Die Soul-Ballade in ihrer hochpolierten Digital-Essenz, Stimme und pointierteste Beats, sonst nichts, so errichtet das Londoner Trio Spacek ein Vintage Hi-Tech-Fanal am Kreuzungspunkt von R'n'B, Drum and Bass und Minimaltechno, um von ihrer souveränen Höhe selbst vor Gabba-Optionen nicht zurückschrecken zu müssen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 70

Die nackte Kanone

Gibt es das? Universelle Musik? Außerhalb von Goa-Jenseitigen, die dem Ruf der einen und ewigen Trommel folgen, und Manu Chao, meine ich. Zumindest gibt es eine Ahnung von Universalität. Universalität setzt dort ein, wo Zierart aufhört. Dort, wo das ausschließlich Notwendige das Schöne ist, Nachhaltigkeit ästhetische Tugend und jede Lücke ein I-Tüpfelchen. Man könnte eine Schule des reduktionistischen Universalismus ausschreiben, wenn denn nicht die Beteiligten so gar nichts voneinander wüssten. Das Jahrgangsbuch dieser Schule würde rückwärts auflisten: Shut Up & Dance’ Produktionen für Nicolette, Omars früheste Versuche noch vor Talkin’ Loud, Chic zur ”Stage Fright”-Phase, Willie Mitchells Produktionen für Al Green. Eine Liste von Projekten, die so lange den Rotstift an alles Arabeske legen, bis der zentrale Gesang in dem fragilen Kompositionsskelett fast durch die Maschen fällt. So schaffen sie eine Soul-Variante, die über alle stilistischen Generationscharakteristika hinweg verbindet, kein Stilcharakteristikum zu haben als die Laetitia vacui, die Freude am Nichts.
Das Südlondoner Trio Spacek kapriziert sich genau auf diese Laetitia vacui. Steve ”Spacek” White, Morgan Zarate und Edmund Cavill (plus Jeff Scarlett als Tour-DJ) bauen um das verschnupfte Falsett von Steve einen “Du darfst”-Soul ohne eine Kalorie zuviel auf, aber voller swingendem Reduktionismus, konstruktivistischer Delikatesse und pointierten Beats, die bei aller hell clickenden Sprödigkeit nie ihre Elastizität verlieren. Mit ihrem zweiten Album ”Vintage Hi-Tech” gelingt ihnen das fast artistische Unterfangen, bis auf spaghettiträgerdünnste Krücken rechts und links der Stimme nichts stehen zu lassen, was einen irgendwie festnageln könnte auf ein bestimmtes Genre, eine bestimmte Zeit, einen bestimmten Weg.
Steve Spacek:
Wir kümmern uns nicht um Genres oder Zeiten.
Morgan Zarate:
Wir wollen es nicht. Das Einzige, das am Ende des Tages bleibt, ist die Beschränkung auf das Notwendigste. Deshalb sind wir die nackte …
Steve Spacek:
… Kanone des Soul. Wir suchen keinen Schutz nirgends, keine Unterstützung.
Morgan Zarate:
Weißt du, es fühlt sich richtig an, wenn wir auf dem richtigen Weg sind, nur für uns selbst.
Steve Spacek:
Das nächste Album könnte Gabba sein. Aber dann nur, weil es sich richtig anfühlt.
Debug:
Ihr werdet das Plastikhammer-Revival einläuten.
Morgan Zarate:
Unser Gabba würde das Stahlhammer-Revival einläuten. Das würde sich richtig anfühlen.
Mit diesem individualisierten Richtig-Anfühlen eröffnet ”Vintage Hi-Tech” eine universelle Anschlussfähigkeit, die kein Zuhause hat, keiner Szene angehört, aber allseitig von engsten Nachbarn umgeben ist. Spacek ist der Boudoir-Version deutschen Minimaltechnos von Closer Musik so nah wie der Pelzkragen-Grandezza von Vikter Duplaix‘ Broken Beats, Drum and Bass so nah wie amerikanischem R & B.
Steve:
Gegensätze sind ein roter Faden unserer Musik. Wirklich langsame – und ich meine langsame – Balladen mit Rave-Sounds zu konfrontieren, das reizt mich, …
Debug:
… und die Ursprünge von Soul, Barbershop-Quartetts, dessen avanciertester Hitech-Variante gegenüberzustellen wie bei dem Interlude vor “I know”, bei dem ihr alle barbershoppig durcheinander singt?
Morgan:
Hm, no. Steve hatte Hunger im Studio. Wir wollten, dass er weiter singt: ”Sing, sing, sing …” So kam das zustande.
Debug:
Ihr wolltet also nicht bewusst den Bogen einer 80-jährigen Soulgeschichte schließen?
Morgan:
Hm, no. But … sounds good, the circle will be unbroken. Hm, yeah.

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Elektronische Lebensaspekte.