Speed = Geschwindighkeit = definierendes Element von Popkultur und -musik. Der Journalist Simon Reynolds kennt sich aus. Immerhin hat er mit seinen Büchern über elektronische Musik einerseits und Punk andererseits die Genres beleuchtet, die sich auch über ihre Geschwindigkeit definieren. Von Ulrich Gutmair.
Text: Ulrich Gutmair aus De:Bug 120


In der Zone der sinnlosen Intensivierung
Simon Reynolds über Geschwindigkeit und Gesellschaft

Gutmair: Lassen Sie uns mit der Eisenbahn anfangen: Es gibt eine ganze Masse von alten amerikanischen Folksongs, die vom Rhythmus und der Geschwindigkeit der Bahn beeinflusst sind und von Lokomotiven und Zügen erzählen.

Reynolds: Oh, von musikalischen Bezügen auf die Eisenbahn habe ich keine Ahnung. Die Eisenbahn hat aber natürlich großen Einfluss auf die Vereinigung von Amerika gehabt und großen Anteil an der Massenmigration von Schwarzen nach Chicago und anderen Städten im Norden. In der Großen Depression sprangen viele Leute auf die Züge, in der Hoffnung, an einem besseren Ort anzukommen.

Züge haben aber auch in Techno eine Rolle gespielt, was man bis zum “Trans Europa Express” zurückverfolgen kann. DJs sprechen, wenn sie von einem schlechten Mix reden, von einem “train wreck”. Züge erzählen aber nicht nur von Geschwindigkeit, sondern vermitteln auch das Bild eines geordneten Ablaufs: Man kann das Fahren mit dem Zug genießen, weil man selbst keine Verantwortung dafür trägt, während das Autofahren eher mit Beherrschung und Kontrolle zu tun hat. Im Zug ist man Passagier und genauso ist es beim Tanzen: Der DJ nimmt dich auf eine Reise, er ist der Lokomotivführer. Es war sicher eine Form der ekstatischen Erfahrung, sich sicher, aber mit hoher Geschwindigkeit bewegen zu können.

Gutmair: Der Rag transportiert schon mit seinem Sechs-Achtel-Rhythmus die Idee des Lokomotivenrhythmus. Aber die Geschwindigkeit der Maschinen, die zu einer bestimmten Zeit zur Hand sind, determiniert nicht unbedingt die Geschwindigkeit der Musik. Was beeinflusst die Vorliebe für besonders schnelle oder eher langsame Musik?

Reynolds: Wir müssen hier wohl über Drogen sprechen. Die Perioden, die man mit einer hohen Frequenz von Veränderungen im Sozialen und mit schneller Musik verbindet, sind Zeiten, in denen die Leute gerne Amphetamine nehmen. Die berühmten Drogen der Sechziger sind zwar LSD und Marihuana, aber eigentlich warfen alle dauernd Pillen. Es heißt, dass “Eight Miles High” von den Byrds eben nicht von Acid, sondern von Speed handelte. Und die Aggression von Bands wie The Who kann man als explosiven Effekt davon lesen, dass einfach zu viel Speed genommen wurde.

Eine andere Periode, in der sich alles ziemlich schnell zu bewegen schien und auch das Tempo der Musik nach oben schnellte, waren die Neunziger, die eine große Zeit des Amphetaminkonsums waren, denn auch Ecstasy ist ja nahe mit Amphetaminen verwandt. Speed war ein großes Ding während der Zeit von Punk und Post-Punk. Manche der Bands, die ihre Musik am schnellsten verändert und immer neue Ideen entwickelt haben, haben wie verrückt Speed genommen. Scritti Politti oder Coil standen auf Speed, was sich aber nicht notwendigerweise in schnellere Musik übersetzt hat.

Gutmair: In den frühen Berliner Jungleclubs wie dem Toaster haben Leute zwar auch Speed und Kokain genommen, viele haben aber nur Joints geraucht.

Reynolds: Es ist ziemlich anstrengend, zu schneller Musik zu tanzen, auch weil man Tonnen gefährlicher Substanzen mit Nebeneffekten wie Paranoia zu sich nehmen muss. Das Clevere an Jungle war, dass man auch ohne solche Drogen das Gefühl der Geschwindigkeit genießen und dazu tanzen konnte, weil es verschiedene Tempoebenen gab, die Dub-Basslines waren nur halb so schnell wie die Breakbeats. Und die ließen sich viel leichter bewältigen.

Gutmair: Anfangs nannte man Jungle ja Hardcore, so wie die ganz andere, aber auch ziemlich schnelle Musik, die sich ein paar Jahre vorher von Amerika ausgebreitet hat, das war Punk. Gleichzeitig gab es Speed Metal. Die Feier schneller Musik ist offensichtlich vom Genre unabhängig.

Reynolds: Da ist eine Logik am Werk, für die ich ein Konzept entwickelt habe, das ich “die Zone der sinnlosen Intensivierung” nenne. Die Idee ist, dass es innerhalb jeder Musik eine Achse gibt, auf der Intensivierung stattfindet. Ein gegebenes Musikstück oder Genre kann verschiedene solcher Achsen haben. Wenn man sich die Geschwindigkeitsachse ansieht, dann gibt es einen optimalen Bereich, in dem die Beschleunigung als aufregend und wunderbar erfahren wird. Im Optimalbereich kann man etwa durch die Beschleunigung um 20 oder 30 Beats in der Minute einen apokalyptischen, berauschenden Effekt des Unbekannten erzielen. Überschreitet man ihn aber, funktioniert das nicht mehr, das ist so ähnlich wie beim Drogenkonsum, irgendwann ist es nur noch betäubend. Heute können die Leute womöglich mit viel schnelleren Reaktionszeiten operieren als in Ihrer oder meiner Generation, aber das ist nicht absolut. Der frühe Punk etwa wurde zu seiner Zeit als schnell empfunden. Es gibt also auch eine gewisse historische Bedingtheit.

Gutmair: Und physische Grenzen.

Reynolds: Wenn man über Musik und Geschwindigkeit spricht, dann muss man aber auch über die Ungeduld beim Downloaden reden. Man kann heute zwar ein ganzes Album in kurzer Zeit herunterladen, empfindet es aber trotzdem immer als zu langsam. Dabei kann sich die “gelebte Zeit” eines Albums erst im Lauf einer Stunde entfalten. Man lädt also manisch gleich zehn Alben gleichzeitig auf seinen Rechner und sammelt Musik, für die man Tage bräuchte, wollte man sie wirklich anhören. Man müsste also eigentlich eine Methode erfinden, um ein Album in drei Minuten hören zu können. Das Begehren kennt keine Grenzen, und das ist ein bisschen gruselig.

Gutmair: Der Zugriff auf Musik hat sich ziemlich beschleunigt, aber nicht unbedingt die Musik selbst. Beschleunigung spielt sich ja immer wieder neu ab, oft innerhalb einer Generation. Es ist lustig anzuschauen, wie beinahe hilflos viele 25-Jährige auf dem Dancefloor aussehen, wenn sie mit Jungle konfrontiert werden. Sie haben einfach nicht die Erfahrung der Rave-Generation.

Reynolds: In Jungle gab es eine drastische Korrektur, es gab plötzlich einen Tempoabfall bis auf 80 Bpm, wobei einige alte Geschwindigkeitselemente beibehalten wurden, etwa schnelle HiHats oder beschleunigte Vocals, die quasi als Erinnerung an die Geschwindigkeitskultur früherer Jahre fungieren. Aber Sie haben Recht, es gibt den Moment, an dem die inhumane Logik des Schnellen anfängt, mehr und mehr Leute abzustoßen.

Gutmair: England und Deutschland waren die Zentren schneller elektronischer und Sample-Musik in den frühen Neunzigern. Hatte das mit einem ökonomischen Boom zu tun?

Reynolds: In England gab es einen Boom gegen Ende der 80er und ganz am Anfang der 90er, dann kam eine Rezession, die mit Jungle zusammenfiel. Ich habe den Schnelligkeitskult und die Rhetorik der Zukunft, die am Horizont erscheint, immer umgekehrt mit einem gesellschaftlichen Stillstand in Verbindung gebracht. Die Zeit von Thatcher war damals schon vorbei, John Major regierte. Es schien, als hätte jemand den sozialen Pausenknopf gedrückt, nichts bewegte sich. Ich habe also die musikalische Beschleunigung als Ausdruck eines Bedürfnisses verstanden, diese Blockade schnellstmöglich zu überwinden. Das ist zwar ein bisschen metaphorisch gedacht, aber ich habe die Leute, die diese Musik gemacht und gehört haben, immer als soziale Avantgarde gesehen. Ich weiß nicht, wie das damals in Deutschland war.

Gutmair: In Deutschland und Berlin brach Techno genau in dem Moment durch, als die Mauer gefallen war. Man kann hier durchaus Ihre These anwenden: Es gab eine gesellschaftliche Unsicherheit, was das jetzt eigentlich heißt, aber für viele Junge auch den Ausblick auf ein ganz anderes Morgen. Wenn die Mauer fallen kann, dann ist auch sonst noch einiges drin. Deswegen war es vielleicht kein Wunder, dass Berlin zu einem wichtigen Zentrum von Rave in Deutschland wurde, wo das alte Westdeutschland direkt mit einem zusammengebrochenen Staat kontrastierte. Und die Sieger werden ja bekanntlich viel krasser zu einem Neuanfang gezwungen als die vermeintlichen Verlierer.

Reynolds: Es gab einen großen Boom Ende der Neunziger wegen der neuen Informationstechnologien, und für eine kurze Zeit wurde elektronische Musik sogar in den USA sehr populär. Die Klasse der Informationsarbeiter war vermutlich die wichtigste Konsumentenbasis dieser Musik, die es zwar nicht wirklich ins Radio schaffte, aber dafür ziemlich beliebt für Werbespots war.

Gutmair: Es gibt einige amerikanische Folksongs, die die Legende des Eisenbahnarbeiters John Henry erzählen. Als eine neue Maschine eingeführt werden sollte, die schneller Schienen befestigen würde als die Arbeiter, ist John Henry gegen sie angetreten und hat gewonnen – starb aber am nächsten Tag. Hat der neue Folkboom in diesem Sinn damit zu tun, dass sich die Leute gegen die ständige Beschleunigung ihres Alltags wehren? Geschwindigkeit ist nicht mehr unbedingt ein Versprechen, sondern kann auch eine Drohung sein.

Reynolds: Ich weiß nicht, ob das nur mit Geschwindigkeit zu tun hat. Die Leute wollen eine Stimme hören und sie wollen sich Geschichten erzählen lassen. Es gibt ein großes Bedürfnis nach Livemusik, Festivals, sozialen Räumen. Und es geht um Musik, die sich in Echtzeit entfaltet. Vielen Leuten geht es heute so wie Musikkritikern: Sie haben mehr Musik, als sie verarbeiten können. Es gibt die Slow-Food-Bewegung, und der neue Folk ist Slow-Music, oder zumindest menschliche Musik. Wenn man sich das anhört, dann gibt es da eine manierierte, fast fühlbare Form des Atmens, etwa bei Joanna Newsom. Während Pop völlig von technisch perfektionierten Stimmen dominiert wird, deren normale Fluktuationen in der Tonhöhe maschinell getunt werden, geht man im neuen Folk gern an die Grenzen dessen, was man noch sauber singen kann. Die Stimmen klingen absichtlich brüchig, auf fast erfundene Weise menschlich.

Gutmair: Nicht nur bei Joanna Newsom. Das zentrale Ereignis eines Joan-as-Policewoman-Konzerts ist es, Joan Wasser atmen zu hören. Rave war dagegen eine wirklich haptische Kultur, die Leute haben mit Händen und Füßen kommuniziert und sich gerne angefasst. Wenn man so will, waren die Körper damals Medien, während das Medium der Stimme heute zuerst auf einen warmen, atmenden Körper verweist.

Reynolds: Wenn man diese Stimmen hört, dann vermittelt das schon ein besonderes Gefühl. Es gibt da aber auch ein sehr dezidiertes Repertoire von Gesten, die diese explizite Menschlichkeit auf die Bühne bringen, eine ganz interessante Rhetorik des Echten, Realen.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.