House steckt knietief im eigenen Referenzspektrum fest
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 151


Linn LM-1 von 1980

Es ist etwas faul im House-Land. Die großen Gefühle haben Minimal zwar so gut wie verdrängt, der musikalische Schlüssel dieses Wandels liegt aber nicht in der Neuerfindung des Sounds, sondern schlicht im Sampling. Jeder noch so platte Schnipsel ist gut genug, um in neuen Tracks für Stimmung zu sorgen. Finn Johannsen ist alles andere als begeistert.

Damals, Ende der 80er Jahre, konnte man House und Techno noch nicht voneinander trennen. Detroit Techno war weitestgehend ein Spezialistenthema und bevor man via England die Massenkompatibilität entdeckte, nannte man unmittelbar nach der Acid-Ära noch alles House, wenn auch in sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Doch dann fand eine grundlegende Trennung statt, die bis heute Bestand hat. House steht seitdem für Traditionsbewusstsein, Disco-Erbe, Deepness, große Gefühle, den ewigen Groove und Wahrhaftigkeit. Techno hingegen bleibt weiterhin der vermeintlich futuristische Gegenentwurf, die Suche nach der Alternative, die Lossagung der Clubmusik von der eigenen Geschichte und natürlich auch der musikalische Hort des Rave. Lange Jahre fanden große Teile der Techno-Gemeinde House spießig und schwul, umgekehrt galt Techno bei den House-Verfechtern als stumpf und oberflächlich. Natürlich konnte der echte Deep House Soldier ebenso wenig mit kommerziellen Handtaschen-House anfangen, wie der echte Detroit-Techno- oder IDM-Fan mit den Love-Parade- oder Mayday-Horden: ein großes Kuddelmuddel. Nach dem Siegeszug von Minimal ist aktuell die Rückkehr zu deutlicheren Signalen wieder an der Reihe. Der klassische House-Sound hat dieses Lauffeuer entfacht und Techno ist das zeitweilige Annektierungsgebiet.
Das gestaltete sich in den Jahren zuvor eher umgekehrt. Und wie es dann immer ist, wenn ein Sound die Vorherrschaft übernimmt: Alle Protagonisten wollen schon von Anfang an dabei gewesen sein, niemand will mehr etwas anderes produzieren, anderweitige Diskografien oder späte Geburtenjahrgänge hin oder her.
Natürlich hat jede Generation das Recht, sich bei neuen Produktionen aus dem Reservoir der vorherigen zu bedienen, das war schon immer so. Das Rad, es lässt sich wohl tatsächlich nicht neu erfinden, wenn der Track vernünftig rollen soll. Es ist aber trotzdem erstaunlich, wie wenige Produzenten zumindest versuchen, sich vom Referenzspektrum der House-Geschichtsbücher mit einer eigenen Handschrift zu emanzipieren. Es mag daran liegen, dass der Zugang gerade bei der jüngeren Generation zu frisch ist, man muss sich erst einmal abarbeiten, und in Zeiten, in denen jede noch so obskure Kleinstlabel-Veröffentlichung ohne weiteres im Netz zu finden ist, sich jeder einstmals noch so individualistische Sound-Entwurf binnen kürzester Zeit im Software-Studio nachbauen lässt, muss man vielleicht noch etwas warten, bis sich aus der reinen historischen Aufarbeitung neue Impulse ergeben. Aktuell findet das allerdings kaum statt.

Klassiker nachbauen
Eine erdrückende Zahl von aktuellen House-Produktionen möchte zuallererst möglichst genau die Klassiker nachbauen, denn womöglich sind sie aus gutem Grund zu Klassikern geworden. Früh-Chicago-Schmutz oder Früh-New-York-Eleganz, Theo oder Kenny, Moritz und/oder Mark, Larry oder Bobby, Rheji und Ronald oder Chez und Trent. Nur selten klingen Tracks heute nach sich selbst. Und wenn sich die Produzenten bei unbekannteren Inspirationsquellen bedienen, dann nach wie vor 1:1, also ohne größeren Mehrwert. Die einzige Anbindung an das Jetzt sind dann oft nur die modernen Preset-Sounds, bei deren Anwendung gerade die Qualitäten verlorengehen, die einst die Klassiker generierten. Dass das einfach nicht gut funktioniert, demonstrieren auch so manche alte Helden, die im hastigen Versuch den Anschluss wiederherzustellen, ebenso glatt, emotionslos und mittelmäßig klingen wie ihre Nachahmer. Die Sache mit House und dem Feeling, sie scheint leichter als sie faktisch ist und lässt sich doch nicht mit ein paar nach dem Schulbuch gesetzten Flächen, Akkorden und Vocal-Samples automatisieren. Da hilft die neue Langsamkeit ebenso wenig wie kategorisches Hochpitchen.
Und auch wenn die UK-Jungspunde alters- und wissensbedingt erst jetzt genau den Reiz der Disco-Acapellas auf ihren Sample-CDs entdecken, den einst etwa Todd Terry als Signatur seiner eigenen Wurzeln in seiner Gegenwart rekontextualisierte, es ändert nichts an der Tatsache, dass man sich überhaupt noch Sample-CDs bedient, anstatt selber etwas samplen, was noch nie benutzt wurde. Wenn sich in DJ-Sets das wahre Alter eines Tracks nur darüber entlarvt, dass es beim Abspielen knackt, knistert und mit den Klangzutaten weniger taktgenau und strukturformatiert umgegangen wird als in den paar Mimikry-Produktionen davor und danach, ist etwas grundlegend faul im Staate Baukasten-Prinzip, und das kann nur mit einer guten Portion Individualismus, Eigeninitiative und Forschergeist behoben werden. Hat schon oft genug vorher geklappt, und wirkt auch langfristiger, sonst müsste man da ja auch überhaupt nicht mehr ständig ansetzen. In diesem Sinne.

Aus dem Special in De:Bug 151: SoundDesign

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Elektronische Lebensaspekte.

7 Responses

  1. mh

    also irgendwie hängt diese kritik ganz schön in der luft? kann der autor mal beispiele bringen, was genau er überhaupt meint? weil die meisten, die er sicherlich kritisiert, geben ihm gerade im internet recht und zeigen ebenfalls auf irgendwelche anderen.

  2. mahik303

    Da hilft nur eins. Die Maschinen anschmeissen und den Soul elektrifizieren.

  3. Besserwisser

    “Wider dem Sampling?” Oder wider “dem” Deutsch? 😉

    “Wider” wird immer mit dem Akkusativ gebraucht. Genau wie “gegen”. Richtig wäre also: “Wider das Sampling”. Gerade in einer so reißerischen Überschrift sollte das schon richtig gemacht werden.

    Grüße vom Besserwisser