Impulsantworten-Recording und Faltungshall-PlugIns aus Utrecht
Text: Leon Krenz aus De:Bug 151

Autor: Leon Krenz

Manche Musiker samplen für ihre Tracks die exotischsten Geräusche und Sounds: fallende Murmeln, das allseits beliebte Blechtrommeln oder die abstrusesten Arten von Naturklängen. Es gibt aber auch solche wie Arjen van der Schoot und sein Team von der niederländischen Firma Audioease. Sie haben sich dem Aufnehmen von Impulsantworten und dem Programmieren der dazu gehörigen Faltungshall-PlugIns verschrieben.

Die Keimzelle der Firma Audioease findet sich in Utrecht, Arjen van der Schoot und ein Großteil seiner soundtüftelnden Kollegen sind Absolventen des Studiengangs Musiktechnologie an der Utrecht School of Arts. Nach der Firmengründung 1994 und etlicher Software-Arbeit im Audiobereich entdeckte Renier Linssen, einer der Mitstreiter bei Audioease, die von vielen Programmierern bis dahin stark vernachlässigte Chip-Komponente im Powermac G4 – den AltiVec. Mit seiner Hilfe war es möglich, ein paar Sekunden Faltungshall herzustellen. Das Entwicklerteam war völlig aus dem Häuschen und der Grundstein für den professionellen Einsatz von Impulsantworten (Impulse-Response/IRs) war gelegt.

Mit Hilfe von IRs kann die Akustik verschiedenster Räume und Umgebungen nachgebildet werden. Die Impulsantwort ist also so etwas wie der elektronische Fingerabdruck eines Ortes. Die PlugIns von Audioease benutzen die gesammelten Impulsantworten dann, um einem beliebigen Audiosignal die gespeicherte Akustik überzustülpen. Um eine anständige IR hinzubekommen, werden Mikrofone in dem zu samplenden Ort aufgestellt, dann wird ein Sinus-Sweep-Ton (eine Mischung aus Rauschen und Summen) losgeschickt. Durch den zurückfallenden Schall kann unter Einbeziehung der Zeit eine elektronische Blaupause der Akustik erstellt werden. Noch ein wenig Algorithmus-Mojo dazu und fertig ist die Impulsantwort. Audioease entwickelt vorrangig zwei Software-PlugIns, in denen Impulsantworten zur Anwendung kommen: Speakerphone und Altiverb.

AUF HALLJAGD
Mit Altiverb 6 können die von Arjen van der Schoot und seinem Team in der ganzen Welt zusammengetragenen Impulsantworten als Halleffekt benutzt werden. Von Kirchen, Stadien, Konzerthallen und Hochseeschiffen bis hin zu Aufnahmestudios wie dem von Frank Zappa, all dies wurde von van der Schoot und seinen Kollegen akustisch ausgemessen und gespeichert. Im Browser des PlugIns können die verschiedenen Impulsantworten geladen und direkt benutzt werden. Regelmäßig werden außerdem neue IRs von Audioease für alle Kunden kostenlos zum Download angeboten. Wer dann noch nicht genug hat, kann mit einem Stereomikrofon und einer Monitorbox selber auf die Jagd gehen. Der Altiverb-Prozessor ermöglicht die Aufnahmen eigener Impulsantworten.

Im zweiten PlugIn, dem Speakerphone 2, sind die Impulsantworten bereits vollständig integriert. Der Nutzer kann mit der Software die Lautsprecher und Mikrofone einer Vielzahl von Geräten nachbilden. Um jedoch die Impulsantwort eines Gerätes, zum Beispiel eines Gitarrenverstärkers vorher überhaupt aufnehmen zu können, musste der Sinus-Sweep in einem schalltoten Raum durch den Gitarrenverstärker ausgegeben, also aufgenommen werden. Das Ergebnis: Es können nicht nur die akustischen Eigenschaften von Orten, wie bei Altiverb, sondern auch die von Geräten benutzt werden. Ob Telefone aus dem zweiten Weltkrieg, Smartphones, Kinderspielzeuge, Radios, eine große Auswahl an Gitarrenverstärkern oder Gesangsmikrofonen, die Kombinationsmöglichkeiten sind umfassend. So kann beispielsweise eine zu bearbeitende Aufnahme in Speakerphone 2 erst durch den Hörer eines Bakelitelefons aus den 20er Jahren und dann durch den Lautsprecher eines Großbahnhofs geschliffen werden. Natürlich sind solche Effekte für Film- und Hörfunkproduktionen prädestiniert, aber auch in der Musikproduktion kann so Arbeit erspart werden, neue Ideen und Ansätze zu altem Produktionsmaterial ergeben sich schnell. Einen weiteren Einblick in seine Arbeit gibt Van der Schoot im Gespräch:

Debug: Was sind denn die größten Hindernisse beim Aufnehmen von Impulsantworten?

Van der Schoot: Bei Aufnahmen im Freien sind es vor allem Tiere und der Wind. Erst wartet man im Wald darauf, dass der Wind endlich nachlässt und dann schickt man den Sinus-Sweep los und die Tiere wachen auf und fangen an zu kreischen. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache. Drinnen ist der eigene Wille nach Perfektion oft das größte Problem. Gegen den quälenden Gedanken, die Mikrofone oder Lautsprecher nicht perfekt positioniert zu haben, dagegen hilft nur konzentriertes Vorhören. Aber auch Temperaturschwankungen können die Aufnahmen verfälschen, da sich dadurch auch die Geschwindigkeit des Schalls ändert. Um Phasenverschiebungen oder ähnliches minimieren zu können, setzen wir außerdem Laser-Messtechnik ein.

Debug: Welcher Ort hat euch bislang die meisten Probleme bereitet?

Van der Schoot: Die Kathedrale von Rouen in Frankreich. Wegen des andauernden Verkehrslärms mussten wir uns letztendlich in der Kirche einschließen lassen und die Aufnahmen mitten in der Nacht machen.

Debug: Bei vielen Bauwerken sind die Verantwortlichen doch sicherlich auch skeptisch und wollen nicht ohne weiteres einwilligen, oder?

Van der Schoot: Ja, manchmal ist einiges an Überredungskunst nötig, bis wir eine Erlaubnis erhalten. Entsprechend lang ist die Liste der Örtlichkeiten, bei denen es bislang noch nicht geklappt hat. Ich bleibe allerdings beharrlich und frage jedes Jahr von Neuem an.

Debug: Wo auf der Welt blieb euch denn richtig die Spucke weg?

Van der Schoot: Das war auf jeden Fall Gol Gumbaz in Bijapur, Indien. Ein indischer Toningenieur schrieb uns in einem Brief über den gigantischen Kuppelbau, er schwärmte von dem gewaltigsten Hall im gesamten Universum. Hier hat es beispielsweise zwei Jahre gedauert bis wir dort endlich aufnehmen konnten. Aber es war jede Sekunde Warten wert, nicht nur wegen des Hauptsaals mit seiner 37 Meter großen Kuppel und dem gewaltigen Hall, es war vielmehr die Flüstergalerie des Gebäudes, die uns faszinierte. Selbst auf einen Abstand von 37 Metern kann man noch leise geflüsterte Worte von anderen Menschen erlauschen, jedes Geräusch wird von den Wänden um die zehn Mal wiederholt, wirklich beeindruckend.

Debug: Was ist für die Zukunft an Audioease-Releases geplant?

Van der Schoot: Wir arbeiten gerade an Altiverb 7. Ein Release-Termin steht allerdings noch nicht fest. Soviel kann ich aber schon verraten: Wir werden Visual-IR-Browsing, Drag and Drop IR-Making und neue Mischungen aus klassischen, algorithmischen und neuen Faltungshall-Varianten präsentieren. Das wird einfach bezaubernd.


Arjen van der Schoot, der Macher von Audioease

Aus dem Special in De:Bug 151: SoundDesign

Audioease

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