Sommer, Sonne, Sonar. So in etwa dürfte die Assoziationskette bei so manchem Musikliebhaber aussehen, bei dem sich das Datum des alljährlichen Sonar Festivals in Barcelona fest in den Terminkalender eingebrannt hat. Muss in Zukunft auch Supergau in die Kette aufgenommen werden?
Text: sven von thülen | sven.vt@debugOS.de aus De:Bug 50

es war live und ich war dabei

Bitte ziehen sie durch
Sonar 2001

Das selbsternannte “Festival for advanced electronic music and media Art”, Sonar, hat sich in den acht Jahren des Bestehens zu einer kleinen Institution entwickelt, mit der gemeinhin eher ein nettes, verlängertes Wochenende mit wenig Schlaf und dem einen oder anderen Drink als ein von Terminen durchzogenes Visitenkartentauschen und Businesspartnerhändeschütteln verbunden wird. Attribute wie “familiär” und “entspannt” kamen in den meisten Erlebnisberichten der letzten Jahre so inflationär wie passend vor. Dass aber selbst auf dem Sonar irgendwann das Ende der Gemütlichkeit erreicht ist, dafür musste dann leider das diesjährige Festival als Beweis herhalten.

Grund dafür war weder ein plötzlich entbrannter Drang, in der spanischen Sonne das Wort Business großgeschrieben mit sich herum zu tragen, noch ein überraschendes Unwetter, denn, wie gesagt, die spanische Sonne schien mit voller Intensität. Als Problem stellte sich eher die der steigenden Beliebtheit geschuldete Zuwachsrate an Urlaubs-, Feier-, Socialize-, und was weiß ich noch willigen Massen aus allen Teilen der Welt dar. 80.000 sollen es in diesem Jahr insgesamt gewesen sein. Da bleibt das ein oder andere Gedrängel nicht aus. Was sich aber dieses Jahr auch noch krasser bemerkbar machte, war der Unterschied zwischen der Tag- und der Nachtveranstaltung.

tagsüber
Das Centre of Contemporary Arts Barcelona, kurz CCCB, ist mit seiner Mischung aus futuristischer Glasarchitektur mit maurischen Versatzstücken und schönen Patios eigentlich die ideale Location zum Musik hören, rumhängen und dem Menschengewusel, das sich zwischen Halle, Ausstellung, Open Air Bühne und den einzelnen Höfen hin und her bewegt, zuzusehen. War im letzten Jahr Berlin das Thema der Ausstellung, war in diesem Jahr London das Ziel der Kuratoren. Irgendwie ließ einen aber das Gefühl nicht los, dass es in London weit mehr zu sehen gibt, mehr Bewegung, mehr Überraschendes. Sowohl bei den Installationen wie auch bei den Designsachen. Musikalisch waren die Tage davon geprägt, dass man einige vielversprechende Showcases (falls man überhaupt reinkam, beziehungsweise die Muße hatte, Ewigkeiten anzustehen) wegen Platz- und Sauerstoffmangels nach wenigen Minuten wieder mit sich, der stickigen Luft, der Enge und dem Haufen Menschen allein ließ. Sowohl das Mille Plateaux Showcase (auf dem sich z.B. Vladislav Delay fast vergeblich abmühte, in einer kleinen Kathedrale so etwas wie Atmosphäre zu generieren) als auch das Native Instruments Showcase mit Mike Dred und Richard Devine ereilte dieses Schicksal. Asthmatiker bitte draußen bleiben. Highlights tagsüber waren John Peel (spielte von Ramones bis Fussballübertragungen und Happy Hardcore alles), Electro Music Department (rockten zum Abschluss, bis der Strom abgestellt wurde) und Matmos.

nachts
Dass es in diesem Jahr eine neue Location für den nächtlichen Rave geben würde, war schon vorher klar. Was einen aber letztendlich erwartete, damit hatte wohl niemand wirklich gerechnet. Die Strandnähe der Vorjahre hatte man mit dem Messezentrum getauscht, das mit seinen zwei riesen Hallen und der Open Air Schneise mit Rummelcharakter und Autoscooter gleich die fiesesten Mayday-Monsterrave-Volksfestassoziationen weckte. Knapp 20.000 ausgelassene Raver hoppelten zwischen den einzelnen Bühnen und Hallen hin und her, und irgendwie schien es komplett egal zu sein, was wo oder wer wann irgendetwas auflegte oder live spielte. Aphex Twin oder auch Sonic Youth zum Beispiel schienen auf der überdimensionalen Bühne fast völlig zu verschwinden. Wiederholung nein danke. Dafür gab es aber in den folgenden Nächten ja auch genug Parties außerhalb des Sonar-Programms z.B. von Kompakt, Cocoon, Tresor, Gigolo, Ladomat, WMF/De:Bug in den ansässigen Clubs, was sich, das mal ganz nebenbei, so langsam auch zum Problem für die Organisatoren des Sonars entwickeln könnte. Was tun, wenn die Clubs das bessere Booking haben?!

Zum Abschluss bleibt anzumerken, dass in Barcelona, man glaubt es nach fünf Tagen wiederholtem und verzweifelten Wartens kaum, fast doppelt so viel Taxen durch die Gegend cruisen wie in Berlin und Barcelona einfach immer eine Reise wert ist. Egal, ob mit oder ohne Sonar.

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Elektronische Lebensaspekte.