Allein machen sie dich ein. Im richtigen Doppel ist man dagegen unschlagbar, wie Robert Lippok und Barbara Morgenstern mit ihrem Album “Tesri” beweisen.
Text: Jan Joswig aus De:Bug 92

Sowieso cool
Morgenstern/Lippok

Irgendwann ist Schluss mit lustig? Nein, irgendwann fängt lustig erst richtig an. Zum Beispiel wenn man auch die letzte Falle der gängigen Musikerbiographie überwunden hat. Normalerweise läuft es doch so: Schritt eins, die Jugend hat mäßig Kopf, dafür viel kochendes Blut und will vor allem Krawall schlagen und abtanzen. Schritt zwei, der Kopf wächst, das Blut kühlt sich ab, das Bedürfnis nach etwas Gediegenem, Bleibendem wird übermächtig und man macht Krautrock oder Chansons. Schritt drei, man richtet sich in Schritt zwei ein, wird blasser und blasser und wartet darauf, dass einen das Goethe Institut um die Welt schickt. Robert Lippok hätte als Teil von Torococorot und Barbara Morgenstern als Solokünstlerin die besten Aussichten, nach diesem Schema langsam auszurollen. Dann wäre wirklich Schluss mit lustig. Aber die beiden haben sich und damit den Ausweg aus der drohenden Malaise gefunden.
Ihr gemeinsames Album ”Tesri“ feiert in abgeklärter Ausgelassenheit, dass sie als Produzentenpaar endlich eine Menge beengender Eigenschaften hinter sich gelassen haben: Sie sind nicht nerdig, nicht privatistisch, nicht revoltierend, nicht konzeptuell, nicht sexy. Obwohl, nicht sexy? Sie sind so sexy wie Charlotte Rampling auf den Bildern von Jürgen Teller. Aber das ist eben keine jugendeingefrorene Sexyness. Aus dem Schutthaufen dieser ganzen abgelegten Eigenschaften erhebt sich überraschend und unbeabsichtigt, dafür aber mit umso größerer Souveränität ein alter Bekannter aus Jugendtagen, dem man damals nur aussichtslos hinterherrennen konnte, der jetzt aber plötzlich aus jeder Pore und jeder Note springt: Coolness. Robi und Babsi sind cool, gerade weil sie sich längst keine Gedanken um cool mehr machen müssen. Sie sind cool, weil sie sich lieber über Hunde und Essen unterhalten statt über Schallplatten und weil ihnen Humor sowieso viel wichtiger ist und weil sie sich lieber darüber streiten, ob das Tragen von Rock über Hose nun gestriges Kreuzberg ist oder morgiges Berlin Mitte, statt sich am Für und Wider eines deplazierten Basses aufzuhalten. Dann hat der Bass sich da eben mal festgesetzt.

Robert: Wir wollten schon eine gewisse Form von Coolness wahren. Aber wir sind davon ausgegangen, dass das, was wir machen, sowieso cool ist. Wir haben nicht extra darüber gesprochen, mussten es nicht hinterfragen. Wenn Barbara gesagt hat, das ist toll, ich aber Gänsehaut hatte …
Barbara: Umgekehrt aber auch. Was meinst du, wie oft ich Gänsehaut hatte.
Robert: … dann war es selbstverständlich, Verantwortung abzugeben, festzustellen, ich überblicke das Feld wohl noch nicht so richtig, soll der andere mal machen. Die Bedeutung von Humor wird dabei immer unterschätzt. Jemanden zu finden, der sich über die gleichen unsinnigen Sachen schlapplacht, finde ich fürs Musikmachen notwendig. Das soll nicht heißen, dass unsere Musik humoristisch wäre. Obwohl wir bei gewissen Sounds wissen, das kann man eigentlich nicht machen, das darf nicht sein, aber das Stück schreit danach und es kommt doch rein.
Wir haben im Blick, was im Bereich elektronischer Musik passiert, Morr Music, CCO. Da wollen wir aber raus. Gerade bei den Melodien achten wir darauf, dass sie nicht ins Elektronikafeld passen.
Barbara: Oder beim Gesang. Gehaucht sollte er auf keinen Fall sein. Ich finde es gerade gut, dass Damon Aaron von Telefon Tel Aviv so eine straighte Mainstream-Westcoast-Stimme hat. Mieko Shimozo ist ja auch nicht gerade zaghaft in ihrem Gesang.
Robert: Bei ihr mag ich den Yoko-Ono-Appeal. Sie singt Haikus. Mein Lieblingshaiku ist: Der Frosch / springt ins Wasser / Plumps.

So ist Tesri, so sind Robert und Barbara als Duo – sexy und cool auf eine Weise, die nur entstehen kann, wenn man bei Station drei angekommen ist, sich aber nur ein klitzekleines bisschen nach dem Zug zurück sehnt und keinesfalls nach einem warmen Plätzchen im Wartesaal Ausschau hält, sondern auf den nächsten Zug gen Ungewissheit springt und sich darauf verlässt, das alles gut gehen wird.
Quentin Tarrantino hat diesem größten Abenteuer aus der zweiten Lebenshälfte mit ”Jacky Brown“ ein Denkmal gesetzt. Robert und Barbara zeigen mit ”Tesri“, wie sehr das erst der eigentliche Anfang von lustig ist.

”Doch wenn die anderen jammern, wir würden so gern noch mal 20 sein, werden wir sagen, wir für unseren Teil sind froh, es ist vorbei.“ (Flowerpornoes, ”Liane (Cool ist das Wort)“)

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Elektronische Lebensaspekte.