Mit der Bassdrum gegen alles Mögliche
Text: Redaktion aus De:Bug 147

Es wird viel protestiert dieser Tage und wenn nicht gerade Nazis aufmarschieren, macht es dabei mit großer Wahrscheinlichkeit Bumm-Bumm-Bumm. Hedonismus scheint die wichtigste Neuerung im Demonstrationswesen, Parole: Ausziehen und Abtanzen. “If I can’t dance to it, it’s not my revolution.” Den Claim, den die Anarchistin und Feministin Emma Goldman bereits in den 30ern etablierte, er bekommt in den aktuellen spielerischen Protestzügen urbaner Mittelstandskinder sein bisher wohligstes Antlitz. Demonstrieren ist voll en Vogue, die Form des Protestes hat sich dabei deutlich verändert und gibt sich bevorzugt zeitgemäß: Prosumenten bringen 2.0-Strategien wie Smart- und Flashmobs, Viral, Guerilla und Social Networks in Stellung, um den geäußerten Unbehagen modernistischer und besser zu gestalten als die alten Protestsäcke mit ihren Latschdemos, deren Agonie nur durch Gewaltausbrüche unterbrochen wird. Das sieht besser aus, klingt besser, aber bringt es auch eine bessere Welt?

Im Angesicht der aktuellen bürgerlichen Mainstream-Proteste fällt vor allem eines auf: Um globale Probleme geht es bei Stuttgart21, Gentrifizierung, Bachelor-Stress oder Megaspree eher nicht. Anti-Atomkraft ist dabei als Thema schon verdammt weit vom alltäglichen Erfahrungsraum entfernt. Die teils recht erfolgreiche Aktion “Mediaspree versenken”, die sich gegen die Bürobebauung eines zentralen Berliner Spreestreifens wandte, hatte eine breite Speerspitze prompt engagierter Bar25-Gänger, weil diese sich ihrer Heimstatt beraubt fühlten. Einsatz zeigt sich erst bei Identifikationspotential: Ein Tsunami am Traumstrand mit guter Flughafenanbindung weckt die Spendenbereitschaft, die diesjährige Flut-Katastrophe in Pakistan hatte dagegen allergrößte Mühe, humanitäre Hilfen zu akquirieren.

Das Leiden anderer muss sich offenbar in irgendeiner Form mit der eigenen Lebenswelt überschneiden, sonst wird es nichts mit der Spende, und so verhält es sich auch mit dem Protestpotential: Demonstrieren heute ist mit fortschreitender Globalisierung zu einem immer lokaleren Sujet geworden. Es sind die vermeintlichen Missstände vor der Haustür, die bewegen. Pflastersteine und Molotow-Cocktails sind in diesem Kontext eher verpönt, dafür bedienen sich viele der “neuen” Protestzugformen ausgiebig der Techno-Bassdrum mit ihrem großen Motivierungs-, Einigungs- aber auch Missverständnispotential. Dass Köpfe im gleichen Takt wippen, vereint sie noch lange nicht in solidarischer Entschlossenheit – aber wen kümmert´s, wenn die Demo-Party geil ist? Also geht die Geschichte mit einem zynischen Treppenwitz weiter: Während die Loveparade, die ja einmal als Demonstration begann, aufgrund kapitaler und kapitalistischer Fehler im Crowd Management ihr jähes Ende fand, haben politisierte Demo-Paraden ihre Rituale und Kulturtechniken übernommen. Groß etwas zu adaptieren gab es dabei scheinbar nicht, obwohl es nicht mehr um Friede-Freude-Eierkuchen, sondern um Empörung gehen soll.

Wenn die subversive Aggression fehlt, physische Gewalt in Anbetracht zu ziehen, dann eben die nivellierende Kraft des Partytums und Raves. Und so betanzt die “Hedonistische Internationale” Wohnungsbesichtigungen im Berliner Bezirk Friedrichshain nackt, Federboa in der linken und iPhone-Blaster in der rechten Hand, um gegen überhöhte Quadratmeterpreise zu demonstrieren. Was dann frappierend an frühe Loveparades erinnert, die zu Beginn immer an verkaufsoffenen Samstagen über den Ku’damm zogen, wobei immer wieder Grüppchen von Ravern durch Hotel-Foyers, Edel-Boutiquen und Feinkostgeschäfte wackelten. Kunden und Personal waren vor allem damit beschäftigt, ungläubig zu glotzen, was von den fröhlichen Eindringlingen zu halten war, blieb meist unklar. Dabei ergibt sich eine Umkehrung von Intention und Reaktion: In den frühen Neunzigern wollten die Raver nichts als ihr Späßchen, aber Gebaren und Musik wirkten mächtig verstörend. Inzwischen ist das mehr oder weniger nackte Rumhampeln zu Techno längst (kommerzieller) Mainstream, trotzdem soll es politischen Protest artikulieren.

Natürlich wollen die Aktivisten damit Aufmerksamkeit erzeugen, aber deren Wert ist fraglich, wenn dem Gentrifizierungs-Affen im gleichen Atemzug Zucker gegeben wird. Junge, gut aussehende Menschen mit lustigen Tiermasken machen Party – deutlicher kann man wohl keinem Loft-Käufer den Weg zur hippen Wohnlage markieren, schließlich wollen sie genau dahin, wo das kreativ-hedonistische Leben tobt. Statt einer Kritik des Spektakels wird ein Spektakel der Kritik gegeben, Claims wie “Die Revolution muss tanzbar sein!” oder “Das einzig gute System ist ein Soundsystem!” gehen vor diesem Hintergrund glatt als Energy-Drink-Werbung durch. Dabei kann auch die Hedonistische Internationale anders, etwa wenn sie ihr Rave-Konzept todesmutig an Nazi-Treffpunkten durchzieht. Übersichtlich ist die Lage trotz Einheits-Bassdrum nämlich nicht.

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6 Responses

  1. diemonotoniedesyeahyeahyeah

    wenn, anstelle der nackten wohnungsbesichtigungen, einfach nur 20 leute vor der tür gegen steigende mieten protestiert oder randaliert hätten, hätte sich die journaille wohl kaum dafür interessiert (die de-bug auch nicht). so wäre das thema nie in den medien gelandet.
    ich freue mich jetzt auf konstruktivere kritik vom autor “redaktion”.

    ps: welchen informationsgehalt haben eigentlich die ersten 4 absätze des artikels?

  2. Gerald

    Der De:Bug fällt in diesem Zusammenhang seit Monaten auch nichts Klügeres ein als launiger, mies recherchierter Szenejournalismus, der aus der Verkokstheit des Backstage meint gesellschaftliche Phänomene erklären zu können.

  3. ausländer01

    Who was there before the “Junge, gut aussehende Menschen mit lustigen Tiermasken”. Oh no, they don’t count do they…

  4. ell

    alle drei artikel zu diesem thema haben die selbe stoßrichtung. sind eure journalisten alle so abgegessen und frustriert?? oder waren sie damals mitglied der wirklich echten antifa oder haben mal ein haus besetzt und erinnern sich noch an das exakt richtige verhalten, von richtig echten linken. der einzig wahre protest ist natürlich cool und unnachahmlich. exklusivität verkokstheit und backstage kommen einem da tatsächlich in den sinn.

    wo kommen wir denn da hin, wenn es den leuten so richtig einfach gemacht wird auf eine demo zu gehen. was wäre bloß, wenn antirassismus mainstream wird.
    es ist auf jeden fall alte schule die protestformen gegeneinander auszuspielen. und dann hängt man noch den “es hat eh alles keinen sinn und macht keinen unterschied” text dran. dann ist es rund. dann ist es auch nicht so schlimm, wenn man es selber nicht hin geschafft hat. man war ja früher bei den echten, harten aktionen mal dabei.

    frau ewert scheint wenigstens noch einen hang zur recherche zu haben, während der text der beiden herren von der anti-atom-demo leider sehr fehlerhaft ist. einiges durcheinander bekommen haben die beiden herren, leider. zu viel vodka von der bar-25 dame?

    prost – auf den underground!!