicke Bassdrum und den pushenden Bass.
Alles das lässt Drew zusammencrashen, auseinander driften und zu einer sperrigen Diskursmaschine werden, die ihren eigenen Patchworkcharakter betont und keine Angst davor hat, Differenzen und Widersprüche stehen zu lassen, und damit genau das tut, was das konservative Amerika so schlecht ertragen kann.

DeBug:
Inwiefern warst du Teil der Punk/Hardcore-Szene der Achtziger?
Drew Daniels:
Ich bin in den Achtzigern in Lousiville, Kentucky aufgewachsen. In der Highschool-Zeit bin ich zu Punk-Konzerten gegangen, hab ein Punk-Fanzine gemacht und habe bis kurz vor meinem Highschool-Abschluss in einer Band gespielt. Für mich war das sehr wichtig. Die meisten Leute in Kentucky sind sehr konservativ. Into Hardcore zu sein, bedeutete also sowas wie zu einem Kult oder so was zu gehören. Die Leute kamen damit überhaupt nicht klar und haben einem das Leben ganz schön schwer gemacht.
Auf dem ersten Konzert, auf das ich gegangen bin, spielten lokale Bands, die The Primates, Happy Death und Dot 39 hießen. Es war in einem Keller unter einer Kirche. Da standen schwangere Teenager-Mädchen rum mit Mohawks und New-Order-T-Shirts. Irgendwie machte nichts so richtig Sinn, es war so seltsam, dass etwas in mir Click macht und ich dachte irgendwie, das ist es.
Außerdem war ich Straight Edge wärend meiner ganzen High-School-Zeit, so bis ich 18 geworden bin. Mein Straight-Edge-Sein gründet sich auf die Musik von Minor Threat. In Kentucky war das sehr oppositionell, weil die Eltern der meisten Leute für Whiskey- und Tabak-Firmen gearbeitet haben. Das und Pferde-Rennen waren die großen Industrien in unserer Stadt. Sich dem Rauchen und Trinken zu entziehen, war also ein großes Fuck You in Richtung der Eltern und dem, womit sie ihr Geld verdienten.

DeBug:
Die Texte der Songs, die du coverst, gehen in sehr verschiedene Richtungen und scheinen einen inneren Diskurs aufzumachen. Gibt es dabei ein bestimmtes Ziel, auf das du hinaus willst ?
DD:
Ja genau, das ist gerade der Punkt: Die Stücke ergeben kein zusammenhängendes Programm, sie drängen alle in unterschiedliche Richtungen: Einige sind echt konstruktiv, andere sind fucked up und negativ. Das machte sie interessant, denn obwohl einige fast propagandistisch wirken, sind sie trotzdem ambivalent und widersprechen sich. Den Song “Homo-Sexual“ zum Beispiel habe ich immer noch nicht so ganz begriffen. Er ist auf der einen Seite so dermaßen homophob, gleichzeitig aber auch so albern, lustig und fast zärtlich, er enthält irgendwie so viel Wissen darüber. Das, denke ich, macht die originalen Songs zu guter Kunst. Ich möchte, dass die Leute sich selber durch das Album hören und sich eine Meinung bilden, deshalb habe ich Songs genommen, hinter denen ich stehe, und andere, die ich beleidigend, abstoßend und streitbar finde.

DeBug:
Vor allem amerikanischer Hardcore Punk war/ist sehr ambivalent in Bezug auf Homosexualität. Was sind deine Erfahrungen damit?
DD:
Ja, das war das Ironische. Es sollte irgendwie so eine Freak-Community sein, aber sie war total homophob. Erst in San Francisco erfuhr ich von Homocore, Outpunk und der ganzen Queer-Punk-Szene und habe mitbekommen, dass es nicht nur das eine und das andere gibt. Es gibt Queer-Punk-Pioniere wie zum Beispiel Derby Crash, Chilli Rigot From The Endtables, Jayne/Wayne County und auch in anderen Bereichen von Punk immer auch mal schwule Punk-Bands. Homphobie ist im Punk aber ganz häufig präsent. Straight Edge war immer ein gutes Alibi für so versteckt Schwule wie mich.

DeBug:
Du hast auf deiner Web-Seite geschrieben, dass bei der Platte die Gefahr besteht, in einen nostalgischen Eskapismus zurückzufallen. Haben aber die Themen und Gefühlszustände der Songs nicht immer noch dieselbe oder eine ähnliche Bedeutung und müssten soundtechnisch nur transferriert werden?
DD:
Ich bin mir da nicht so sicher. Ich glaube nicht, dass Crass meine Hilfe brauchen, ihre Platten rocken und sprechen für sich selbst. Bands wie Nervous Gender oder Teddy & The Frat Girls haben aber niemals die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient hätten, und ich wäre sehr zufrieden, wenn jetzt Leute losgehen und sich die Platten anhören.

DeBug:
Gab es eigentlich eine politische Dringlichkeit, die Platte zu machen?
DD:
Ich würde lügen, wenn ich nein sagen würde, aber andererseits ist die Situation in Amerika so miserabel, dass diese Platte eigentlich nicht ausreicht. Die Dinge sind so beschissen, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Ich denke, dass die Angst und Dummheit in Reagans Amerika Hardcore unausweichlich machte, und Bushs Amerika, dessen internationales Chaos noch über Jahre hinweg aufgeräumt werden muss, erinnert mich an diese Zeit.

DeBug:
Was waren deine persönlichen Gründe, eine Platte mit Hardcore-Punk-Coversongs zu machen? Die Platte wirkt eben auch wie eine persönliche autobiographische Platte.
DD:
Die politischen Gründe sind eben auch meine persönlichsten. Den zahlreichen Platten, die als Discopunk bezeichnet werden, fehlt etwas Grundlegendes, was ich an Punk/Hardcore immer am aufregendsten fand: Texte, die kritisch sind, die keine Angst davor haben, den Finger in die Wunden der Leute zu legen und dann darin herumzubohren. Das scheint mir absolut verloren gegangen zu sein. Es gibt zahlreiche Bands mit Gitarren und Verstärkern, aber die meisten halten sich immer auf einer sehr sicheren Seite auf.

DeBug:
Teile aktueller elektronischer Musik bewegen sich mehr und mehr in einem selbstreferentiellem Feld, was ja irgendwie auch eine Sackgasse ist. Setzt du dich damit auseinander? Deine Platte wirkt wie ein Statement für Referenzen und Zitate ?
DD:
Ich persönlich bin Fan von Referenzen. Ich mag den Kern von Unverwechselbarkeit darin, der so etwas wie den Geist, den Objekte, Ereignisse, Orte oder Menschen in sich tragen, weiter transportiert. Ich kann mit reinem Formalismus und extremer Abstraktion nichts anfangen. Für mich steht die Präsenz im Fordergrund. Ich mag Musik, die sich handgemacht und taktil anfühlt. Irgendwie beharre ich darauf, ich kann das aber auch nicht wirklich verteidigen.

DeBug:
Sollte Dancefloor Musik eigentlich politisch expliziter sein?
DD:
Hmm, schwieriges Thema. Funktional gesehen braucht jede Dancefloor-Musik eine dicke Bassdrum, eine knallige Snare und irgendwelche kaputten Patterns, die sich gut auf Drogen anhören. Man muss Dancefloor-Musik keine langen politischen Reden aufzwingen, um sie aus einem vermeintlich bösen, verdrogten Hedonismus zu retten. Ich denke aber, dass all die seltsamen, abseitigen Communities, die innerhalb der Szene aufeinander treffen, im besten Fall Koalitionen bilden könnten, ohne die Leute eine bestimmte politische Botschaft unterzuschieben. Disco war als eine grundlegende Kunstform, in der Homosexualität ausgedrückt wurde, verdammt wichtig, um eine schwule Community aufzubauen. Das Politische ist also auch in der Dance Musik indirekt fast immer enthalten, sogar in frühen House-Tracks wie “Baby wants to Ride“, ein dreckiger Sleaze-Track, bei dem nach sieben Minuten ein Teil kommt, in dem sie über Reagan und seinen faschistischen Traum in den Achtzigern abgehen. Also eigentlich gar nicht so eskapistisch, oder? Andererseits habe ich unheimlich rechte Schwule getroffen, die am Wochenende ausgehen und Drogen nehmen und dann direkt Republikaner wählen gehen und letztendlich sogar alles nur noch schlimmer machen. Letztendlich habe ich darauf keine Antwort. Ich fühlte mich nie in dieser Kalifornien-Attitude aufgehoben, diesem “Change The World Through Dancing“-Optimismus. An diesem Punkt, wie zynisch du auch bist, setzen die Mächtigen gerade darauf, dass du auf deinen Händen sitzt und dich deinem Zynismus hingibst. Also vielleicht ist alles, was verschiedene Bevölkerungsgruppen und Schichten in großen Gruppen zusammenbringt und kommunizieren lässt, ein Schritt in die richtige Richtung. Vielleicht ist das nicht genug, aber was ist schon genug? Ich bin da echt hin- und hergerissen.

Debug:
Bist du neben der Musik in politische Gruppen involviert?
DD:
Ich bin Gewerkschaftsmitglied und habe mehrmals mitgestreikt. Die Gewerkschaftsbewegung in Amerika ist marginalisierter und nicht so mächtig wie in Europa und letztendlich andauernd von außen bedroht. Das ist der einzige bedetungsvolle Aktivismus, an dem ich teilnehme.

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Elektronische Lebensaspekte.