Text: ekrem aydin aus De:Bug 26

Jahrelang hat man sich beschwert, dass keine guten Hip Hop Acts aus den Staaten ihren Weg nach Deutschland finden. Man musste sehr lange Fahrten in Kauf nehmen, damit man überhaupt in den Genuss eines Auftritts kommen konnte. Die waren dann auch noch meist schlecht und am besten gar nicht beworben. Doch die Zeiten haben sich geändert. Deutschland ist mittlerweile als Absatzmarkt anerkannt, und die US-Gruppen werden auch hier auf Promo-Marathon geschickt. So auch eine kleine Auswahl von Künstlern, die auf der zweiten Soundbombing-Compilation vertreten sind. Eine wirklich gute Zusammenstellung von neuen und alten Stücken mit allen LieblingsrapperInnen der relaxten Reimkunst. Und als Bonbon ist die CD bzw. das Tape von den Beatjunkies gemischt. Eben jenen Weltklasse Turntableisten, die sich hier netter Weise mit ihrem Können zurückhalten und so die relaxte Stimmung des Albums noch verstärken. Soundbombing in Köln: The High & Mighty, Shabaam Sahdeeq, DJ Spinna und Kriminul (zusammen The Jigmastas), Company Flow, Mr Lif und der Rest der Crew sind heiss endlich auf die Bühne zu dürfen. Deutschland hat einen guten Ruf, was Konzerte angeht. da sie entweder bereits gut besuchte Konzerte in Der Ticketpreis von knapp 40 Mark ist diesen Acts zwar angemessen, von den Geldbörsen der Hip Hop-Fangemeinde aber mindestens so weit entfernt wie die Erde vom Mond. So fanden dann auch nur knapp 250 Gäste ihren Weg in die Kölner Live Music Hall, an deren Eingang auch noch ein grosses Pappschild angebracht war, mit dem Hinweis, dass ab 23.30 Uhr der reguläre “Rockgarten” stattfindet: Nicht gerade Idealbedingungen für einen guten Party-Vibe. doch das sind nur zwei Faktoren, die dieses Event haben untergehen lassen. Zum Glück fanden die Interviews vorher statt. Glaubt man aktuellen Gerüchten, plant Rawkus in den nächsten Monaten ein ganzen Haufen von neuen Releases. Der gerade abgeschlossene Labeldeal mit “Eastern Conference”, der eigenen Firma von High & Mighty, die uns im letzten Jahr die zwei Clubhymen “B-Boy Document” und “Lick The Balls” von den “Mad Skillz” bescherte, sichert so auch dem Album der “Smut Peddlers”, ein Projekt von Mr. Eon aka Dick Starbuck, dem Pornodetective und DJ Mighty Mi, einen Europavertrieb. Doch auch Alben von “High & Mighty”, “Shabaam Sahdeeq”, “Mos Def”, “Reflection Eternal” und eine zweite “Lyricist Lounge” Compilation sind angekündigt. Kann denn da noch adäquat der einzelne Künstler in Szene gesetzt werden? Mr. Eon sieht da kein Problem, denn er weiss, dass es da draussen Unmengen von Fans und somit einen riesigen Markt für ihr Album gibt. Die Geschichte der Schulen Mr. Eon und DJ Mighty wuchsen zusammen in Philadelphia auf. 1987 waren beide auf einem Konzert im Madison Square Garden, das Line-Up bot Run DMC und die Beastie Boys. Am nächsten Tag kaufte sich Eon “Public Enemy No.1” und Mighty blieb an “Sucker MCs” von Run DMC hängen. In der neunten Klasse hatten sie ihre erste Crew, und DJ Mighty versuchte sich zuerst als Rapper, doch lachend gibt er zu, dass er dies wirklich nur kurze Zeit probiert hat, um dann zu entdecken, dass er im Produzieren von Beats besser war als beim Umgang mit Worten. Richtig ernst wurde die Musik für sie, als s 1996, als ihre erste Single erschien. Die wenigen Singleveröffentlichungen auf ihrem Label während der letzten Jahre reichten aus, um ihnen ein dickes Standing in der Hip Hop Szene zu sichern. Auf ihrem eigenen Album sind so illustre Gäste wie Eminem, Mad Skillz, Kool Keith und Bobitto neben “up and coming” Artists wie Evidence, Pharao Monch, Cage und der Rapperin What What vertreten. Obwohl DJ Mighty einräumt, dass ihm Hip Hop bei weitem nicht mehr soviel Spass macht wie vor zehn Jahren – das ist etwas, was des öfteren passiert, wenn die Musik plötzlich zum Geschäft wird – bekommt er immer noch leuchtende Augen, wenn er von den Sessions mit Pharao Monch oder Kool Keith erzählt. Beiden sitzt der Schalk im Nacken, und all das, was als High & Mighty nicht möglich ist, wird einfach unter einem anderen Namen oder gar als Whitelabel herausgebracht.”B-Boy Document ’99” ist der aktuelle Streich der beiden, und gerade wurde mit Rawkus-Geldern ein Video dazu abgedreht. Es geht also voran für die mittlerweile zu Wahl-New Yorkern gewordenen Freunde. German History strikes back Das Gespräch nimmt eine unerwartete Wende, als ich sie darauf hinweise, dass es hierzulande verstärkt Kollaboration zwischen deutschen und amerikanischen Acts gibt. Die Antwort schockt. “Ich weiss nicht, ob Deutsche ein Interesse daran hätten, mit uns aufzunehmen, denn schliesslich sind wir Juden,” sagt DJ Mighty. Natürlich versuche ich (als deutsch-türkischer Mischling) dies sofort geradezurücken und beide davon zu überzeugen, dass gerade die Deutschen in Bezug auf Juden sehr sensibilisiert sind, doch so richtig glauben wollen sie mir das nicht. Im Gegenteil, sie sind der Überzeugung, dass es gar keine Juden mehr in Deutschland gibt, und man möchte eigentlich über solche Aussagen schmunzeln und sich erneut über das amerikanische Bildungssystem lustig machen. Das Grinsen bleibt einem aber im Halse stecken, wenn Eon erzählt, dass der grösste Teil seiner Verwandtschaft im Holocaust ihren Tod in Deutschland gefunden hat. Ein guter Grund für ihre Reserviertheit gegenüber Deutschland. Shabaam Sahdeeq Kaum verschwinden die beiden, um wenigstens noch einen kurzen Soundcheck abzuhalten, stürmt Shabaam Sahdeeq herein, frisch von seinen Dreads befreit. Ein ausgesprochen sympathischer Typ, der sofort anfängt seine Witze zu reissen und neugierig ist auf alles, was um ihn herum passiert. Jeder liebt seinen Style, und mit “Soundclash” hat auch er eine kleine Hymne vorgelegt. Die “dunkle” Stelle in seiner Biographie liegt schon ein paar Jahre zurück: Er war der Leadrapper auf dem zweiten Album der Formation US3 (“Cantaloop Island”…ihr erinnert euch.) Für den Bruchteil einer Sekunde bröckelt die nette Fassade Sahdeeqs, doch dann gibt er bereitwillig Auskunft darüber, dass Chubb Rock (kleine Legende im Hip Hop) ihnen ein Demo gegeben hatte und sie es mochten. Er war jung und unerfahren zu der Zeit, in der er nicht einmal Geld hatte, um sein Essen bei Mc Donald’s zu bezahlen und ohne lange zu überlegen den Deal unterschrieb. Es ärgert ihn, dass die Tracks dann von US3 komplett umarrangiert wurden, ändern konnte er das nicht. Mit dem Geld finanzierte er seine erste eigene Single “It Could Happen” (damals auf Freeze). Als ich ihm erzähle, dass es das Ding mittlerweile wieder als Whitelabel gibt und von vielen Plattenkäufern für eine neue Produktion gehalten wird, schüttelt sich Shabaam vor lachen und ärgert sich im gleichen Moment, dass ihm dadurch Geld verloren geht. Es ist beinahe schon die Geschichte seines Lebens: Stets verdienen andere mehr an seinen Songs als er selbst. Mit Rawkus hat er nun ein Label gefunden, dass ihn nicht ausnimmt und ihn in der Art und Weise fördert, wie er es sich immer gewünscht hat. Shabaam Sahdeeq kann drauf loslegen und das nicht nur für Rawkus. Zusammen mit DJ Spinna, Apani B. und Mr. Complex bildet er die Polyrhythm Addicts, die erste E.P. ist soeben erschienen. Ebenso ist er auf Spinnas Labelcompilation “The Beyond Real Experience” und der Superrappin-Compilation vertreten. Im Februar kommt sein Album heraus. Dabei erzählt er uns noch ganz nebenbei, dass das bekannte Produzententeam “The Beatminerz” ihr Album ebenfalls auf Rawkus herausbringen werden. Eben diese haben nämlich auch ihre Finger bei Shabaam Sahdeeqs Album neben Nick Wiz, Spinna, Buckwild, Alchemist und anderen an den Reglern. Klingt für mich nach hohen Vorgaben der Plattenfirma, was Verkaufszahlen betrifft. Doch so sieht er selbst es nicht. Er kannte einige der namhaften Gäste schon vor ihrem kommerziellen Erfolg, und so waren diese Features auch nicht so teuer. Er ist der Meinung, dass Rawkus nur “goldene Eier” legt, die reissenden Absatz finden werden. Und wieder plaudert er aus dem Nähkästchen: Der Sohn von Medien-Mogul Rupert Murdoch hat Anteile an Rawkus, aber keinen Einfluss, sondern fungiert nur als Geldgeber. Zum Ausgang: Punks Mittlerweile hat das Konzert angefangen und die paar Leute, die da sind, verlaufen sich beinahe in der grossen Live Music Hall. Draussen sitzen noch Company Flow und chillen bei einem Bier. Meine Frage, ob sie nicht Lust hätten, an einen ruhigeren Ort zu gehen, beantworten sie mit einem klaren “No”, da sie gerade so gemütlich sitzen und vermasseln mir somit mein Interview, da der Sound des Konzertes das Diktiergerät killt. Schade, denn gerne hätte ich mehr über die Formation geschrieben, die uns “Funcrusher Plus” gebracht haben. Soviel sei gesagt: “You can’t fuck with Company Flow”. Die Jungs sind Punks und lassen sich nicht vorschreiben, wie ihr Sound zu klingen hat. Entsprechend finden sie es auch nur logisch, dass ihr neues Album komplett instrumental ist. Sie sind Musiker, denen die öffentliche Meinung beinahe egal ist. Geld verdienen ist super, solange das Geld “rein” bleibt. Doch man darf jetzt nicht denken, dass die Jungs von Company Flow eingebildete Idioten sind. Im Gegenteil, doch sie machen halt ihr eigenes Ding. So verlasse ich dann den Ort des Geschehens und vor der Halle sehe ich mindestens einhundert weitere Gäste stehen, die aufgrund oben beschriebener Gründe nicht mehr hinein möchten…schade.

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Elektronische Lebensaspekte.