Roman Belavkin aka Solar X ist so etwas wie der Gründervater für neue elektronische Musik in Russland. Auf seinem Label ArtTek hostet er die Träume junger Kids aus Sibirien, und nebenher Student der künstlichen Intelligenz. Ein russischer Aphex Twin ohne Panzer.
Text: thaddeus herrmann aus De:Bug 46

DSP-Boards statt Raketen
Solar X
Mit Solar X zu sprechen oder zu telefonieren braucht Zeit. Zuviel Blödsinn ist in den letzten Jahren über Russland erzählt worden. Dabei geht es Roman nicht um seine eigene Person oder die politische Situation, sondern um das wahnsinnige künstlerische Potential, dass in der Form von Kids, die über das ganze Land verstreut an ihren Rechnern sitzen und Musik machen, existiert. Glaubt man Solar X, ist ganz Moskau voll von Hackern und Freaks, die seit 1992 permanent online sind – natürlich kostenlos – und sich Technologie nach eigenen Wünschen zusammenbauen. Und warum sollte man ihm nicht glauben. Schließlich war sein Album “Little Pretty Automatic”, 1998 auf Worm Interface erschienen, für viele der erste Kontakt mit elektronischer Musik aus Russland überhaupt. Und was für einer.
SOLAR X: Computer waren einfach die Geräte, die am leichtesten verfügbar waren, um Musik zu machen. Also fingen wir Anfang der 90er Jahre in Moskau an, unsere eigenen Programme zu schreiben. Klangerzeugung auf Softwarebasis. Die russischen Synthesizer waren zwar ganz brauchbar, uns interessierte aber, wie weit man Computer ausreizen konnte. Ein Freund von mir entwarf 1992 dann sein eigenes DSP-Board, damit wir endlich an Klangerzeugung und vor allem Klangbearbeitung in Echtzeit arbeiten konnten.
DEBUG: Das klingt ja, als ob ganz Moskau ein einziger Campus wäre und jeder sich mal so eben das programmiert, was er gerade braucht…
SOLAR X: Ein bisschen stimmt das, ja. Wenn man heute an Russland denkt, fallen einem nur die kaputten Atomreaktoren ein, Armut, Mafia, Chaos…früher waren wir die Bösen, heute die Armen. Die akademischen und wissenschaftlichen Traditionen geraten dabei in Vergessenheit. Starke Unis auf der einen und ein immenser militärischer Forschungsapparat auf der anderen Seite…da findet man leicht Freaks, die einem ein DSP-Board designen. Ende der 80er schon hatte ich viele Freunde, die professionelle Hacker waren. Irgendwann verschwanden sie. Einfach so. Und es dauerte bis zu drei Jahren, bis ich sie wiederfand, als Sicherheitsberater amerikanischer Softwarefirmen mit Penthouse in New York. Ich könnte jetzt stundenlang über die Geschichte der Mikroprozessoren und die Rolle russischer Wissenschaftler erzählen, wichtig ist aber vor allem, dass ohne russische Entwicklungen Prozessoren heute nicht so weit entwickelt wären. Heute haben die Unis kein Geld mehr, das Wissenschaftsnetzwerk im Land bröckelt immer mehr, aber das Wissen ist definitiv da. Hey, schließlich sind wir zum Mond geflogen!
DEBUG: Aber was machen die 16jährigen Jugendlichen in Moskau, die gerne Musik machen würden? In die Uni einbrechen und einen Rechner klauen? Allein aufgrund der finanziellen Verhältnisse…haben die Menschen Zugang zu Computern?
SOLAR X: Wenn es kein G4 sein soll, ja. Natürlich sind die Verhältnisse für viele Menschen schlimm, aber irgendwann hat man genug Geld zusammen für einen mittelschnellen Pentium oder irgendeinen Synthesizer. Der Punkt ist doch, dass man auch mit Technik, die nicht dem allerneuesten Stand entspricht, bereits unglaubliche Dinge tun kann. In Moskau ist es wie überall. Die Kids haben natürlich Computer zu Hause, aber spielen nur damit. Und weil die Software-Piraterie so wahnsinnig gut organisiert ist, haben alle, die elektronische Musik machen in Russland, immer die neueste Software. Nur benutzen können sie sie nicht, weil ihre Rechner im Zweifelsfall nicht schnell genug sind. Das frustriert sie und sie fangen an zu jammern. Ich rate dann immer: Schaut, was auf eurem System läuft, kauft das Produkt und kitzelt das Letzte aus der Software raus. Nutzt den Rechner, bis er wirklich in die Knie geht.
DEBUG: Elektronische Musik aus Russland ist mittlerweile eine feste Größe, nur an Strukturen scheint es noch zu fehlen.
SOLAR X: Naja, ich lasse mir mit meinem Label ArtTek einfach viel Zeit, es tut sich aber was. Da gibt es zum Beispiel diesen Japaner in Sankt Petersburg, der gerade ein Label gegründet hat für Techno und Elektronika. Der zahlt seinen Künstlern 4000 Dollar Vorschuss. Da kann ich nicht mithalten. Egal, mir ist die Moskauer Szene sowieso lieber. Demos erreichen mich aus dem ganzen Land. Der nächste Release auf ArtTek kommt zum Beispiel von zwei Jungs aus Nowosibirsk. Vor einer Weile bekam ich zwei Tapes von ihnen, und mir war klar, dass ich das rausbringen muss. Also bat ich um ein CD-Master oder eine MiniDisc. Hatten sie aber nicht, die Tracks waren längst wieder von ihrer viel zu kleinen Festplatte verschwunden. Das ist die Realität. Nowosibirsk…weiter weg vom Rest der Welt geht wirklich nicht, aber da wohnen Leute neben der Fabrik, wo früher die Sprengköpfe für die Mittelstreckenraketen gebaut wurden – wieder so ein Technologiezentrum – und machen Musik. Das macht Hoffnung.

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Elektronische Lebensaspekte.


Text: manuela krause aus De:Bug 24

1. Warum Superman nicht mehr Superman ist – hat das Böse gesiegt ? Zuvor muß hier erst einmal das Gerücht aus der Welt geräumt werden, daß Superman aus Amerika stammt. Das ist lediglich Verwirrungspropaganda, wie wir jüngst aus einer sicheren Quelle erfahren haben. Solar X aka Roman Belavkin, russischer Spezialist für ‘elektronisch astrophysische Klänge’, der gerade auf dem Londoner Soholabel ‘Worm Interface’ sein erstes Album ‘ A little pretty automatic ‘ veröffentlicht hat, verriet uns sein Geheimnis : ” ICH war Superman…” Eigentlich war Roman Belavkin ein ganz normaler russischer Junge in Moskau. Eines Tages kamen dann diese Wesen aus einer anderen Welt und sie implantierten dem ahnungslosen Bub, während er schlief, einen asteoriden Kalashnikoff Bullet Chip ins Rückenmark. Roman erinnert sich nur vage – aber seitdem war sein Leben nie mehr so wie früher… Immer öfter bekam er in der Schule so merkwürdige Zuckungen. Diese erklärte er, damit seine Kameraden nichts merkten, kurzerhand zu einem neuen Tanzstil, den er Breakdance nannte. ( Hier ist der Beweis – also auch eine russische Erfindung. ) Das war Mitte der 80er Jahre. Von nun an entwickelten sich Romans Superkräfte mehr und mehr. Um diese besser beherrschen zu können, widmete sich unser junger Held vermehrt der asiatischen Kampfkunst. Wushu, das war sein Gebiet. Das ist so ähnlich wie Kungfu, aber mehr Gymnastik als Kampf. Schließlich wollte er Bruce Lee nicht kompromittieren, und die Welt durfte ja auch nicht wissen, wer der wahre Superman ist. Nichtsdestotrotz muß hier wohl gar nicht erst erwähnt werden, daß Roman schon bald im russischen Nationalteam kämpfte, und weil er ja Superman war, durfte er auch in London an den europäischen Meisterschaften teilnehmen. Wieder zurück in Moskau hatte er sämtliche Goldmedaillen im Gepäck. Doch die Freude hierüber hielt nicht lange an, denn dummerweise beendete ein ganz gewöhnlicher Autounfall die sportliche Karriere des russischen Wunderkindes.” I’m not superman anymore”, gesteht er heute beinahe ein wenig melancholisch. 2. Was macht Superman, wenn er nicht mehr Superman sein kann ? Auf diese Frage gibt es eine kurze und logische Erklärung: Roman widmet sich der Forschung im astrophysischen Bereich. Das ist nämlich allgemein in Rußland ein sehr beliebter Berufszweig. Aber wer einmal Superman war, ist natürlich nicht so schnell zufrieden zu stellen. Klar, daß die Forschung unserem Ex-Supi längst nicht ausreichte. Zum Glück, denn das trieb ihn letztendlich in die Arme der Musike, seiner zu der Zeit noch geheimen, aber einzig wahren Liebe. Da Super-Ro-man ja nie gelernt hatte, ein Instrument zu spielen, landete er wie viele vor und nach ihm bei Synthy. Synthy kam aus Japan und war ein eher schlichter Typ, analog und manchmal etwas ‘dummy’… Roman : ” Das war unmöglich! Man konnte diese Synthies überhaupt nicht programmieren. Das einzige, was man damit machen konnte, waren Melodien. Also habe ich Melodien erfunden… Ich habe zig Tapes mit Hunderten von kleinen Songs, die ich alle in den letzten 14 Jahren produziert habe. Eigentlich wollte ich diese Tracks ja fertig machen, sobald ich durch ein besseres Keyboard die Möglichkeit gehabt hätte… Naja, als dann mein erster Computer da war, habe ich aber angefangen, neue Stücke zu produzieren…” Und wie das bei Musik dann so ist, sie will nach draußen! Sinnigerweise gab Roman seinen ersten Live-Gig beim Electronic Festival im Moskauer Club ‘Pilot’. Da mußte dann auch endlich ein Name her. Zu dieser Zeit forschte unser ehemaliges Wunderkind an einem Projekt der Moskauer Universität, wo es um die Berechnung von Sonnenstrahlen in der Atmosphäre ging. Dieses Programm hieß Solar Flux, und ihr ahnt richtig, schon bald wurde aus Roman Belavkin Solar x, und so wollen wir ihn ab jetzt auch nennen. Solar X verschaffte sich schnell in der russischen Technoszene einen Namen. Die Situation in Rußland war und ist jedoch alles andere als einfach. Der Großteil der Szene ist nämlich sehr arm, und das gilt nicht nur für die KonsumentInnen, sondern auch für all die russischen DJ’s und Producer. Solar X : “Es gibt sehr viel experimentelle elektronische Musik, die hier produziert wird, besonders aus Moskau, St. Petersburg und Novosebirsk. Aber das Problem ist, wir können unsere Musik weder auf CD noch auf Vinyl veröffentlichen. Dafür fehlt einfach das Geld. Außerdem ist es sehr hart, sie in Rußland zu verkaufen. Die Leute sind entweder arm oder ‘snobby’. Die ‘Snobbies’ sind totlangweilig. Die kaufen sowieso nur das, was gerade hip ist und aus dem ‘Westen’ kommt. Die würden unsere Veröffentlichungen niemals kaufen, nicht mal anhören, und das nur, weil wir aus dem ‘Osten’ kommen…Unsere Fans sind hauptsächlich StudentInnen, und die bevorzugen natürlich ‘Tapes’, denn das ist am preiswertesten und somit das einzige, was sie sich leisten können. Das bestimmt letztlich den Markt und führt dazu, daß die meißten russischen Labels bloß als Tape-Label existieren.” Auf diesem Wege hat auch Solar X seine Musik zunächst verbreitet. Er gründete ein eigenes Tape-Label, was vom Namen eher an Graffittikunst in Klubklos erinnert: Art-Tek. Unzählige Tapes hat er hier mittlerweile veröffentlicht.. Eine Methode, die ja auch in der ehemaligen DDR sehr beliebt war. Scheinbar ist die Mauer aber, seitdem sie in Berlin abgerissen wurde, einige Kilometer weiter gen Osten gerückt…zumindest imaginär. Wie es jedoch dazu kam, daß Solar X trotzdem auch CD’s veröffentlichte und sich längst auch in der ‘westlichen Welt’ einen Namen verschaffte, das ist der abschließende Teil dieser Geschichte: 3. Erstes ‘Opfer’ – junger Mann im Osten durch’s Internet gerettet Einige Menschen aus der westlichen Welt, genauer gesagt aus Amerika ( richtig, die mit dem Superheldentraum, die auch später behaupteten, Breakdance sei eine amerikanische Erfindung… ) machten sich auf die Suche nach alten russischen Synthesizern. Dank moderner Technologien mußten sie zu diesem Zweck glücklicherweise aber nicht erst nach Rußland reisen. Schließlich war und ist man ‘global connected’. Sogar mit Rußland. Dort tümmelte sich auch längst unser kleiner russischer Freund im Netz. Und so geschah es, daß die westliche Welt im virtuellen Raum auf die östliche Welt stieß. Da man im Netz keine Berührungsängste kennt, lief auch alles glatt. Aufgrund seiner Synthiekenntnisse war Solar X genau der richtige Mann für Defective Records, man kam in Kontakt. Solar X: “Ich hatte vorher noch nie was von Defective Records gehört, genausowenig wie von all den anderen Westlabels, aber mir gefiel der Name, da habe ich dann mein Tape gleich mitgeschickt.” Gute Idee, denn das hat solch einen Eindruck hinterlassen, daß Defective Records schon bald darauf seine erste EP veröffentlichten: Outre X- Mer… und dann ging alles wie von selbst, und eins kam, wie man so schön sagt, zum anderen: Viele Live- Gigs und unglaublich gute Kritiken. Outre X-Mer wurde sogar mit Richard D. James ‘Analog Bubblebath’ verglichen (R.R.R. Frontpage 96). Und weil das ein modernes Märchen mit einem Happy End wird, war es natürlich auch nur eine Frage der Zeit, bis sich der berühmte R.D James und der ehemalige Superman Solar X begegnen würden. ‘Kalashnikoff Bullet Bath’ sollte ja das russische Pendant zur Analog Bubblebath werden… als Rephlex dann an einer Veröffentlichung interessiert waren, hatten ‘Defective Records’ jedoch längst schon ‘gepresst’…Aber Solar X und Aphex Twin sind jetzt gute Freunde und feiern unheimlich gerne Parties zusammen. Und auf Parties, wie wir ja alle wissen, trifft man dann natürlich auch wieder andere interessante und manchmal auch für die eigene Karriere sehr förderliche Menschen…und die haben dann z. B. auch wieder ein Label. Wenn dieses dann auch noch zufällig ‘Worm Interface’ heißt, dann passieren so wunderbare Dinge, wie das erste richtig lange Album von Solar X ‘A little pretty automatic’ , und dann können sogar Superkräfte zurückkehren. Fazit: Superman kommt aus Rußland – sein Name ist Solar X , Prawda !

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