Identitäten in Sozialen Netzwerken haben scheinbar ähnliche Metaphern wie das echte Leben: Freunde, Alter, Geschlecht, Liebe, Tod, Karriere und Leben. Wie hängt die digitale Identität mit freien Entscheidungen zusammen? Wie kompatibel mit real life ist die Möglichkeit sein Geschlecht, sein Alter und seine Freunde zu ändern?
Text: Sascha Kösch aus De:Bug 120


Wer kennt sie nicht, die Identität. Ein wackeliges Ding, vor allem für all jene, für die Identität eher ein Problem als eine Eigenschaft ist. Man kann ja nicht ernsthaft davon reden, dass dieses Jahrhundert besonders darauf aus wäre, dass man bei einer Identität bleibt. Aber ein wenig Stabilität macht schon Sinn. Nur was ist mit den Sozialen Netzwerken, der Identitäts-Maschine Nummer eins zurzeit? Taugen die überhaupt in der Krise?

Wir haben uns einige Szenarien üblicher Identitätskrisen und eine Hand voll sozialer Netzwerke auf ihre Tauglichkeit in eben solchen angesehen und fanden gelegentlich Erschütterndes heraus. Hinter der Szene sozialer Netzwerke lauert ein noch unerschöpftes Minenfeld sozialer Dramen. Eigentlich also genau das, was man in Identitätskrisenzeiten nicht brauchen kann.

Is it a Boy or a Girl?

Nicht nur die Verwandtschaft steht voller Spannung vor dem Kreißsaal und stellt sich eben diese Frage, sondern – je nach hormonaler Lage – ist man sich selbst, was das Selbst und sein Gender betrifft, gelegentlich nur halb so sicher, wie man vielleicht gerne wäre. Und – hurrah – wenigstens in diesem Punkt taugen soziale Netzwerke, auch wenn hier die strikte Geschlechtertrennung vorherrscht. Male/Female kann man sowohl bei MySpace als auch bei Facebook und StudiVZ ändern. Bei Xing (keine Teenager- oder Studentenplattform) ist – nicht schlecht – die Geschlechterfrage gleich durch die Anredeform ersetzt worden und auch die kann man ändern. Entscheiden aber sollte man sich für ein Gender, und das ganze Spiel zwischen den strikten Geschlechtsformationen muss man dem Rest der Seite überlassen oder sich gleich als Musiker anmelden (bei MySpace oder Virb oder so), denn Musiker haben irgendwie kein Geschlecht.

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Grafiken: Chris Harrison

Du bist so alt, wie du dich fühlst

Rentner sind wieder wer. Nicht nur in den Chefetagen von Procter & Gamble. Auch Studenten wünschen sich immer öfter, endlich Rentner sein zu dürfen, vermutlich weil sie genau wissen, dass sie nie welche sein werden. Alter ist längst nur noch eine Variable, und Variablen sind mindestens von einer gewissen Unbeständigkeit. Hier allerdings wird es kompliziert. Zwar lassen sich sowohl StudiVZ, MySpace als auch Facebook dazu “missbrauchen”, z.B. jeden Tag Geburtstagsglückwünsche zu ermogeln, aber nur auf den ersten beiden lässt sich auch das Geburtsjahr ändern, falls man z.B. meint, man wäre heute so alt wie Helmut Schmidt vor dem Raucherbein. Bei Xing ist das Geburtsdatum zementiert, und wer sich einmal zum Rentner gemacht hat (bei MySpace z.B. sind nicht wenige zwischen 101 und 102 Jahre alt, allein weil das Formfeld aufsteigend sortiert mit 1906 beginnt), der darf sich später nicht beschweren, wenn ihn niemand mehr anstellt. All die, die mit einer Karriere als ewiger Teenager liebäugeln, sollten also definitiv auf Facebook und Xing verzichten.

Sie hat mich verlassen

Oder er. Oder es. Beziehungskrisen machen nicht nur 90% des Geschwätzes (Print, Tresen, etc.) aus, sondern sind wirklich nicht selten. Und einer Beziehungskrise folgt normalerweise ein akuter Wechsel des Freundeskreises. Hältst du zu ihm oder zu ihr? Eine an sich skurrile Frage, deren entschiedene Beantwortung aber normalerweise deine Normalität bestätigt. Nicht so im Web2.0-Netz. Das könnte in dieser Hinsicht von Ursula von der Leyen erfunden worden sein. Die schändliche (Unterlassungsklage liegt dem Bundesverfassungsgericht vor) Vermeidung der Untergruppierung des eigenen Freundeskreises nach freien Kriterien in sämtlichen sozialen Netzwerken ist genau genommen eins ihrer größten Probleme. Einzig Facebook erlaubt einem, den Freundeskreis in einzelne Listen zu unterteilen. Aber den gesamten Batzen nun verfeindeter Freunde mit dem nachdrücklichen One-Click, den eine Trennung eigentlich als Geste nach sich ziehen würde, loszuwerden, ist auch hier unmöglich. Bei jedem Einzelnen muss man sich schmerzlich an die Beziehungskrise erinnernd durch die Kreuze clicken.

Holt mich hier raus, ich bin kein Star

In den letzten Monaten war das dank diverser Diskussionen rings um Dataportability endlich mal auf dem Schirm. Aber geändert hat sich an der traurigen Situation immer noch nichts. MySpace passt einfach nicht mehr zur dir, das ist dir zu kindisch, du möchtest lieber ein Facebooker werden. Freunde mitnehmen? Fehlanzeige. Exportieren? Nur bei Xing. (Moment mal, Import ging doch überall??? So schwer kann das doch nicht sein.) Blogeinträge mitnehmen zur neuen Plattform? Nix da. Deine Identität, schön mit dir verknotet, ist letztendlich immer auf der Plattform verankert und die rückt sie einfach nicht so leicht wieder raus. Ob sich daran jemals etwas ändern wird, kann man zwar hoffen, da jeder User, jede Seite, jeder Eintrag, jedes Bild aber bares Anzeigengeld sind und die Firmen untereinander um eben “deine” Identität konkurrieren, sehen wir da bestenfalls einen blassen Schimmer von Möglichkeiten.

Ich geb den Löffel ab, mach du da weiter

Radikale Situationen erfordern gelegentlich radikale Lösungen. Klar will man sich nur seiner Identität entziehen, man kann sich auch einfach tot stellen, deaktiviert alle Mitteilungsfunktionen der Profile oder wechselt am besten gleich den Mailaccount und geht einfach auf keine der ehemaligen Identitätsspielplätze mehr. Aber nehmen wir mal an, du willst diese Phase nicht nur aus deinem Gedächtnis löschen. Neben der üblichen Click-Orgie brauchen MySpace und StudiVZ dafür z.B. 48 Stunden. Bei Xing ist mir nach halbstündiger Suche immer noch nicht klar, ob ich gehen kann. Facebook lässt einen – da kann man deaktivieren, so viel man will – auf ewig als Zombie weiterleben. Aber all das ist noch keine wirklich radikale Situation. Man stelle sich folgendes Szenario vor: Du hast gerade die neusten Spam-Kommentare auf deiner MySpace-Seite gelöscht, gehst dir zur Belohnung ein Croissant holen und der Döner-Laster sieht dich einfach nicht kommen. Nun kann einem, so man denn zu Roadkill geworden ist, völlig egal sein, was mit dem digitalen Ich weiter passiert, aber schließlich hat man ja doch einen gewissen Stolz entwickelt, was das eigene 2.0-Spiegelbild betrifft. Und wäre es nicht schön, wenn genau der richtige deine Identität testamentarisch 2.0 vorbestimmt weiterführen könnte? Sagen wir mal als schnuckelig-flashiges Kondolenzbuch? Bei dieser entscheidenden Identitätsfrage (sein oder nicht sein) versagen letztendlich alle sozialen Netzwerke.

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Elektronische Lebensaspekte.