Lars Vegas und Kabuki betreiben zusammen das Label Spectrum Works in Köln. Zwischen den Orten werden Leerstellen ausgefüllt. Senior Fusion entdeckt von Drum and Bass bis Folk miteinander verbundene Strukturen für sich wieder und grätscht über konventionelle Kategorisierungen.
Text: Markus Klug aus De:Bug 61

Evolution als Standard

Spectrum Works

Haben die Medien die Welt in ein “Fusion”-Theater verwandelt und dazu beigetragen, dass viele Musiker Werke herstellen, die ein “soulfulles” Vakuum hinterlassen? Wird das Leben im Fusion-Kosmos nicht künstlich “radikalisiert”, die ganze Astronautenkluft, Sci-Fi-Fetischismus, Back-To-Soul-Technokratismus. Oder geht es am Ende etwa um zeitlose Musik? Wer entscheidet darüber, was zeitlos sein soll, Jupiter oder Mars?

Tradition und Progression

Für Lars Vegas war es vor allem Gilles Peterson, der wie kaum ein anderer ein Konglomerat von verschiedenen Genres schlüssig miteinander verknüpfte: Afro-Cuban, Bebop, HipHop, Brazil, Jazz und Funk. In dieser Sphäre offenbarte sich die Möglichkeit, konventionelle Strukturen aufzubrechen, verschiedene Ebenen und Knotenpunkte miteinander zu verknüpfen, Zeitsprünge zu zelebrieren. Aber war diese Melange wirklich so revolutionär oder war Gilles Peterson einer der ersten weißen Fusion-Entertainer im DJ-Kontext, der das afrikanische und südamerikanische Kulturgut wie kaum ein anderer schlüssig verkaufte? Werden hier letztendlich nicht Fusion-Mythen produziert, “Openmindedness” und und und? Ist es möglich, wirklich soulfulle (was ist denn jetzt wirklich Seele und was nicht?) Musik global zu etablieren und ein Fusion-Netz auszuwerfen, in dem das durchschnittliche Bewusstsein des Hörers/ der Hörerin erweitert werden kann – lauter großartige Musik, die großartig vermarktet wird wie damals bei Motown.

Fragen über Fragen, die auch Lars Vegas vermutlich nicht beantworten kann, die aber gerade für ihn durchaus eine Rolle spielen dürften, da er ja neben seiner DJ-, Produzenten- und Labeltätigkeit auch noch Storemanager bei Groove Attack ist. Seine Leidenschaft für “soulfulle” Musik entdeckte er im zarten Alter von sieben Jahren, bevor er seine Zeit in “schmierigen” Antiquariaten verbrachte: “…als ich ca. sieben Jahre alt war, also 1975, habe ich im Fernsehen ‘Die Straßen von San Francisco’ und ‘Starsky&Hutch’ gesehen, vielmehr die Titelsongs gehört. Von da an war es mir klar, dass ich diese Musik irgendwann mal sammeln müsste. Mit dem Älterwerden kam auch die Kohle und so habe ich jahrelang gesammelt und meine Zeit in schmierigen Antiquariaten verbracht.”

Hinzu kommt die im europäischen Fusion-Kontext so oft erwähnte Inspirations-Quelle Drum and Bass – bei Lars Vegas erwies sich die Metalheadznight im Alten Wartesaal zu Kölle (1994) – Goldie, Doc Scott, Kemistry&Storm – als Initialzündung, mit bisherigen Erfahrungen zu brechen. Es folgte eine fast fünf Jahre andauernde Phase, in der er Drum and Bass auflegte, gleichzeitig aber auch in angenehmen Baretablissements Rare Groove, Brazil und elegische Downbeats zelebrierte, bevor er mit Marcus Worgull zusammen eine Art von Soundsystem bildete – Spectrum. Seit nunmehr über drei Jahren treffen sich die beiden Musikliebhaber zwischen den Orten und legen zusammen auf – zwischen Broken Beat und House – das “soulfulle” Programm reicht von Seiji und Domu über Morgan Geist (Metro Area) bis hin zu Dixon (Sonarkollektiv) und Jazzanova.

Philosophie und Netzwerk

Fragt man Lars Vegas, existiert zwar so etwas wie ein loses Netzwerk, das müsste man sich dann aber eher weniger kopflastig organisiert vorstellen. Vielmehr ginge es um eine Art von Musikalität, die aus einer spontanen Idee heraus wächst und vielleicht reift zu so etwas wie “High Priestess” aus dem Jahre 1995 (zusammen produziert mit Mojo-Tom), eine elektrofizierte Brazil-Hymne, die maßgeblich frühere Jazzanova-Tracks wie z.B. “Konklave” oder “Instropection” beeinflusste. Hier spricht der “Künstler” Vegas, aber mit Sicherheit nicht der Storemanager von Groove Attack und Labelowner von Spectrum Works, das er zusammen mit Kabuki betreibt. Der Zwiespalt offenbart sich in der Mehrdimensionalität der Netzstruktur – der Produzent und DJ, der sein Label in der Öffentlichkeit promoten muss und dann schon mal schnell behauptet, ihm ginge es eigentlich nur um Musik, um sich schließlich darüber zu beklagen, das sich das Werk nicht genug verkauft hätte.
Dabei ist der Ansatz, wieder mehr akustische Musik im DJ-Kontext zu featuren, durchaus nicht verkehrt, wie man ja derzeit auch bei Compost beobachten kann (Joseph Malik, Victor Davies). Wenn das im weitesten Sinne soziale Netzwerk es dann auch noch ermöglicht, illustre Bekannte wie z.B. King Britt zu featuren, scheint das revolutionäre akustische Ziel in die greifbare Nähe gerückt zu sein.

Als beeindruckendes Zufallsprodukt erwiesen sich die Fusion-Interpretationen von Jan Henning aka Kabuki, mit dem Lars schon des öfteren zusammengearbeitet hatte. “Ghosttrack” (SPEWO 7) und der Remix von “Mi Novela Autobiografica” waren die Tracks, die Drum and Bass-Ästhetik, Technosounds und Offbeat im gedrosselten Tempo miteinander vereinten, ohne den gebreakten Hüftschwung zu stark zu vernachlässigen. Ähnlich wie auch bei Dego und Mark auf Reinforced und 2000 Black wurden hier die Grenzen von konventionellen Drum and Bass-Entwürfen gesprengt, auch wenn sich dieses Soundexperiment nicht ganz so avantgardistisch und visionär gestaltete wie bei vereinzelten synkopierten Geschichten der von der englischen Presse geographisch auf West-London reduzierten Posse um I.G.Culture herum, dem Mann, der scheinbar des öfteren von Sun Ra träumt.

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Elektronische Lebensaspekte.