Text: rashad+natascha aus De:Bug 14

beep beep who’s got the keys to the jeep by monitor Fotos von Torsten Oetken Elektronische Kultur führt in New York, verglichen mit Berlin, ein Nischendasein. Wohl gibt es zwar eine beachtliche Anzahl von Produzenten elektronischer Musik, aber so wie in New York die Häuser höher sind, verschwindet auch die kulturelle Landschaft dort im Schatten aufgepumpter Highlights, von denen Berlins Kultursenator (bis jetzt) nur träumt. Superlative bestimmen die Größenverhältnisse. Es gibt kaum ein dauerhaftes Forum für die etwas abstrakteren Spielarten, und die damit verbundene Szene ist sehr klein und überschaubar. Lokalen Traditionen treu, präsentiert und probiert sich die Szene gerne in abwegig anmutenden Crossover-Ensembles, unterstützt von Geigern, Saxophonisten oder Opernsängerinnen. Gerne und oft werden Eigenreferenzen wie Arto Lindsay, David Linton und Elliot Sharp als Kollaboranten benannt. Eine elementare Rolle spielt bei diesen Vorgängen das Kollektiv Cultural alchemy um Beth Coleman (aka DJ Singe), Howard Goldkrand (aka MC Verb), Paul Miller (aka Spooky that subliminal Kid) und einige assoziierte DJs und Musiker (WE, DJ I-Sound, Byzar et al), die sich im Laufe der letzten Jahre durch ihre regelmäßigen Soundlab-Veranstaltungen als Träger elektronischer (Musik-) Kultur in New York verdient gemacht haben. Cultural alchemy wurde 1993 gegründet, mit dem Anspruch international zu agieren und Kontakte in aller Welt aufzubauen. Eher skeptisch treffen wir Beth und Howard zum Gespräch im Liquid Sky, Downtown Manhatten. Soundlab Gastauftritte in Berlin waren uns prätentiös und beliebig in Erinnerung geblieben. Wir treffen auf nachvollziehbare und fokusierte aber eben auch sehr NY- spezifische Ansätze. So forciert und (über)ambitioniert, wie dabei kontextübergreifenden Bemühungen philosophisch unterstrichen werden (file under Das Rad neu erfinden), so irritierend und unvermittelt wirken auf unsereins die vor Ort erlebten musikalischen und atmosphärischen Ergebnisse. keep it real NY ist eine Art Parabol-Spiegel für kulturelle Feldstrahlung. Das Soundlab bildet für uns nicht zwingendermaßen eine Plattform für eine spezifische Art von Sound. Es soll vielmehr ein bestimmtes Format anbieten, um Sound darin zu machen. Ihren Anfang nahmen die Soundlab-Parties 1995 als wöchentliche Veranstaltung im sogenannten “House of Ouch” in Chinatown, wohin Cultural Alchemy von dem Avantgarde-Percussionisten David Linton eingeladen wurden. Howard und Beth hatten einige Monate in Ostberlin verbracht und waren nach eigenen Angaben angespornt, eine ähnliche Bewegungsfreiheit wie sie sie hier erfahren haben auch in Manhattan Einzug finden zu lassen, obgleich ungleich komplizierterer Rahmenbedingungen. Anfänglich tummelten sich auf diesen Veranstaltungen vornehmlich Freunde und befreundete Künstler und Produzenten, die sich auf ein Umfeld freuten, das sich für ihre Musik interressiert. Flyer wurden handschriftlich auf Gaffa notiert und persönlich an symphatische Leute übergeben. Nach 18 Monaten wurde jedoch der Rahmen zu groß für das “House of Ouch “, und Soundlab zog um in die Knitting Factory, die ein geeigneteres Format für den Medien- und Genre-übergreifenden Anspruch der Veranstaltungen zu bieten hatte. Entscheidendes Gewicht hatte von Anfang an das Set Up aus mehreren DJs und wenigstens einem Live-Set und die anschließende Ineinanderführung: illness in the house Unser Grundaufbau bestand immer aus vier DJ-Sets und einem abschließendem Jam. Jeder für sich unterbreitet sein Vokabular, jeder hat jeden wahrgenommen, also können wir jetzt im Jam kommunizieren. Manchmal funktioniert es und manchmal nicht. Für uns war der Jam immer großartig. Es hat den Leuten viel abgefordert, sich damit zurechtzufinden. Manche haben es als eine Art “Open Season” interpretiert. Ich komm einfach mal rum und drücke auf deinen Moog. Das ist allerdings nicht so recht das, was wir uns darunter vorstellen. Manchmal ist es erforderlich, eine gewisse Disziplin aufzuweisen und die Dinge ernst zu nehmen. Wir wollen, daß jeder seine Zeit bekommt und nicht eine Art Tag der offenen Tür am elektronischen Instrument veranstalten, denn dann wird es meistens ziemlich unstrukturiert, und ich könnte ebensogut vier Radios anschalten und brauche überhaupt niemanden einzuladen. Ein zentraler Stellenwert kommt dem räumlichen Aufbau zu, der stets der Bemühung folgt die DJs/Musiker in der Mitte des Raumes zu plazieren, anstatt sie auf eine Bühne zu treiben oder in irgendeine Kanzel zu verbannen. Damit soll einerseits den Musikern der akustische Vorzug zu Teil werden, der sonst dem Publikum vorbehalten ist und andererseits den Besuchern mehr Bewegungsfreiheit zugestanden werden, als bei der normalen prätentiösen Bühnen-Variante während Live-Acts. Mit dem Weggang vom “House of Ouch” hielt auch eine andere, wesenhafte Parole in das Soundlab-Hook Up Einzug: go nomadic Wir streben keinen eigenen Club an, wir wollen in Bewegung bleiben und uns auf unterschiedlichste Räumlichkeiten einlassen. Gut, Abstrakt (eine von zwei wöchentlichen Soundlab-assoziierten Veranstaltungen) ist jetzt seit über einem Jahr an einem festen Ort, aber davor war es drei oder vier Jahre lang eine mobile Veranstaltung. Electro-Foetus (die andere) nimmt gerade erst Gestalt an. Es ist sowohl eine Frage der Funktionalität als auch der Überzeugung. Wir wollten wenigstens eine Nacht pro Woche, in der wir uns auf eine Struktur verlassen können, wo DJs auflegen können, und alles ist chillig. Wir nennen es “on the DL”, on the Down Low. Aber es ist sehr wichtig für uns, in Bewegung zu bleiben, unsere Environments an Orten auszubreiten, die man sonst ganz anders erfährt, an denen man nicht nach Dingen sucht, wie wir sie tun. Es ist aber auch eine ökonomische Frage. Die Wahl, die man in dieser Stadt hat, ist entweder in Gallerien zu arbeiten und wenn man Glück hat lassen sie einen bis 23 Uhr Sound machen bevor sie den Strom abstellen oder man arrangiert sich mit Clubs. In beiden Fällen ist man mit einem großen Paket an Erwartungshaltungen konfrontiert, die an der Sache vorbeigehen. Wir hatten gute Zeiten in Galerien und gute Zeiten in Clubs, aber was wir wollen ist etwas anderes. Plätze, wie wir sie in Berlin gesehen haben, sind hier kaum zu halten, Jemand muß immer verantwortlich sein, und es gibt viel zu bewältigen, das mit der Leidenschaft ,die einen antreibt, wenig zu tun hat. Die Leidenschaft hat hingegen viel damit zu tun, einen Ort zu finden, zu erwägen wie lange es dort sicher ist und sich auf ihn einzustellen. Das hängt sowohl damit zusammen wie es dort aussieht, aber vor allen Dingen auch damit, wie ein Ort klingt. Es muß alles aufeinander abgestimmt sein: der Ort, die Soundinstallation, die Performance und die Visuals. Es ist unbefriedigend damit umzugehen, wie irgendjemand einen regelmäßigen Club konfiguriert hat. Auf der anderen Seite darf der eigene Blickwinkel nicht so stark werden, daß er sich nicht mehr erschüttern lässt. big up Mittlerweile ist Abstrakt dienstags in der Orchard Bar zu einer festen Größe geworden, Flyer für die monatlichen Soundlab-Veranstaltungen an wechselnden Orten liegen überall in der Stadt, Howard & Beth werden auf Listen der “90 Interressantesten New Yorker” geführt und neben regelmäßigen Aufenthalten in Europa wurden auch schon Gastspiele in Johannisburg und an der chinesischen Mauer absolviert. Credits in den Printmedien von HipHop-Magazinen über die New York Times bis hin zur Vogue gibt es zu Hauf. Und auch wenn diese Medienpräsenz durchaus erwünscht und auch forciert wirkt, sollte man darin nicht vordergründige Eitelkeit oder allzu übertriebenes Sendungsbewußtsein wähnen. Es sind wohl vor allem auch Sachzwänge, die das (sub-)kulturelle Leben in New York mit sich bringt. Der einzige Weg, ihren ambitionierten Projekten eine Plattform zu verschaffen, führt über das Bedienen bestimmter Parameter etablierten Kulturguts. Denn ambitioniert heißt im Soundlab-Kontext in ganz wesentlichem Maße auch fett. In Manhattan ist es unverhältnismäßig schwerer nach 23 Uhr Musik zu spielen, ohne Lizenz Getränke zu verkaufen, einen Ort zweckzuentfremden. Man benötigt eine Lizenz für die Option auf tanzende Besucher. Soundlab haben es im Sommer ’97 erreicht, einige nachmittägliche Veranstaltungen mitten in China-Town auf einem öffentlichen Platz zu organisieren, eine wohl aufsehenerregende Leistung. Daß im Zuge dieser Medienpräsenz Allzuviel auch allzuoft in erheblichem Maße prätentiös und riemenschneiderisch wirkt – daß Künstlernamen genauso massiv gedropt werden wie kaum erfüllte semiphilosophische Formeln – gehört dabei in New York wohl genauso in die Kategorie “kalkulierbarer Sachzwang” wie nur geringfügig glaubhafter reproduzierte Phrasen a la “keep it real; keep it underground” oder “peace out”. Denn die beiden maßgeblichen Köpfe im Soundlab-Hook-Up sind leider genausowenig Homies, wie sie hinter kommerziellem Erfolg her sind. Aber New York bleibt wohl auf ewig ein Babel der Rock-Stars. Daß Howard und Beth es aber sehr wohl kalkulieren und auch zu trennen wissen, daß ihr Anliegen ganz ursächlich und der Rummel längst kein Selbstzweck ist, geht am deutlichsten aus der Art und der Motivation ihrer Veranstaltungen hervor. cool shit Es gibt vier gigantische Hallen am Fuß der Brooklyn Bridge, nicht sehr breit aber sehr lang und hoch. Es war unmöglich den Sound zu kontrollieren, die Hallen sind offen zueinander und extrem dröhnig. Wir hatten vierzig Lautsprecher und vier Soundquellen von vier DJs, die simultan aufgelegt haben. Wir haben außerhalb der Hallen ein Zelt aufgebaut mit einem vierzig Kanal Mischpult und konnten darüber jeden der Lautsprecher mit Sound beschicken und regulieren. Die Speaker waren alle zueinander zeitverzögert, so daß man keine Echos im Raum hatte von anderen Speakern mit dem selben Signal. Im Zelt hatten wir 8 Monitorboxen auf denen wir die 4 Stereosignale separat abhören konnten. Die DJs hatten in erster Linie sich selbst auf dem Monitor, so daß sie sich konzentrieren konnten. Sie sollten sich nicht auf die gesamte Situation konzentrieren, sondern auf ihr Set. Für uns war das wie Schach spielen auf vier verschiedenen Ebenen. In den Hallen konnte man den Sound in Korridoren abschreiten, an manchen Stellen konnte man quer durch drei Hallen blicken und die Beats rollten an einem vorbei. Man wurde nicht in gewohnter Weise bedient, sondern mußte sich selber um den Mix kümmern. Aber man konnte auch anderen zurufen: Hey stell dich mal schnell hierhin. Für uns war es ein Schlüsselerlebnis, nicht nur weil wir alles selber gemacht haben, sondern auch weil wir gesehen haben, daß Sound nicht das ist, was man uns sagt, was Sound wäre. Wir mußten alles bis 13 Uhr des darauffolgenden Tages wieder abgebaut haben. cultural dialectic Über ihre Arbeit mit Cultural alchemy und ihr DJing hinaus ist Beth Coleman auch als Schreiberin für diverse Kunstmagazine und ebenso wie Howard als bildende Künstlerin tätig. Das führt in ihren Augen zu fruchtbaren Überlagerungen, wenn zum Beispiel die Kids zu Vernissagen in Downtown Manhattan Galerien kommen, weil es sich um ein Soundlab Projekt handelt. Ihr Verständnis von Site Specifity schließt dabei das Arbeiten in der funktionalen Umgebung einer White Cube Galerie in keinster Weise aus. Wir versuchen, jeden Platz als das anzunehmen, was er ist. Wenn wir uns wie Nomaden bewegen, wollen müssen wir uns darüber ein Bewußtsein schaffen und uns in ein ehrliches Verhältnis zu den Orten stellen. Also kann ich nicht sagen: Fuck off you are a White Cube. Anstelle dessen sehe ich es als genauso spezifisch, an so einem Ort zu sein, wie etwas in einem besetzten Haus zu machen. Wenn man sich ihre Artikel besieht, fällt es leicht, Verbindungen zu ihrer Arbeit mit Soundlab nachzuvollziehen, so zum Beispiel in einer Arbeit über die Ästhetik des Verschwindens, die Unsichtbarkeit in der Stadt: Man belegt einen Ort, man macht eine Veranstaltung und am nächsten Tag bleibt nichts davon zurück. Ich verbringe viel Zeit damit zu schreiben, üblicherweise für einen eher akademischen Kontext. Ich war sehr glücklich darüber, als das Soundlab-Projekt begann, weil ich gerne mehr Zeit mit anderen Menschen verbringen möchte. Als Schreiberin verbringt man zuviel Zeit alleine. Wir referieren gegenüber den Dingen, die wir tun als “experimenting the electrotechtural now”, und das ist mehr als nur eine Begrifflichkeit oder ein Konzept, das ist eine bestimmte Praxis, eine Aktivität. Und die meisten Akademiker haben dazu kein Verhältnis. Ich denke nicht, daß man nur weil man Musik macht nicht die Berechtigung hat, über andere Dinge nachzudenken oder sie auszusprechen, und man muß das auch nicht in der selben Sprache, im selben Vokabular artikulieren. Unsichtbarkeit bedeutet auch: nicht auf dem Radar erscheinen, sei es ob deiner Farbe, ob der Sprache, die du sprichst, oder ob der Musik, die du hörst. Das ist etwas, was wir anstreben. Unsichtbarkeit hat auch etwas mit Verantwortlichkeit zu tun im Verhältnis zu einer dominanten kulturellen Ebene. it’s so fucking urban Unser nächstes Projekt wird ” thermodynamic reading project ” heißen. Die Idee beruht auf einer Choreographie für zwölf Jeeps und Jeep sound low frequency oscillation. Die Assoziation ist urbaner HipHop, wie er aus der klassischen Jeep-Anlage in die Straßen dröhnt. Es geht uns dabei um Frequenzen ab vierzig Hertz abwärts, Frequenzen, die im Club zumeist gar nicht wirklich reproduziert werden können, weil sie einfach gar keinen Platz haben sich auszubreiten. Manche Wellen sind fast zwanzig Meter lang, im Club fühlst du sie kaum, aber der Nachbar spürt sie. Wir wollen es in Midtown machen, wo all die Glasgebäude stehen, the canyons of chaos. Wir hoffen auf zusätzliche Resonanzfaktoren. Wir wollen die Aktion in verschiedenen Intervallen über den Tag verteilt wiederholen: sechs Uhr morgens, halb zehn, mittags, drei Uhr nachmittags. Zu manchen Zeiten wird totales Chaos vorherrschen wegen des Verkehrs, und die Beats können gar nicht in line sein, zu anderen Zeiten wiederum wird niemand auf den Straßen sein, und die Anordnung läßt sich perfekt choreographieren. Dann hört man es vielleicht noch drei Blocks weiter. It’s really all about learning. ——————————————————————– Hervorhebungen: experimenting the electrotechtural now

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Elektronische Lebensaspekte.