Text: Anton Waldt aus De:Bug 108

Ghettoblaster 2.0
Mini-Boxen fürs Handy

Handys geben ja dieser Tage prinzipiell das schwarze Loch für Kommunikations- und Unterhaltungsgeräte, fast keine Anwendung ist davor gefeit, nicht ruckzuck in einer Handy-Funktion aufzugehen und dadurch als eigenständige Gadget-Kategorie zu verschwinden. Bei MP3-Playern geht genau diese Entwicklung gerade vonstatten, eine entsprechende Funktion ist in fast alle neuen Handy-Modelle integriert und auch in Sachen Speicherplatz und Bedienbarkeit nähern sich die Musik-Telefone rapide dem MP3-Player-Standard an. Apples iPod ist daher auch längst nicht mehr das meistverkaufte Produkt in der Walkman-Klasse, allein Nokia hat im letzten Quartal 15 Millionen Handys mit integriertem MP3-Player abgesetzt und damit Apple locker abgehängt. Der Mobiltelefon-Ableger des Walkman-Konzerns, SonyEricsson, macht mit den Mini-Boxen “MPS-60” jetzt sogar den Versuch, den Ghettoblaster durch das Handy zu ersetzen, was zwar ein hochgradig abstruses Unterfangen ist, aber angesichts des Nutzerverhaltens blutjunger Taugenichtse auf Berliner Straßen sogar von Erfolg gekrönt werden könnte. Bei den Nachwuchs-Eckenstehern lässt sich nämlich des öfteren beobachten, dass Musik über den integrierten Handy-Lautsprecher abgespielt wird – und zwar so laut wie irgend möglich, inklusive dem typischen Trau-sich-doch-einer-zu-meckern-Blick in der U-Bahn.
Selbstredend scheppert das wie die Hölle und auch mit den Mini-Boxen, die das Volumen von zwei Streichholzschachteln mitbringen, muss man sich ziemlich exakt platzieren, damit der Sound ein bisschen fett kommt. Der jugendlichen Zielgruppe scheint das ja eher egal zu sein, und beim Ghettoblaster-Phänomen geht ja ohnehin nicht nur um Klangqualität, sondern auch um die mobile Provokation der Umgebung. Und die kriegt man mit den MPS-60, die übrigens nur mit Handys des Herstellers kompatibel sind, bestimmt ganz sauber hin.

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Elektronische Lebensaspekte.