Text: jan joswig aus De:Bug 27

Zwei Schritte in den Untergrund UK Underground Garage In London sendet es jedes eineinhalbste Piratenradio hinter dem Schornstein hervor, hier pfeift es höchstens mal ein abgekanzelter Spatz vom Dach: UK Underground Garage gehören die Producerskills der Zukunft. Speedgarage und sein jüngeres Geschwister 2 Step Garage überschatten mit ihrer Breakbeatvariante in England längst Drum’n’Bass, ausserhalb der Insel lacht man über Lockdown 187 und klappt indigniert die Ohren weg. (Sag’ nie) Speedgarage Na klar, Junglebasslines, Breakdowns, Ragga-Kommandos als bunte Gimmicks zu einem flachbrüstigen Housebeat, der Breaks mehr lustlos andeutet als ausarbeitet, legen wohl nur eine Reaktion nah: das Fastfood zwischen House und Drum’n’Bass. Das ist aber nur das hässliche Gesicht von Speedgarage. Man misst Brasilpop ja auch nicht an James Lasts Zuckerhut-Album. Und auch Lockdown 187s Julian Jonah hat mit seinem Projekt Nu-Birth und dem Label Nu-Jak die integere Hinterhand parat. Ab ’96/ ’97 wird unterdessen von hier ungehört mit den gleichen Grundlagen auf Labeln wie Fifty First, Un-Disputed, Satellite, Confetti, Nice’n’Ripe, Unda-Vybe und Tonnen von Weissmustern an einer Beatumstrukturierung gearbeitet, die ganzheitlich alle Elemente eines Tracks zu Monstern an komplexer Verschachtelung programmiert. Speedgarage zerlegt US Garagetracks in gleichberechtigte Fragmente auf allen Ebenen. Die Hierarchie von Rhythmussektion im Hintergrund und Melodieinstrumenten / Gesang im Vordergrund wird in einem elliptischen Mosaik ineinandergeschränkt. Nicht nur Bass und Drums, auch Stimme, Bläser, Gitarre, Orgel werden gecuttet. Treffende Versinnbildlichung: Kienzle und Hauser am Nachrichtenreisswolf. Oben schieben sie die US Garagetracks in die Jungleapparatur, unten im Papierkorb schnippselt sich Speedgarage zusammen. Sänger und Instrumentalisten werden als Rhythmuspartikelmaterial umbenutzt. Ein Speedgaragegesangsduett aus Mann: “BUMBAFLAT” und Frau: “pretty baby” klingt in etwa so: BUMBAprettiiBUMBAbabBAFLAPFLAPbiieBABAFLAP. Als roter Faden leitet durch dieses Dickicht die erhaltene 4/4 Bassdrum oder das 4/4 HiHat und knotet sich so an die US Garage zurück. Speedgarage ist bei allen Brechungen in der Vertikalen 4 Step statt 2 Step, House als Basis bleibt präsent, Reggae über die Junglelinie immer möglich. Speedgarage gibt an alle Basisgenres Props. Aber egal ob TuffJam bei “Dangerous” den Reggae-Sänger Frankie Paul sampeln, Peekay auf “Messing about” die Gesangsspur aus Maximum Styles/ Four Heros “Lover to Lover” einbaut oder zu Breakbeats Chic nachgesungen wird, immer geht es um die Vereinheitlichung von entliehenen Songs und eigenen Rhythmen in der Dekonstruktion. Das Coverversionsschema aus Puff Daddy-HipHop oder Eurodance – neuer Beat unter altbekannter Melodie – schliesst sich bei UK Garage schon durch die Arbeitsgrundhaltung aus. Der Hang von früher Speedgarage zu einer derberen B Boy (oder Rudeboy)-Attitüde in der Soundbehandlung und dem Wiederaufgreifen der Jungle-Partyanheizungen, die Drum’n’Bass längst als infantil abgestossen hat, lassen einen voreingenommenen Hörer leicht daran hängenbleiben und die raffinierten Arrangementarchitekturen überhören. Das digitale Dancehall-Problem, Party sei künstlerisch immer regressiv. Spätestens mit 2 Step kann aber niemand mehr vorbeihören. Ein Nachmittag in der Bibliothek Die Konversationslexika von Knaur, Meyer und Rowohlt sind sich in der historischen Herleitung von UK Garage einig. Die direkte räumliche Nachbarschaft von Jungle und klassischer Garage in den englischen Clubs – Jungle: Hauptfloor, Garage: Nebenfloor – veranlasste die House-Djs, die perkussiv synkopischen Rhythmenparts auf den Dub-Versionen der amerikanischen EPs durch Hochpitchen an die Breakbeat-Alchemie anzunähern, ohne den Houseflow zu verlieren. Einzelne Tracks amerikanischer Houseproduzenten arbeiteten schon im Original mit gecutteten Beats, die den Graben zu Jungle überspringbar erscheinen liessen. Da hakten die Engländer ein, um den seit ’96 in D’n’B regierenden Düster-Technokraten des Techstep ihre upliftende Breakbeatversion entgegenzusetzen und die Floorverteilung auszutauschen. Die Produzenten kommen genauso aus der House- wie aus der D’n’B-Ecke. Prominentestes Beispiel ist wohl der Foul Play-/ Rogue Unit-D’n’B-Produzent Steve Gurley. Wie im D’n’B setzt sich die UK Garage-Gemeinschaft multiethnisch zusammen, auch hier hauptsächlich aus Männern. Als Kemistry & Storm der UK Garage behauptet sich die Feminine Pressure DJ Crew. Todd Edwards ’95er Stück “Saved my life” ist bereits vollendete Proto-UK Garage. Als Remixer steht er mittlerweile gleichberechtigt neben UK Garage-Produzenten. Seine Visitenkarte ist eine zurückschnellende Hüpfsequenz mit fragmentiertem Vocalsample, die er von seinem St.Germain “Alabama Blues”-Remix über Mount Rushmores “The vybe (that’s flowing)” bis zu seinem Remix von Sydenham/ Chandlers “See line woman” mit immer neuem Erfolg einsetzt. Der Don, der aus der Fremde kam. Einen Junglebass sucht man bei ihm vergeblich, ebenso wie bei Roy Davies’ “Gabriel”, das ebenfalls in UK Garage-Kreisen rotierte. Armand “Ich war immer schon tief in D’n’B” van Heldens ’96er Remix von CJ Bollands “Sugar is sweeter” gilt aber unumstritten neben dem “R.I.P. Groove” der UK Garage-Produzenten Double 99 als das Initiierungssignal für Speedgarage auf Schallplatte. Die Medaille für das Integrieren eines Junglebasses tritt Armand van Helden aber generös an Double 99 ab. Frühe Majorplayer wie TuffJam, Dreem Teem oder Groove Chronicles sind die fixierten Namen innerhalb einer Veröffentlichungsexplosion anonymer, aber gleichwertiger Weissmusterproduzenten, deren Platten in exklusiven UK Garage-Läden wie Uptown, Rhythm Division oder Release the Groove in Soho aus den Regalen und nachts im Twice As Nice-Club und den Sonderveranstaltungen in Clubs mit gemischtem Programm aus den Boxen quellen. Als Informations- und Popularisierungsmaschinerie sind die Piratenradios, die man häufig nur innerhalb der Stadtgrenzen, auf jeden Fall nie jenseits des Kanals, hier, empfangen kann, unersetzlich. Vor dieser Informationsstille, zumindest -verzögerung, gilt es nicht zu resignieren. Setzt euren Plattenhändler auf englische Distributoren an. Bei D’n’B hat es auch gedauert. So zumindest sieht die momentane Übereinkunft zu einer positivistischen Geschichtsschreibung entlang an Schallplattendokumenten aus. Ein Alternativstrang, wem das zu sehr nach Ritter der Tafelrunde-Mythifizierung klingt? 1995 veröffentlicht Ladomat mit der Gumgarden-EP visionäre Para-Speedgarage. Ein Drittel des Produzententrios, Ralf Benkert, lässt den von ihm und Christian Pfeueffer produzierten Track “Get up” 1997 von dem UK Garage-DJ Sylvester auf Nice’n’Ripe remixen. Vielleicht auch nur eine kuriose Fussnote. Die sozialen Implikationen von UK Garage mit ihren Haute Couture-Dresscodes, strikter Türpolitik und Kinderkrippenangebot für die Jungfamilie von den Docklands führt in der 1:1-Übersetzung nach Deutschland geradewegs in die Neue Mitte. Aber auch vor D’n’B-Clubs muss man in England seine 99 Pfund teuren Turnschuhe der neuesten Kollektion aus dem Schutzetui zücken, und in Chicago wird zu House hauptsächlich von einem Designer-aufgetakelten Thirtysomething-Publikum gefeiert. Die musikimmanente Qualität ist davon unbetroffen. Von einem soziokulturellen Kontext zum nächsten lässt sich die soziale Rahmensetzung zur Musik neu verhandeln. UK Garage von Saarbrücken bis Flensburg in verwaschenen Polohemden. 2 Step, Paradigmenwechsel und Kontinuität Der Stellenwert der Gesangsspur hat sich mit der 2 Step-Entwicklung umgekehrt. 2 Step-Tracks bauen sich um und in Vocalspuren. Während sich bei Speedgarage der allumfassende Rhythmusaufbau als Arabeske (allerdings konstruktive Arabeske) um den 4 Step-Kern herumlagert, besteht 2 Step in den mutigsten Momenten von Steve Gurley, Ray Hurley, Dem 2 oder MJ Cole nur noch aus diesen Arabesken. Als roter Faden fungiert die Gesangsspur, eine viel labilere Richtschnur als eine durchlaufende Bassdrum, erst recht, wenn sie durch zittriges Timestretchen oder Cuts in Silben hinein aus dem Gleis gebracht wird. R&B-Acapellaversionen von Aaliyah, All Saints, Brandy bis Mariah Carey werden – auch über lange Strecken stehengelassen und nur an ihren Enden manipuliert – in ihrem Charakter völlig umgekrempelt. Das süsslichste R&B-Schmachten kommt in dem Spannungsverhältnis von Hofieren und Konterkarieren durch die permanent neu kommentierenden Beats erst zu einem Recht, das der zähe R&B-Rumms immer untergrub. Auf das Tempo des Gesangs angepasst, gruppieren sich die 2 Step-Rhythmen in einem labilen Slow Motion-Jungle bis an die Grenze der Tanzbarkeit um die Vocals, denen selbst jede Linearität geraubt wird. Tony Humphries Kritik an Speedgarage, dass es mit dem Gesang auch die Essenz von House zersetzen würde, muss man für 2 Step umformulieren: Mit der Übernahme der Acapella-Versionen in das 2 Step-Gerüst wird die Essenz von R & B erst hörbar. Ein Recyclen von Acapella-Versionen, das weitaus mehr mit Timbalands forcierten Zwischenbeats verbindet als mit dem klassischem Housebezug von Speedgarage. 2 Step treibt die Arrangementzergliederung von Speedgarage über den Punkt hinaus, ab dem sie bei aller Kontinuität einen radikalen Schnitt bedeutet. 2 Step ist endgültig die Musik ohne Zentrum, deren Groove der Hörer erst an der Schnittstelle der Vektoren, die die einzelnen Rhythmuspartikel aussenden, zusammensetzen muss. Und die digitalen Produktionsbedingungen erlauben mittlerweile sauberste Minimallücken, in die immer noch ein weiterer Rhythmuspartikel einpassbar ist. So verzwickt wie elegant. Dreem Teems “The Theme” von ’97 wies mit seinem Deepsoul-Harmoniegesang und den freigestellten Beats in die Richtung, die auf Labeln wie Locked On, Bug, Metrix, 500 Records, Very Important Plastic, Catch oder Public Demand als Flavour der Stunde weiterverfolgt wird. Neben R&B wird aber auch in 2 Step Reggae immer wichtiger, Lovers Jungle statt Lovers Rock. Aus der Dominanz von 2 Step gegenüber Speedgarage darf man nicht auf ein verschämtes Ausschliessen des älteren (und anfänglich rüderen) Geschwisters schliessen. Beide Formen existieren parallel, nur im Neuigkeitsverlangen unterschiedlich beachtet. Viele 2 Step-EPs bieten auf der B-Seite die Speedgarage-Version, und auch die Compilation-Reihe auf Locked On stellt 2- und 4-Stepper nebeneinander. Mit 2 Step ist UK Underground Garage an einen Entwicklungspunkt gelangt, an dem sie die Partyeuphorie früher Jungle-Tage mit der Breakbeatverfeinerung der aktuellen D’n’B-Vorderfront zu einem sophisticateten Feierangebot zu verbinden versteht. Technologie und Soul werden so einschneidend sublimiert wie durch Miles Davis’ Entscheidung, seine Trompete mit elektrischem Tonabnehmer zu spielen. Wenn der Ausbruch aus den London-Zirkeln mit dem auch in UK Garage-Kreisen bejubelten Entrepreneur-Album “Is this real” von Sunship auf Filter ’97 noch nicht gelang und Shanks & Bigfoots Mickey Mouse Abzählreim-2 Stepper “Sweet like chocolate” mit der parodistischen Variante von UK Garage auf MTV eher das Bild verzerrt, mit MJ Coles für Anfang nächsten Jahres lanciertem Album auf Talking Loud sollte UK Underground Garage endgültig das Underground aus dem Namen streichen können. (Ohne Unterstützung von André Langenfeld und G-Serve hätte dieser Text nicht zustandekommen können.) Playlist DJ G-Serve 1.) Groove Chronicles — Bills Mix — white label 2.) Scrubbs — troublesome(Garage Mix) — MF 066 3.) Mr. Reds — get into the music — white label 4.) Disco Dub Disciples — hit the dancefloor–b.m.p.s 5.) —- she’s a bitch — Sounds Int. 6.) D.E.A. Project — love me Remix — BG 07 7.) Dave H/ Tommy J–how good (V.I.P. Dubplate Mix) — Urban Legends Rec. 8.) Crazy — 7 Wonders(Original 99 Lick) — D.F.L 9.) Anthony R. White/ Lorraine Lucantoni — sweet freedom (new kind of dub) — Funk’n’Soul 10.) Trick or Treat — Baby get down — Clean Cut Rec.

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