116 analoge Synthesizer zum Hand anlegen
Text: Bjørn Schaeffner aus De:Bug 151

Für viele Musiker ist elektronische Musik nur dann wirklich echt, wenn sie komplett mit analogen Synthesizern aus längst vergangenen Zeiten gemacht wird: Hier bekommt Handwerk eine völlig neue Bedeutung, nicht nur weil die alten Schlachtschiffe andauernd in die Reparatur müssen. Im Schweizerischen Basel hat man sich damit abgefunden. Die Neoprenbox würde fast als Museum durchgehen, doch Philippe Alioth will seine Maschinen nicht hinter Glas verstecken. Hier sollen sich Musiker wie an der Zapfsäule mit ganz speziellen Sounds versorgen können.

Rein optisch regiert hier erst mal DJ-Normalverbrauchertum. Tageslicht flutet über einen Sitzbereich, eine Konsole samt MKs steht in einer Ecke, in der anderen thront eine Biersäule. Grelle Bravo-Poster pappen an der Wand, Hello-Kitty-Figuren sind Legion. Wir befinden uns im dritten Stock eines Gebäudes irgendwo am Stadtrand von Basel. Wenig deutet in diesem pustelig-plastifiziertem Ambiente darauf hin, dass im Nebenraum ein analoger Synthesizer-Schatz gehortet wird. Kein Museum, sondern ein Arsenal von altehrwürdigen Klangerzeugern, verkabelt und für den Studiogebrauch flott gemacht.

Hüter dieses Klanggutes ist der 43-jährige Philippe Alioth, der die Neoprenbox zusammen mit seinen Partnern Steve Cole und Marc Stamm unter dem Dach des Neopren-Labels betreibt. “Angefangen hat alles mit einem Moog Prodigy“, erinnert sich Alioth. “Ich habe mit zwölf so lange auf meine Eltern eingeredet, bis sie mir den zu Weihnachten geschenkt haben. Als nächstes kam eine Roland Juno 6. Bis man ein gebrauchtes Exemplar kaufen konnte, musste man halt dreißig Mal den Rasen mähen.“ Die monetäre Lage verbesserte sich schlagartig, als der Basler knapp zwanzigjährig plötzlich in Pop-Sphären schwebte. Muhammar hieß das orientalisch angehauchte Synthpop-Stück, das Alioth und der heutige Gotan- Project-Macher Christoph Müller auf einer scheppernden Yahama CX5 arrangiert hatten und unter dem Namen Touch El Arab in die europäischen Charts spülte.

Sabrina beim Zähneputzen
“Das hat das Ganze dann auf ein komplett anderes Level gebracht. Wir konnten uns plötzlich neues Equipment leisten, etwa eine 16-Spur-Maschine, und haben uns so ein professionelles Studio eingerichtet. Spätestens als ich aber bei einem italienischen Festival im Umkleideraum plötzlich unserem Feindbild Sabrina beim Zähneputzen gegenüber stand, war mir klar, dass ich genug von diesem Zirkus hatte.“
Hardwaremäßig war derweil der Grundstein für Alioths stetig wachsendes Synthesizersammelsurium gelegt. Betritt man nun das eigentliche Studio, springt einem erstmal ein Korg PS 3200 entgegen. “Davon gibt’s vielleicht noch 50 bis 60 Stück. Klaus Schulze mochte ja diese charakteristisch polyphone Ästhetik.“ Alioth greift in die Tasten und lässt einen schwabelig-schwurbeligen Chordsound erklingen. In der Nähe steht eine Yahama CS80, deren süßlich-breiter Klang im Vangelis-Soundtrack zum Hollywoodschinken “Chariots of Fire“ zu hören ist. Zwei Reihen dahinter ist ein EMS AKS verkabelt, ein Stück, der als Koffer-Synthie Karriere gemacht hat. Dieser stammt offenbar aus dem Fundus von Brian Eno, der einst acht Stück davon besessen haben soll. “Die Knöpfe sind extrem empfindlich, änderst du nur einen Zehntel Ton, ergeben sich komplett unterschiedliche Konstellationen. Und wenn du zu viele Pins hineinsteckst, hat er nicht mehr ausreichend Betriebsspannung, dann tickt er regelrecht aus.“

Ghosts in the machine
Von reichlich Eigensinn scheint auch der EDP Wasp getrieben zu sein. Ob er überhaupt läuft? Jedenfalls spuckt er auf Alioths Tasten blubbernde Töne aus. “Jetzt spielt er einzelne Stakkatos, obschon er gar keine Modulatoren hat, die diesen Sound generieren könnten“, kommentiert Alioth. “Aha, ich sehe gerade, das eine Schräubchen an der Folientastatur ist zu locker, das muss ich noch besser anschrauben.“
Wer ein Arsenal von derart raren und betagten Klangerzeugern rege braucht, muss sich auf allerlei Macken gefasst machen. Gut zwei halbe Tage im Monat will der Basler pro Monat aufwenden, allein um defekte Synthesizer zur Reparatur zu bringen. “Es kann dann schon frustrierend sein, wenn ein Patient im Spital war, und nach drei Tagen wieder den Geist aufgibt. Und man dann erst realisiert, dass es eine andere Komponente war, die zuviel Strom durchließ.“

Auffallend ist der anthropomorphische Gestus, mit dem Alioth von seinen Synthies spricht. Seine Maschinen reden, ächzen und schnaufen. Sie menscheln. “Diese alten Geräte führen ein Eigenleben. Ich bin überzeugt, dass man ihnen auch mental mit einer gewissen Sanftmut begegnen muss“, schmunzelt Alioth. Das lässt sich natürlich auch so erklären: Mit dem Alter kommen Ungenauigkeiten. In den Tiefen der Schaltungen werden die Signalwege unberechenbarer. “Die Kondensatoren kriegen irgendwann Risse, Flüssigkeit verdampft. Dann entsteht eine andere Ästhetik. Beim Korg PS3200 etwa höre ich ein Atmen raus. Erst knackt es, dann erklingt dieses leise Rauschen.“
Als Exzentriker dürfen auch eine Vielzahl anderer Klangerzeuger gelten, die hier versammelt sind. Zum Beispiel eine rare Triadex Muse, co-konstruiert von MIT-Guru Marvin Minsky, der einst Stanley Kubrick wegen des bösen Computers H.A.L. in die Geheimnisse der Artifical Intelligence einweihte. Da steht ein Prototyp des EMU Modular, ein Einzelstück von Dave Smith, der es nie in die Produktion geschafft hat. Man verlustiert sich ob der Grobschlächtigeit eines russischen Klons des Minimoog, eines Polyvox, der lustigerweise monophon ist und den Alioth wegen seines dreckig-heiseren Klangs schätzt.

116 Synthesizer
Es gibt aber auch junge Virtuosen zu bestaunen wie den Airböurne, ein Einzelstück des Schweizer Synthiebauers Martin Holliger. Obschon Alioth mit insgesamt 116 Synthesizern locker ein Museum eröffnen könnte, wird er nicht müde zu betonen, dass die Neoprenbox ein Studio ist. Ein Ort eben, wo Hand angelegt wird. “Wir verbringen Stunden damit, verschiedene Synthies anzusteuern und zu testen, ob die gut zusammen klingen. Überhaupt lass ich mich überraschen, was passiert. Denn einen fixen Plan darf man bei all den Unwägbarkeiten nicht haben.“
Ein Geschäftsmodell soll aber Realität werden: “Leute, die einen Sound suchen, sollen hier zu Mastering-Ansätzen Samples aufnehmen können. Es könnte also eine Art lebende Soundbibliothek werden“. Bis auf weiteres improvisiert Alioth aber auf seiner Memory Moog herum und schwelgt in leiser Nostalgie. Was wohl Vangelis darauf gespielt hätte?

Aus dem Special in De:Bug 151: SoundDesign

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