Ein anderes "Bauhaus", ein "Black Mountain College" des Sounds? An der HdK Berlin wird derzeit versucht, einen Aufbaustudiengang zum Thema "Sound" zu entwickeln. Auf drei vorbereitenden Diskussionssitzungen suchte man unter dem Schlagwort "soundXchange" vom Technoproduzenten über Porsche-Sounddesigner und Audiosoftware-Entwickler bis zum studentischen Fachpublikum nach einer produktiven Definition von Sound. Ein Rück- und Ausblick von Holger Schulze, einem der Initiatoren.
Text: Holger Schulze | schulze@hdk-berlin.de aus De:Bug 51

akademie

soundXchange
Werkstatt für Klang und Gestaltung

“Ihren Klang. Ich verstehe die Sprachen. Ich verstehe die Sprachen nicht. Ich höre nur ihren Klang.” (Laurie Anderson)

Seit es Sampler gibt, sind Klänge frei konvertierbar zwischen Experimentalszenarien und Konzernimperien, nonchalante Vaterlandsverräter. Aber wird der Wechselkurs exakt berechnet? Welcher Sounddesigner hat das Klangwissen der elektroakustischen Musik? Welcher Orchestermusiker ist mit “physical modelling” vertraut? Das Projekt “soundXchange” der Hochschule der Künste Berlin hat in den letzten Monaten zwölf Klangexperten zu “open lectures” in den Berliner Club WMF, auf ein Tonstudioschiff und ins Staatliche Institut für Musikforschung eingeladen. Dem Arbeiten mit Klang in all seinen Ausprägungen soll Raum gegeben werden, vielleicht ein Aufbaustudiengang entstehen. SoundXchange soll keine Einheitswährung stiften, sondern feststellen, was im Umlauf ist. “… let’s take a journey into sound.”

Vom Auto zum DJ – Arbeitsweisen vernetzen
Es waren konzentrierte Diskussionen – das wurde bald deutlich -, in denen im Publikum mindestens ebenso kompetente Teilnehmer saßen wie auf dem Podium. “Wer benutzt Sound und wozu?” – “An welchem Ort ist Klang?” – “Between categories: Was ist Musik?” lauteten die Themen, und Ex-Kraftwerk-Mitglied Karl Bartos war ebenso dabei wie die Musikwissenschaftlerin Barbara Barthelmes, ein Vertreter von Magix, die die Musiksoftware “Samplitude” vertreiben, wie auch der österreichische Komponist Konrad Rennert. Klangwährungen wurden tatsächlich ausgetauscht, als Mo Loschelder von Elektro Music Department auf Hans-Martin Gerhard traf, Gesamtfahrzeugakustiker für Porsche. Eine vorsichtige, konzentrierte Annäherung fand statt, Ausgangspunkt für künftige Kooperationen von Porsche und EMD? Ähnliches passierte, als Gabi Delgado auf Thomas Kessler traf, der das Studio für elektronische Musik der Musik-Akademie Basel geleitet hatte – und Kessler davon berichtete, wie er in den sechziger Jahren einen Synthesizer nach Berlin brachte, zu Klaus Schulze, Tangerine Dream und Ash Rah Tempel. In solchen Gesprächen passierte soundXchange: Traditionslinien wurden sichtbar, die der elektronischen Musik gerne zugeschrieben werden – oft aber vage bleiben.

Das Modell des Research Artist
Die Zukunft von soundXchange liegt in Forschungsprojekten: KünstlerInnen der elektronischen Musik könnten hier – vielleicht als GastprofessorInnen? -an einem künstlerischen Projekt arbeiten und neue Entwicklungen in Software und Interfaces anregen. Studierende könnten von diesen Projekten lernen und eigene Arbeiten entwickeln. Ein Modell, das in angloamerikanischen Instituten unter dem Begriff des “Research Artist” bekannt ist: Eine Verknüpfung künstlerischer und wissenschaftlicher Forschung, die die Alltagspraxis der Künste ohnehin prägt. SoundXchange könnte zum Kompetenz- und Entwicklungszentrum werden, das technisch-wissenschaftliche Entwicklungen durch neue künstlerische Konzepte befördert. Ein anderes “Bauhaus”, ein “Black Mountain College” des Sounds? Schon im Sommer wurden Lehrveranstaltungen der Fakultät Musik für Studierende anderer Fächer und externe Interessenten geöffnet – “Algorithmische Musik in Geschichte und Gegenwart”, “Klanggestaltung für Instrumentalisten”, “Das Netz als künstlerisches Medium” -; und im Winter wird es erstmals Workshops mit Klangkünstlern der elektroakustischen Musik, mit DJ’s und Laptop-Elektronikern geben, ergänzt durch Vorträge und Performances. Die Währungen bleiben in Umlauf.

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Elektronische Lebensaspekte.