Das erstaunliche Comeback der Amphetamine provoziert endlich ambitionierte Bücher zum Thema. Der deutsche Beitrag zum Speed-Bücherfrühling geht dabei besonders weit und erschließt ein neues Format der Drogenliteratur.
Text: Anton Waldt aus De:Bug 120


Hans-Christian Dany, Künstler und Autor, wurde vor acht Jahren um einen Gefallen gebeten: Kannst du 30 Gramm Speed besorgen? Die Drogen sollten die Nerven eines isländischen Musikers auf Deutschland-Tour im Takt halten. Der 60-jährige Musiker nahm seit Jahrzehnten Amphetamine und bezog die Droge eigentlich vom Arzt. Die Pillen unter dem Markennamen “Ritalin” werden fast ausschließlich hypernervösen Kindern verschrieben und just vor dem Tourstart grassierte die Nervosität besonders, weshalb es in Island zu einem Lieferengpass kam. Der Musiker bat daher Freunde in Deutschland, ihm Speed auf dem Schwarzmarkt zu besorgen. Dany lebte zu diesem Zeitpunkt in der niedersächsischen Provinz, zu der die Bezeichnung “Zonenrandgebiet” immer noch gut passt. Dort kannte er zwar keine Bezugsquelle, aber nach etwas Bedenkzeit fasste er sich ein Herz und sprach den Trainer des örtlichen Fitness-Centers an: “Das war ein Techno-Typ und er sagte nur: ‘Kein Problem’.” Zwei Tage später bekam Dany den gewünschten Stoff, das Gramm für 10 Mark.

Disko-Klodeckel

Dany, eigentlich in Hamburg wohnhaft, schlägt das Cafe Jenseits am Berliner Heinrichplatz vor, weil man dort rauchen darf. Eigentlich illegal, aber praktisch voll akzeptiert rauchend, sind wir schon beim Thema: die komplizierte Welt der Amphetamine, in der es fast identische Stoffe gibt, die in Status, Image, Produktion, Distribution und Konsum nicht unterschiedlicher sein könnten. Kinder-Psychopharmaka oder die Line auf dem Disko-Klodeckel. Verwirrende, aber auch faszinierende Angelegenheit, zu der es weder Bücher noch Filme gibt, die der Komplexität einigermaßen gerecht werden, denn zum Thema gehören neben Medizin, Chemie und Pharmakologie auch viele Aspekte der jüngsten Geschichte: Seit den 1930ern genutzt, spielt im Werdegang der Droge insbesondere die Popkultur eine entscheidende Rolle, aber auch Militär, Politik und Wirtschaft.

Comeback

Für sein Buch “SPEED – Gesellschaft auf Droge” hat Dany insgesamt acht Jahre Material gesammelt, länger als geplant, weil er zwischenzeitlich anderen Verpflichtungen nachkommen musste. Aber das Timing dürfte gerade stimmen, denn in den USA erscheint zeitgleich “On Speed: The Many Lives of Amphetamine”, in dem der Wissenschafts-Historiker Nicolas Rasmussen Speed als die zentrale amerikanische Droge präsentiert, die sich in der letzten Dekade zurückgemeldet hat, nachdem sie für zwanzig Jahre als uncool verpönt war. Aber auch wenn sie die gleiche Geschichte erzählen, haben die beiden Speed-Bücher wenig gemein: Während Rasmussen im bewährten Stil angelsächsischer Populär-Wissenschaft bleibt, mäandert Dany durch einen Hybrid aus Phantasie, Fakten und Meinung, ohne dem Leser jemals klar mitzuteilen, in welchem Modus er sich befindet. Dadurch wirkt der Text zunächst sehr schlüssig, aber je nach Kenntnisstand und Aufmerksamkeit wird der Leser früher oder später mächtig irritiert: etwa wenn Dany unter großem Lyrikeinsatz Geschichten von Philip K. Dick, Elvis oder dem Erfinder des “Sturzkampfbombers” erzählt. Zuletzt geht der Autor äußerst selektiv mit dem Material um, das die Amphetamin-Geschichte zu bieten hat, allseits bekannte Klischees wie die Beatles-Frühphase fehlen, während scheinbar Abseitiges großen Raum einnimmt.

Das Speed-Prinzip

“SPEED” ist eine extrem kurzweilige Lektüre, für Drogen-Nutzer und Abstinente gleichermaßen interessant und lehrreich, aber das Buch provoziert auch jede Menge Fragen. Zeugen die Eigenwilligkeiten der Erzählung vom Speed-Konsum des Autors? “Für mich war Speed die bisher interessanteste Droge, weil sie einen direkten Draht zu vorhandenem psychotischen Potential bietet”, erklärt Dany, der Amphetamin vor dem eingangs beschriebenen Einkauf beim Fitnesstrainer nie probiert hatte: “Aber ich wollte auf keinen Fall das klassische Nutzer-Bekenntnis schreiben.” Und da ihm der wissenschaftliche Blick von außen genauso beschränkt schien, begann sein “Versuch, eine Präzision zu entwickeln”. Dazu häufte Dany zunächst Material an, um anschließend wieder “ganz viel rauszuschmeißen”, wenn es sich nicht ins angestrebte Gesamtbild einfügen wollte. Denn auch wenn er keine genaue Vorstellung vom fertigen Text hatte, wollte Dany ein Buch schreiben, das den verschlungenen “Dialog zwischen Pop und Politik” darstellt, in dem der Status von Speed immer wieder ausgehandelt wird. Am Ende geht es in “SPEED” um das Prinzip, nach dem die Droge funktioniert, und nicht um eine möglichst objektive, vollständige Darstellung der greifbaren Fakten. Und das Speed-Prinzip oszilliert munter zwischen klarem Verstand und Halluzination, manchmal ist es sprunghaft und manchmal manisch, es bietet gleichermaßen Raum für Paranoia und Technik. “SPEED” ist daher vor allem ein phantastisches Buch.

Hans-Christian Dany: Speed. Eine Gesellschaft auf Droge
Edition Nautilus
Broschur, 192 Seiten, ca. € 16.-
ISBN 978-3-89401-569-5

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Elektronische Lebensaspekte.

4 Responses

  1. tribble

    Hi Leute,

    wir haben noch einen Film mit Hans Christian Dany veröffentlicht:

    Die Geschichte des Amphetamins – Speed, Referat von Hans-Christian Dany

    http://www.psi-tv.tk/die-geschichte-des-amphetamins-speed-referat-von-hans-christian-dany-23-09-2009

    “Hans Christian Dany referierte 2008 über Amphetamin (Speed). Anhand seines Buches “Speed – Eine Gesellschaft auf Droge” zeigt er die Geschichte und Verwendung der Substanz auf. Eine Aufzeichnung im Kunsthaus Dresden im September 2008.”

  2. tribble

    Hejo Leute,

    das Medienprojekt PSI-TV ist nach .de Umgezogen: bei den oben genannten Addressen also mal das .TK gegen .DE tauschen… 🙂

    http://www.psi-tv.de

    beste grüße