Soderberghs "Solaris" lebt vom Mythos seiner Vorlagen. Gewohnt visuell perfekt, kühl und unaufgeregt inszeniert, streift Soderbergh leider doch nur das Potenzial des Science Fiction Klassikers. Ingrid Arnold deckt das mal auf.
Text: Ingrid Arnold aus De:Bug 69

Solaris – Horror ohne Ende
Das Weltall als Kulisse

Zusammen mit Stanley Kubricks epochaler Verfilmung von Arthur C. Clarkes “2001 – A Space Odyssey” bildet die “Solaris”-Verfilmung von 1968 durch Andrej Tarkowskij ein bislang unantastbares Paar Science-Fiction-Klassiker. Als Kind der 1970er habe ich beide Filme in der frühen Erinnerung oft vermixt – die weiße Leere auf Raumstationen, die Männer in ihren komischen Hosen. Nun hat sich Steven Soderbergh, der geniale Streber unter den unabhängigen Hollywood-Regisseuren (“Sex, Lies and Videotapes”, “Traffic”), “Solaris” vorgenommen.
Der Wissenschaftler Chris Kelvin wird von der Erde auf den Planeten Solaris gerufen, um die seltsamen Vorgänge dort zu untersuchen. Dort stößt Kelvin auf ein Wahrnehmungsphänomen, mit dem weder die bisherige Besatzung der über einem Plasma-Ozean schwebenden Raumstation umgehen kann – noch Kelvin selbst. Stanislaw Lems 1961 erschienener Roman ist eine tiefenpsychologische Reflexion über menschliche Erinnerungen und über Verdrängung. Und Tarkowskij hat diese Überlegungen kongenial umgesetzt.
Es ist ja immer ein Leichtes, eine Verfilmung eines bekannten Romans – oder das Remake eines Kultfilms – auf seine Änderungen gegenüber der Vorlage abzuklopfen und dann abzukanzeln. Aber jedes Werk begibt sich nun mal in einen intertextuellen Kontext. Wer das umgehen will, sollte keine Remakes machen. Soderberghs Film scheint sich auch gar nicht um Unabhängigkeit zu bemühen, so baut seine inhaltliche Reduziertheit schon auf einem gewissen Vorwissen auf.

Irgendwie im Bann der Vorgänger

Vergleicht man den neuen Solaris mit seinen Vorgängern, fallen einem nicht nur Kleinigkeiten auf, wie die, dass Harey jetzt Rheya heißt, dass Snaut in zwei Charaktere – Snow und Dr. Gordon – aufgegangen ist oder dass ständig von “Raumschiff” die Rede ist, obwohl man sich auf einer Station befindet. Aber stutzig wird man werden, wenn der neue Kelvin (George Clooney) seine soeben erst auf der Station erschienene Frau Rheya (Natasha McElhone) in Null-Komma-Nix mit einer Kapsel unwiderruflich ins All schießt. Gar keine Zweifel, wer diese Erscheinung war – sicher nicht seine Rheya, sicher kein Mensch? Und warum sind Kelvins Zweifel danach, bei der erneuten Wiederkehr Rheyas, auf einmal so stark und die Verbindung zwischen beiden durch gemeinsame Erinnerungen so intensiv? Der neue Film scheint darauf aufzubauen, dass man weiß, um was es sich bei den ungebetenen Gästen auf der Station handelt. Und das neue Ende ist zudem unglaubhaft, denn (Achtung Spoiler!) wenn der Annihilator, jene Einrichtung, um die “Besucher” ein für alle mal wegzuschicken, einmal funktioniert hat, dürften die Erinnerungsmanifestationen gar nicht mehr wiederkehren …
Ein Indiz dafür, dass Soderbergh mehr ein modifiziertes Remake des Tarkowskij-Films als eine Neuverfilmung des Lem-Romans anstrebte, ist, dass – anders als im Buch – Anfang und Ende Kelvin in seiner Vergangenheit auf der Erde positionieren: Tarkowskij tut dies mit Kelvins Vater (das ist eine Variation zum Roman) und Soderbergh mit Kelvins Frau (was im Roman am Ende offen bleibt). Das Buch “Solaris” beginnt dagegen zielstrebig mit Kelvins Ankunft auf Solaris – und schweift dann in den Rückerinnerungen des erzählenden Kelvin kräftig aus (zu schweigen von den teils wirklich nerdigen Kapiteln über die Geschichte der Solaristik).
Mit Kelvin, allein mit einem Kollegen zurückgeblieben auf Solaris und der vagen Hoffnung auf eine neue Wiederkehr seiner Frau, endet das Buch. Tarkowskijs Film schließt mit der gruseligen Wiedervereinigung Kelvins mit seinem Vater und seiner nebelumwaberten, verregneten Heimat – auf Solaris. Der neue Film jedoch kann sich ein “Happy End” nicht verkneifen: Kelvin findet sich ebenfalls auf dem Planeten wieder, absorbiert sozusagen, mit Rheya, bis in alle Ewigkeit jung und in einer Designerwohnung. Ein Horrorfilm?

Chance verpasst

Dabei hätte Soderbergh die Möglichkeit gehabt, die Erscheinungen als Metapher für das Klonen von Menschen zu lesen. Denn dann würde auch eine Reduktion der Handlung auf die Liebesgeschichte Sinn machen: Was passiert, wenn man eine Kopie eines geliebten Menschen trifft – die dennoch nicht dieselbe ist und unter dieser Erkenntnis leidet? Doch diese Chance nutzt der Film nicht. Ohne all die Detailbeschreibungen über die zu beobachtenden Ausprägungen und Formen des planetaren Ozeans im Roman oder die Kunstfilmsequenzen Tarkowskijs hätte Soderbergh sich des Dilemmas der menschlichen Kopie, nämlich der Nicht-Einzigartigkeit und Nicht-Sterblichkeit, annehmen können. Stattdessen taucht Kelvins Frau hier offensichtlich nur auf, damit der Protagonist seine Schuld an ihrem Suizid “wiedergutmachen” kann. Es folgen viele Beziehungsplattheiten und -wahrheiten und damit natürlich kaum neue Anregungen.
Der neue “Solaris” lebt überwiegend vom Mythos seiner Vorlagen. Drehbuchautor und Regisseur Soderbergh hat ihn gewohnt visuell perfekt, kühl und unaufregend inszeniert. Als erfahrener Kameramann und Cutter setzt er nicht auf Effekte, sondern auf die Bildkomposition. Der Planet kommt sehr oft als schönes Schnittbild vor und ersetzt den herkömmlichen Vollmond – eine Rolle spielt er aber nicht wirklich. Die Erde und die Rückblenden sind grün- und braunstichig gehalten, auf Solaris ist alles bläulich-grau. Bei Ausstattung und Kostüm herrscht dabei Understatement; eine weise Entscheidung, sind es doch die Sci-Fis mit dem geringsten Anteil an konkreten Zeitbezügen und Techno-Bubble, die man auch nach Jahrzehnten noch anschauen kann.
Ob “Solaris” aber so in Erinnerung bleiben wird wie Ethan Hawkes ebenfalls gelackter “Gattaca”, darf man bezweifeln. Denn inhaltlich hat Soderbergh das Potenzial nur gestreift. Dabei hat Lem in seinen Stoffen stets heutige Themen angepackt, um sie in einer möglichen Zukunft zu überprüfen. Soderbergh bleibt davon weit entfernt. Hier bleibt alles greifbar an der Oberfläche. Also höchstens “Solaris” für Einsteiger – aber ein Film, den man keinem als einzige “Solaris”-Erfahrung wünschen möchte.

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Elektronische Lebensaspekte.