Der Belgier Fabrice Lig ist einer der wenigen Non-Locals, die in der Techno-Geburtsstadt Detroit höchstes Ansehen genießen.
Text: Felix Denk aus De:Bug 123


Natürlich. Fabrice Ligs Tracks fiepen, tüten, hüpfen, schmachten und schmeicheln. Das tun sie seit Mitte der 90er-Jahre. Und auch das neue Soul-Designer-Album “Evolutionism” klingt taufrisch und leichtfüßig. Es sprudelt vor Sound-Ideen und hyperaktiven Rhythmus-Wendungen, so dass Lig seinem Ruf gerecht wird, der beste Detroit-Techno-Produzent zu sein, der nicht aus Detroit kommt. Und trotzdem ist Evolutionism ganz anders als alles, was der Belgier bisher so produziert hat.

Denn noch bevor die erste Bassdrum geschlagen hat, schluchzt eine ganze Klagemauer voller Geigen auf, ein Preacher-Man erhebt gestreng die Stimme und knallt der Hörer-Gemeinde ganz schöne Bedeutungskaliber um die Ohren: Darwinismus, Evolutionstheorie, Macht, Geld, Gewalt, Schicksal, ja, die Zukunft der Menschheit. Puh!

“Ich wollte da wirklich mal ein paar Ideen ausdrücken“, sagt Fabrice Lig nonchalant über die anfängliche Ansprache. Die mahnenden Worte spricht der Londoner Rapper HKB Finn. Geschrieben hat sie Fabrice Lig aber selbst. Mehrere solcher Kurz-Predigten durchziehen sein Album. Denn Techno, findet Fabrice Lig, muss nicht sprachlos sein: “Elektronische Musik kann sehr gut Emotionen vermitteln – Melancholie oder Freude. Aber ich wollte auch mal Themen besprechen.“ Und da hat Lig gleich die ganz großen gesellschaftlichen Probleme angesteuert: Umweltzerstörung, Ausbeutung, Migrationsdruck und Deindustrialisierung. Eigentlich ja nicht so die Baustelle von Techno.

Mund auf
“Das sind die Dinge, die mir durch den Kopf gehen, wenn ich unterwegs bin“, sagt der zweifache Familienvater und ehemalige Lehrer der Geschichte und Geografie. Und er ist ziemlich viel unterwegs. Jedes Wochenende pendelt er zwischen Charleroi bei Brüssel und der großen weiten Rave-Welt, wo er als DJ und Live-Act auftritt. Immer hat er ein kleines Notizbuch dabei. Seine Texte schweifen trotzdem nicht immer in die Ferne. Der Song “Power of a City“ handelt von dem Niedergang des Kohlebergbaus in seiner Heimatstadt.

Noch Ligs Großvater arbeitete unter Tage. Heute stehen die Hütten noch, nur arbeitet niemand mehr da. Und trotzdem sind die Menschen nicht weggezogen. Diese Beharrlichkeit fand Lig immer faszinierend. So ist es vor allem ein persönliches Album geworden, auch wenn es manchmal bisschen nach Sonntagsschule klingt. “Klar, die Botschaft von Techno ist die Party. Aber Techno gibt es jetzt schon so lange. Die Musik ist erwachsen geworden. Da kann man auch mehr ausdrücken.“

Nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch dominiert bei Evolutionism das Grundsätzliche. P-Funk, Jazz, Motown, Blues, Soul – das Erbe der schwarzen Musik, das in den Schaltkreisen des Detroit Techno pulsiert, rollt Lig in seinem Album noch mal auf. Evolutionism will zeigen, wie Techno wurde, was es ist. Bei den meisten Produzenten würde so ein Unterfangen in Detroit wohl wenig Applaus ernten. Anders bei Lig. Er genießt in Detroit höchsten Respekt. Mad Mike bezeichnete ihn als Teil der Detroiter Musik-Kultur. Kevin Saunderson nahm ihn als ersten Europäer und als ersten Weißen auf sein Label KMS. Und bei dem Fuse In Festival 2005 wurde sein DJ-Set zum besten des Wochenendes gekürt.

Seine musikalische Grundlagenforschung hat Lig sehr gewissenhaft betrieben. “Ich habe viel Jazz gehört und Bücher über Blues und Funk gelesen. Ich bin ja Lehrer, ich möchte die Geschichte verstehen.“ Seine Coverversion von Herbie Hancocks “Rockit“ entstand dagegen ganz intuitiv als Jam im heimischen Studio. “Ich grusel mich immer ein bisschen, wenn ich höre, dass jemand eine Coverversion macht. Gerade, wenn ich ein Fan von dem Stück bin.“

Rockit war der erste elektronische Song, den Lig als Kind im Radio gehört hat. “Ich war komplett fasziniert. Das war für mich so wichtig wie später Big Fun“, erinnert sich Lig. Rockit lebt davon, dass Herbie Hancock, der Jazzer, sich plötzlich für Synthesizer begeistern konnte, dieses so “unmusikalische“ Musikinstrument. In seinen besten Momenten kann auch Evolutionism den unverbrauchten Charme des eben Entdeckten verströmen. Natürlich mit viel Fiepen, Tüten, Hüpfen, Schmachten und Schmeicheln.
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Elektronische Lebensaspekte.