Jenseits von Raum und Zeit! Alle an einem Netz! Heute wie gestern gilt einem Großteil der Medientheorie das Medium als Stein der Weisen. Es wird das territoriale Denken überwinden, die Nation abschaffen und die Welt vereinen. Niels Werber hat da so seine berechtigten Zweifel und wirft ein Blick hinter die Argumentationsketten.
Text: niels weber aus De:Bug 47

Utopie durch Glasfaser
Der feste Glaube der Soziologie an das Netz
Bundesminister Otto Schily hat anläßlich der CeBIT noch einmal wiederholt, was seit etwa zehn Jahren immer wieder zu hören ist: “Der Einsatz moderner Informations- und Kommunikationstechnik verändert Staat und Verwaltung nachhaltig” – und zwar zum Besseren, denn im “Internet-Zeitalter” gewinne das “E-Government” etwas zurück, “was in mancher Hinsicht verlorengegangen ist: mehr Möglichkeiten der politischen Teilhabe.” Das Internet und seine notorisch interaktiven, basisdemokratischen und machtfreien Foren, Chat-Rooms und Communities lasse die Athenische “Agora” als “E-Gora” wiederauferstehen.
Schily schließt sich hier einer Tradition von Manifesten an [bspw. der “Frankfurter Erklärung zur Informationsgesellschaft” 1998 oder “Münchener Erklärung” der Burda-Akademie 2000], in denen seit Jahren behauptet wird, dass das Internet strukturell per se demokratisch sei. Dank des hohen “Demokratiepotentials” des Internets, müsse man nur Glasfaserkabel verlegen und Terminals verteilen, um in ein neues Zeitalter einzuziehen: die Weltdemokratie. Fortschritt durch Technik! Der Tübinger Philosoph Otfried Höffe begrüßt die “technischen Neuerungen”, die uns das “elektronische Weltnetz” gebracht haben, weil sich in diesem Medium weltweiter Kommunikation in Echtzeit eine “globale Öffentlichkeit” herausbilde, deren politisches Äquivalent wiederum die “Weltrepublik” sei. Auch der Politikwissenschaftler Werner Link ist der Meinung, schon heute sei die “universelle Institutionalisierung” dieser “zivilisierten Weltgemeinschaft” in “Gestalt einer revitalisierten UNO als einer Art Weltföderation” auf bestem Wege. John Perry Barlow, der Autor der legendären “Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace”, hätte sich nicht träumen lassen, innerhalb kürzester Zeit alle seine Visionen in den Verlautbarungen von Ministern und verbeamteten Professoren wiederzufinden.
Das Medium macht die Gesellschaft
Welche Gründe gibt es für die beliebte Mode, der neuen Technologie des Internets eine politische und zwar eine demokratisierende Wirkung, zu unterstellen? Zum einen wiederholt man einfach alte theoretische Glaubenswahrheiten. Jürgen Habermas hatte seinerzeit im “Strukturwandel der Öffentlichkeit” die These vertreten, dass der Demokratisierungsschub im 18. und 19. Jahrhundert u.a. die Folge des Siegeszuges einer Medientechnik gewesen ist: des Buchdrucks. Zeitungen, Zeitschriften, Bücher haben die Ausbildung einer Öffentlichkeit erlaubt, in der nicht Autoritäten, sondern Argumente ausschlaggebend seien. Solange nur Texte ungehindert zirkulieren und ihre Thesen kritisch verglichen werden können, setzt sich am Ende des Diskurses das bessere Argument durch und stiftet einen Konsens.
Alle Politologen, Soziologen, Philosophen oder Politikberater brauchen nun nur diese ehrwürdige Habermas-Gleichung auf Weltniveau hochzurechnen, um Internet auf Weltdemokratie reimen zu können. Wenn alle mit allen vernetzt sind und die Argumente zwanglos – ohne Zensur, ohne Manipulation, ohne Vorselektion – ausgetauscht werden, verwandelt sich die schlechte alte Welt der kriegführenden Nationalstaaten in eine “E-Gora” der Netizens. Um ein druckfrisches Buch zu zitieren:
“Das Internet ist antizentralistisch, individualistisch, antiautoritär und also sicherlich demokratischer als etwa Presse, Rundfunk und Fernsehen”, meint auch Jochen Hörisch. Das habe nun aber “weniger mit dem Willen der unübersehbar vielen Internet-User zu tun als vielmehr mit den rein technischen Problemen”, das Internet zu kontrollieren. Nicht die unzuverlässigen Individuen, an deren Phlegma oder Egoismus schon so manche Utopie scheitern musste, machen das Internet zu einem demokratischen Medium, sondern seine Technologie. Dass aus der Verwendung der fortgeschrittensten Verkehrs- und Produktionsmittel dann eine neue Gesellschaft hervorgehen werde, ist ein marxistischer Gedanke, der den Medienphilosophen der 68er Generation wohlvertraut ist.
Jenseits von Raum und Zeit
Der zweite Grund für die politischen Hoffnungen gründet sich auf dem Glauben, dass das Internet den Raum abschaffe. “Atopia” nennt der Soziologe Helmut Willke die neue Medien-Gesellschaft, in der “Orte irrelevant und praktisch ununterscheidbar geworden sind” und “Raum bedeutungslos” ist. Auch in Norbert Bolz Epoche der “Weltkommunikation” spielen “geographische Grenzen, Geschichte (Tradition) und Nationalstaatlichkeit keine Rolle mehr”, denn der “Bedeutungsschwund des Raums” löst die Gesellschaft vom Boden ab und im “Netz der Weltkommunikation” auf; vom Territorium als Voraussetzung des Nationalstaates und seiner Geschichte kann folglich keine Rede mehr sein.
Internet, mobile Telekommunikation, Telematik, globale Erreichbarkeit und ubiquitärer Access verhelfen dieser Unterstellung, dass der Raum keine Rolle mehr spiele, zur Evidenz. Schwindelerregende Erwartungen bauen darauf auf: das Ende der Geo- und der Machtpolitik, das Ende des Kampfes der Kulturen und Weltmächte um Hegemonie stehe bevor. Ein Blick auf die Realität der Bodentruppen, Raketenschilder, Firewalls und Infowar-Platoons anders ausschaut, wird vermieden. Auf keinen Fall ist das Internet ebenso Medium der Macht-, Geo- und Interessenpolitik.
Statt dessen wird etwa so argumentiert: Macht basiere auf der “glaubhaften Androhung physischer Gewalt” [Willke]. Sie sei auf die Präsenz der Körper angewiesen – doch die Körper, so schon Barlows “Unabhängigkeitserklärung”, seien für die Macht nicht mehr greifbar. “Politik und Recht operieren noch territorial, in Raumgrenzen.” Aber “Territorialität” mache in Zeiten der Weltkommunikation keinen Sinn mehr – und der Territorial- und Rechtsstaat verliere gerade den Boden unter den Füßen. “Wenn Verortung und Ortbarkeit verloren gehen”, so Willke, dann stehe auch die “Überwindung hegemonialer internationaler Regimes” auf der Tagesordnung. “Verortung und Ortbarkeit” stehen hier für die militärischen und politischen Voraussetzungen des Freund-Feind-Denkens: der Feind muß ortbar sein, um verortet zu werden, handele es sich um ein U-Boot, einen EP-3-Aufklärer oder eine politische Macht. Wenn es keinen Raum mehr gibt, in dem der Feind steht, dann fehle den “Plagen wie Fremdenhass, Chauvinismus, Nationalismus, Diktatur und Krieg, welche die Nationalstaaten über die Menschheit gebracht haben”, der Boden, glaubt Willke. Mit den Versuchen expansiver Nationen, kontinentgroße Raumordnungen zu schaffen, sei es daher vorbei, diagnostiziert der Soziologe Rudolf Stichweh: “Erstmals unterscheiden sich die Überlebenswahrscheinlichkeiten für große und kleine Staaten nicht wesentlich und sind kleine Staaten nicht mehr auf geographische Sonderlagen und hegemoniale Unterordnung angewiesen.”
Die Weltgesellschaft dämpfe die “nationalkulturellen Eigenheiten” und “Idiosynkrasien” ab und läute so das Ende der Hegemonien und den Anfang einer “egalitären” Weltordnung ein. Und jene “Staaten”, die noch einen expansiven, “kulturell-missionarischen Zug aufweisen, werden im System der Weltgesellschaft politisch disprivilegiert”. Der “Kampf der Kulturen” kann endlich aufhören, um einem “gemeinsam geteilten, guten Leben in einer gerechten Weltordnung”, wie Richard Münch meint, Platz zu machen. Halleluja! Alles ist gut und die Welt nur noch ein paar Meter Kabel vom ewigen Frieden entfernt. Amen.

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Elektronische Lebensaspekte.