Klangwelten in öffentlichen Räumen
Text: Haiko Prengel aus De:Bug 151

Was bei Gadgets und vor allem in der Musik perfektioniert wurde, findet in unserem Alltag so gut wie nicht statt: Einkaufsmärkte und Shoppingmalls sind optisch zwar penibel durchgestylte Konsumlandschaften, zu hören gibt es lediglich billige Konserven aus dem Radio. Die mischen sich dann mit dem Gebrabbel der Massen, mit Straßenlärm und dröhnenden Klimaanlagen. Nur langsam ist Abhilfe in Sicht.

“Diese Bedudelung geht vielen auf die Nerven“, sagt Jan Paul Herzer. In der großen Kakophonie der Alltagsgeräusche werfen er und sein Partner Max Kullmann neuerdings Rettungsringe für die strapazierten Ohren. Ihre Firma hands on sound, ein vom Bundeswirtschaftsministerium gefördertes Start-Up-Unternehmen aus Berlin, bietet sogenannte “interaktive Klangwelten“ an: die elektro-akustische Gestaltung von Räumen. Experten sehen darin einen Zukunftsmarkt mit riesigem Potenzial, sei es in stark frequentierten Geschäften, Hotels oder Museen. Überall dort sollen sich Menschen künftig auch klanglich wohlfühlen und nicht nur visuell. Bei der technischen Umsetzung dieses neuen Umgangs mit Klang zählen hands on sound in Deutschland zu den Pionieren.

Werkzeug Klang
Neulich etwa saßen Herzer und Kullmann mit ihren Spezialrechnern im Cafe Luitpold in München. Damit gaben sie dem traditionsreichen Kaffeehaus zur Wiedereröffnung einen neuen Klanganstrich. Mit allerhand Software und Interfaces arrangierten sie diverse Klangszenen – von belebend in den Morgenstunden bis zur entspannenden Lounge-Atmosphäre am Abend. Für die Sounds war sogar eigens ein Komponist engagiert worden, hands on sounds setzten seine Kompositionen dann technisch um. “Es gibt ein bestimmtes Rohmaterial an Klängen und das wird dann immer wieder neu arrangiert“, sagt Herzer. Sei die Technik einmal installiert, könnten Sensoren und Mikro-Controller jeden Tag aufs Neue bestimmte Klangwelten zaubern. Gegenüber herkömmlicher Beschallung bietet der sogenannte generative Gestaltungsansatz entscheidende Vorteile: Durch den Einsatz von speziellen Algorithmen hören Gäste oder Kunden immer wieder neue und einzigartige Klangstrecken. Ob Hotellobby oder Verkaufsraum – für die Ohren ist das deutlich erfrischender als die ewig gleichen Ambient- und Lounge-Loops aus der Konserve.
“Klangökologie ist in diesem Zusammenhang für uns ein wichtiges Stichwort. Wir wollen die Menge an Sound nicht unnötig vermehren – vielmehr stehen wir für eine bewusste Bespielung ein“, sagt Herzer. Vielerorts werde zwar eine unglaublich teure Haustechnik mit Dutzenden von Lautsprechern installiert – am Ende aber doch wieder nur irgendwo “Play“ gedrückt – und dann laufe eine beliebige 70-Minuten-CD in der Dauerschleife. “Dabei bietet die heutige Technik mit Software wie Max/MSP oder vvvv schon weitreichende Möglichkeiten, komplexe und interaktive Klangwelten zu schaffen“, erläutert Herzer. “Ob laut und deftig oder dezent und filigran: Hauptsache, das Ganze ist vernünftig durchdacht und das Werkzeug Klang wird verantwortungsvoll eingesetzt.“


Soundpaint Your Sweater: Das interaktive Projekt ermöglicht den Besuchern, durch Bewegung Klänge zu generieren, die dann aufgenommen und in ein Strickmuster umgesetzt werden.

Zuklapp- und Anbeiß-Sounds
Völlig neu ist solch bewusstes Sounddesign eigentlich nicht. Schon in der Antike wurden in Villen und Gärten gezielt Springbrunnen aufgestellt, um Störgeräusche der Umwelt zu maskieren. Lange Zeit war die Welt vor allem fürs Auge gemacht, für die einschlägige Wissenschaft gelten die Menschen noch heute als “Visualprimaten“. Erst seit einigen Jahren wird immer mehr Unternehmen wichtig, dass Produkte auch angenehm klingen und nicht nur hübsch aussehen. Mittlerweile kümmern sich Profis sehr emsig um harmonische Klingeltöne für Handys oder Autotüren mit ausgefeiltem Zuklapp-Sound. Selbst wie ein Eis am Stiel oder ein Butterkeks beim Anbeißen klingt, scheint heute von immenser Bedeutung zu sein für den Verkaufserfolg und das Image einer Marke. “Sounddesign boomt“, sagt Holger Schulze, Dozent für Anthropologie des Klangs an der UdK Berlin. Schulze hat hier den Studiengang “Sound Studies – Akustische Kommunikation“ etabliert, Herzer und Kullmann sind zwei seiner Absolventen. Dass die beiden mit ihren ausgeklügelten Klangkonzepten nun Unternehmen aus den verschiedensten Branchen bedienen, wundert Schulze nicht. “Bislang war Sounddesign ein Außenseiterthema. Aber jetzt gilt es für die Wirtschaft, nicht den Anschluss zu verpassen“, sagt er. In seinen Seminaren lädt der Klangwissenschaftler manchmal erfolgreiche Sounddesigner zum Referat ein. Die Studenten erfuhren so beispielsweise, wie Sound-Profis den Butterkeks der Firma Bahlsen klanglich so aufpolierten, dass er “knackfrisch“ klingt.

Klang in Kinderschuhen
Bis sich Geschäfte, Hotels oder Messehallen allesamt in nachhaltig gestaltete Klanglandschaften verwandelt haben, wird allerdings noch eine Weile vergehen. Laut Schulze steckt die akustische Kommunikation im Moment etwa dort, wo sich die visuelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand: in den Kinderschuhen. “Damals waren die Litfaßsäulen in den Städten chaotisch zugekleistert“, sagt Schulze. Erst allmählich entstand ein Bewusstsein für Design, Stile wie Bauhaus brachten Ordnung in die vielen Farben, Schriftarten und Symbole.
Für Klanggestalter wie hands on sound wird die Herausforderung sein, im Umgang mit Klang den auditiven Overkill zu vermeiden. Schon jetzt belasten Handy-Klingeltöne, Signalklänge und anderer Alltagslärm die Ohren nicht weniger als blinkende Leuchtreklamen die Augen. “Die Klangökologie kommt oft zu kurz“, sagt Wissenschaftler Schulze. Sie verträglich zu gestalten, sei für die Klanggestalter der Zukunft die eigentliche Aufgabe. Es kann also auch gut sein, wenn man mal gar nichts hört: “An vielen Stellen ist sicherlich mehr Mut zur Stille angebracht“, sagt Klanggestalter Herzer.


Die Gründer von hands on sound: Jan Paul Herzer (links) und Max Kullmann (rechts)

Aus dem Special in De:Bug 151: SoundDesign

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