Als Trent Reznor von Nine Inch Nails seine Hände an Prophet V legte, blies es ihn weg. Kein Scheiß, das sagt er selbst auf der Verpackung des Erste-Sahne-Softsynth.
Text: Ludwig Coenen aus De:Bug 102


Softsynths aus dem Hause Arturia genießen nicht umsonst eine ausgezeichnete Reputation. Der Minimoog V zum Beispiel ist aus dem Softsynth-Inventar kaum noch wegzudenken. Er hat sich in dieser oft gescholtenen Sparte schon fast Klassiker-Status erworben, auf jeden Fall hat er für eine Software erstaunlich viele glühende Verehrer. Ja, ich zähle zu ihnen, ich gebe es zu. Umso gespannter war ich, als nun ein neuer Arturia Softsynth angekündigt wurde, der “Prophet V”. Rein mit der Installations-CD, Dongle in den nächstbesten USB-Slot gestopft und los geht’s.

Optik? Erste Sahne …
Der Prophet V besteht eigentlich aus drei Synthies: einer Emulation des Prophet 5, einem Nachbau seines nahen Verwandten mit Wavetable-Erweiterung Prophet VS und einer Hybrid-Version, die beide Geräte zu einem neuen verschmilzt. Wie vom Minimoog V gewohnt, präsentiert sich jeweils ein Gerät in liebevoll gerenderter Detailtreue. Wählt man über die Buttons in der Kopfzeile ein anderes Modell, transformiert sich das gerade sichtbare dementsprechend. Sieht sehr lecker aus, frisst aber auch ordentlich Ressourcen der Grafikkarte. Gut, dass Arturia mitdenkt und man diese Animation auch abschalten kann. Schließlich geht’s hier um den Klang, aber das Auge isst ja mit.

Klangerzeugung
Die Klangarchitektur der verschiedenen Synthies orientiert sich eng an den Vintage-Vorbildern: Beim Prophet V sind das also zwei Oszillatoren und die bekannten Wellenformen, beim Prophet VS stehen 4 Wavetable-Oszillatoren bereit, die auf 96 Wellenformen zurückgreifen können. Bei dieser Variante steht auch noch ein Mix-Joystick zur Verfügung, mit dem intuitiv und in Echtzeit das Mischungsverhältnis der 4 Oszillatoren manipuliert werden kann. Was neben der einfachen Editierung durch die 5-Punkt-Envelopes schnell zu dem gewünschten Klangergebnis führt. Der Hybrid-Prophet verbindet schließlich die Klangerzeugung der beiden anderen Modelle: die subtraktive Synthese des Prophet V und die Wavetable-Synthese des Prophet VS. Sieht aus, als ob beide Geräte zu einem verschraubt wurden, nur dass noch eine detaillierte Modulationsmatrix hinzukommt, die ein ausgiebiges Verschalten und Modulieren frei nach Schnauze zwischen den beiden Hauptmodulen erlaubt.

Performance
Dank der Modulationsmatrix steht der Erstellung wesentlich komplexerer Sounds, als mit den beiden separaten Geräten möglich wäre, nichts mehr im Wege. Dabei hat Arturia den jeweiligen Klangcharakter des Originalgeräts wieder einmal erfolgreich in Software gegossen. Sei es der direkte Sound des Prophet 5 oder die transparenten, kristallinen Klänge des Wavetable-basierten Prophet VS. Als ich die Software das erste Mal ausprobiere, packt mich direkt die Lust am spontanen Herumklimpern und Schrauben, wie ich es sonst nur von Hardware-Geräten kenne. Hier machen sich die klaren, nur mit den essentiellen Kontrollen der Original-Geräte bestückten Nutzeroberflächen positiv bemerkbar. Ein gelungener Spagat also zwischen einer breiten Bandbreite an Klangerzeugungs-Möglichkeiten und unmittelbarem Zugriff auf die Sounds für schnelle Ergebnisse. Wenn das nicht zwei Primärtugenden eines Softsynths sind, dann weiß ich auch nicht.

Gute Presets, schlechte Presets
Auch die Presets überzeugen zum Großteil, das klangliche Spektrum, das sie abdecken, ist enorm. Mit 3 bis 4 Prophet V Instanzen lassen sich ohne weiteres alle Grundelemente eines Tracks abdecken. Denn die meisten Sounds sind klar und einfach gestrickt, wie die ihrer Vintage-Urahnen, dafür nahezu universal einsetzbar und von guter Durchsetzungskraft im Mix. Doch dank des Hybrid-Propheten sind auch sich modulierende Sequenzen und vielschichtige Pads und Leads gut vertreten. Was mich jedoch ein wenig gewundert hat, sind die teilweise recht großen Diskrepanzen zwischen den einzelnen Presets: Manche Basssounds sind derart knackig, dass man sich fast um die Monitorboxen sorgen muss, andere Sounds hingegen klingen dann wieder etwas blass und kraftlos. Hier legt man also besser selbst Hand an, um das ganze Potential auszuschöpfen, das dieser Propheten-Drilling zu bieten hat.

Fazit
Rundum also ein weiterer gelungener Vintage-Klon aus dem Hause Arturia, dank Prophet VS und der Hybrid-Version mit den nötigen Extras für langen “Spielspaß”. Klar, der gute Klang (64Bit Berechnung, Sampelrate bis zu 96Khz) will auch mit ordentlich CPU-Leistung bei Laune gehalten werden. Dafür bekommt man jedoch auch einiges an Soundqualität geboten und das zu einem erstaunlich günstigen Preis. Auf Arturia ist eben Verlass.

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Elektronische Lebensaspekte.