Beim diesjährigen Sonar-Festival in Barcelona gab es missmutige Stimmen. Erstmalig in der elfjährigen Festivalgeschichte regnete es, etwas, auf das die Organisatoren in keinster Weise vorbereitet waren. Neben einigen Showcases, die so ins Wasser fielen, erblickte man überall in der Stadt Plakate gegen das Festival. Debug sprach mit Enric Palau, dem Sonar-Chef.
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 85

Fiesta Catalunya

Debug: Elf Jahre Sonar. Zeit, ein wenig zurückzublicken. Wie würden Sie die Entwicklung des Festivals beschreiben? Und sind Sie zufrieden mit dem Erreichten?

Enric Palau: Wir versuchen nach wie vor, die verschiedenen Felder von elektronischer Musik einem großen Publikum zugänglich zu machen. Als wir anfingen, wollten wir Sonar nicht als Festival für elektronische Musik bezeichnen. Elektronik ist für uns ein Instrument und der Künstler und seine Sensibilität im Umgang damit ist das Entscheidende. Manchmal ist die Musik, die wenig Elektronik benutzt, die, die am weitesten vorne ist. Ein gutes Beispiel dafür war dieses Jahr HipHop. Ansonsten ist die Mischung von Dance- und Listening-Acts nach wie vor wichtig. Wir sind nicht kommerzieller, als noch vor ein paar Jahren. Seit drei Jahren wächst das Festival nicht mehr. Es ist groß, weil eine Menge Leute gerne nach Barcelona kommen und sie hier einen perfekten Treffpunkt vorfinden.

Debug:
Mittlerweile gibt es, auch in Spanien, eine ganze Reihe anderer Festivals, die eine ähnliche Ausrichtung haben. Wie verhält sich das Sonar zu dieser veränderten Situation?

Enric Palau:
Von Anfang an war uns wichtig, drei Gruppen von Leuten für Sonar zu begeistern. Erstens natürlich die Künstler, zweitens das Publikum und drittens die Professionellen. Leute, die selber ein Label haben oder Vertriebe, aber auch Grafikdesigner und Leute aus dem Kunstkontext. In den letzten Jahren hat sich einiges verändert. Die großen Messen funktionieren nicht mehr. Die Musikindustrie ist in der Krise. Bei uns waren in diesem Jahr mehr Professionelle als je zuvor. Auch wenn man sagen muss, dass das Interesse von Majorlabels am Sonar sehr gering ist. Wir versuchen, Sonar zu einem guten Treffpunkt zu machen. Und Barcelona allein ist natürlich immer eine Reise wert. Ich denke, dass es ohne den Businessbereich drum herum nicht mehr geht.

Debug:
Ich war überrascht, dass das Booking in diesem Jahr tagsüber so sehr auf Listening-Acts konzentriert war.

Enric Palau:
Wir hatten immer so eine Mischung. Vor allem tagsüber. Eins der Tages-Highlights war immerhin Francois K. …

Debug:
Ja, aber er war der Einzige, der am Freitag wirklich Tanzmusik, gespielt hat. Und so war es eigentlich jeden Tag.

Enric Palau:
Okay, es stimmt, dass wir in den letzten drei Jahren immer mehr Listening-Acts in den Tag gelegt haben. In diesem Jahr kam hinzu, dass wir unbedingt die Entwicklungen im HipHop featuren wollten. Deswegen gab es kaum Dancefloor-Acts. Nachts wiederum gab es mit Madlib und Kid Koala ja auch HipHop-Shows. Die Mischung gab es also auch.

Debug:
Es kam mir so vor, als ob noch nie so offen in der Nähe des Festivalgeländes gegen das Sonar protestiert wurde. Wie ist ihr Eindruck?

Enric Palau:
Einmal im Jahr ist das Sonar-Festival in jeder Zeitung der Stadt ein großes Thema. Die CNT (Anarchistische Gewerkschaft, Anm. d. Red.) zum Beispiel nutzen diese Medienaufmerksamkeit natürlich für ihren Protest, der sich gegen die Politik der Stadt richtet. Sonar ist nur ein Anlass. Ansonsten gibt es nur eine kleine Anzahl von Leuten, die gegen das Sonar mobilisieren. Primär diejenigen, die direkt am Sonar-Gelände leben. Aber das Festival ist ein besonderes Event. Nur einmal im Jahr, drei Tage und es ist ja nicht so, dass wir die ganze Nacht Krach machen würden. Um zehn ist die Musik aus. Das Festival ist nicht nur für die Stadt wichtig, sondern natürlich auch für die ganzen Restaurants und Hotels, die jungen Leute. Es ist wichtig, dass wir mit den Anwohnern einen Kompromiss finden. Wir in Barcelona machen Krach. Alle, nicht nur Sonar.

Debug:
Kurz nach dem Ende des diesjährigen Festivals ging das Gerücht um, dass das Sonar im nächsten Jahr umziehen wird.

Enric Palau:
Nein …, wir werden nicht umziehen. Vor allem auch, weil das Museum für zeitgenössiche Kunst (MACBA) , wo das Festival tagsüber stattfindet, komplett involviert ist in der Realisierung des Sonar.

Debug:
Dieses Jahr nahm das Festival leider ein etwas unrühmliches Ende. Es regnete zum ersten Mal in der Festivalgeschichte, und niemand, vor allem nicht die Technik auf den Bühnen, schien darauf vorbereitet zu sein. Was einige Abbrüche und Absagen von Acts nach sich zog.

Enric Palau:
Eigentlich nur eine Show, nämlich die von To Rococo Rot, was sehr schade war.

Debug:
Aber der komplette Gomma-Showcase wurde doch auch gecancelt und Four Tet konnten auch nicht spielen.

Enric Palau:
Hm, ja, das stimmt. Das haben wir auch abgesagt. Wie schon gesagt, es war das erste Mal in elf Jahren, dass es geregnet hat. Alle Bühnen sind Open Air und es gibt keine Lösung, wenn es die ganze Zeit regnet. Vielleicht hätte man die Bühnen anders bauen können, aber wenn es regnet, wird das Publikum sowieso schnell gehen. Aber ich weiß, dass es für die Künstler sehr schade war. Wir konnten den Regen nicht stoppen.

Debug:
Das ist klar. Aber ist das nicht unprofessionell? Sonar ist immerhin eines der angesehensten Festivals in Europa, vielleicht sogar weltweit!? In England, wo es alle Nase lang regnet, finden Open Airs ja auch problemlos statt.

Enric Palau:
Wir hätten uns niemals träumen lassen, dass es regnen würde. Das ist die einzige Antwort, die ich geben kann.

Debug:
Was passiert denn mit den Künstlern, die nicht auftreten konnten?

Enric Palau: Wir sind in Gesprächen und versuchen, eine Einigung zu finden. Aber man muss bedenken, dass auf dem Festival 150 Künstler aufgetreten sind und wir vielleicht vier Auftritte wegen des Regens absagen mussten. Das ist schlecht, aber die Balance des Festivals stimmt trotzdem. Natürlich diskutieren wir mit Domino und Gomma über eine Lösung. Vielleicht laden wir einige von ihnen im nächsten Jahr nochmal ein.

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Elektronische Lebensaspekte.