Die Popkultur-Droge: Von Hollywood bis zum schwulen Riot in New Yorks Cristopher Street. Ein Auszug aus Hans-Christian Danys Speed-Buch.
Text: HC Dany aus De:Bug 120


Der folgende Text ist Hans-Christian Danys Buch Speed. Eine Gesellschaft auf Droge entnommen.

Verdoppelung des Lebens

Der notorisch mit seinem Körper unzufriedene Mensch versucht fast immer, sich einer angenommenen Vorstellung von Normalität anzunähern. Die Optimierung beinhaltet die Auflösung des als unzulänglich erlebten Zustandes: Mangelhaft empfundene Teile werden entsorgt, der Rest baut sich zu einem anderen Selbst zusammen. Was vom alten Selbst bleibt, streunt als Überbleibsel des hässlichen, noch unverbesserten Entleins durch das Seelenleben der Verbesserten.

Frances Ethel Gumm beginnt ihre Karriere als Zweijährige im Theater ihrer Eltern in Grand Rapids, Minnesota. Dort tritt sie in den Zwanzigerjahren gemeinsam mit ihren beiden Schwestern als die Gumm Sisters auf. Frances wirkt dabei höchst niedlich und wird bald als Baby Gumm über die Grenzen der Stadt hinaus bekannt. Da sich mit einem Namen wie Gumm auf Dauer kein Blumentopf gewinnen lässt, tauft ein Produzent die Zwölfjährige in Garland um. Das tüchtige Mädchen gibt sich selbst den Vornamen Judy.

Vier Jahre danach wird Judy Garland noch einmal eine Andere: Metro-Goldwyn-Meyer wählt sie für die Hauptrolle in dem Filmmusical Wizard of Oz aus. Erst als die Dreharbeiten beginnen, bemerkt man, dass die pubertierende Darstellerin für den Charakter der kindlichen Dorothy körperlich zu alt besetzt worden ist. Jetzt fürchten die Produzenten, die immer weiblicher werdenden Formen des Mädchens könnten sich im Verlauf der Produktion unpassend abzeichnen.

Grobe Auswüchse der voranschreitenden Pubertät können mit dem Kostüm reguliert werden, gegen den Rest verschreibt der Arzt des Filmstudios Benzedrine®. Unter Produktionsdruck verabreicht er die appetitzügelnden Tabletten in so großen Mengen, dass Judys Hunger und damit das Wachstum des Busens auf null reduziert werden können. Im chemisch gefassten Körper treten aber ungeplante Nebenwirkungen auf: Mit sperrangelweit aufgerissenen, strahlenden Augen singt Garland unter der magischen Hand das Lied Over the Rainbow.

Der Ohrwurm aus dem verzauberten Land hinter dem Regenbogen wird zu einer Pioniertat der durch Amphetamin verstärkten Popkultur. Ein Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nimmt das flach gehaltene Mädchen so den ersten, durch das Medium einer synthetischen Droge gesungenen Superhit auf.

Medium ist hier nicht spirituell zu verstehen, sondern in der vom Medientheoretiker Marshall McLuhan formulierten Bedeutung: als technisches Verfahren, das Maßstab, Tempo und Schema der menschlichen Wahrnehmung verändert. Verschoben wird durch das ergänzende Produktionsmittel die Empfindung des Selbst. Die Droge formt die Benutzerin zur Vermittlerin und liefert ihr gleichzeitig ein Gefühl größerer Verfügungsgewalt über die eigenen Möglichkeiten. Eine gesteigerte Wahrnehmung wird in Anschlag gebracht, um sich der eigenen Anwesenheit zu versichern und deren Dimensionen zu verändern. Der so hergestellte Ohrwurm Over the Rainbow wird Garlands wichtigster Schritt auf dem Weg zum Ruhm.

Mit den Dreharbeiten zu Wizard of Oz endet auch die vom Arzt verschriebene Magersucht. Garland darf von nun an die körperlichen Merkmale einer erwachsenen Frau tragen. Mit ihnen muss sie am laufenden Band andere Leute darstellen. In der isolierten Atmosphäre des Bauens, Ausleuchtens, Probens und Drehens weiterer Filme wird ihre Leistung mit Amphetamin auf dem Niveau höchster Verfügbarkeit gehalten. “Wenn wir an einer Produktion arbeiteten, ließ man uns Tag und Nacht ohne Pause schuften. Man gab uns Aufputschtabletten, damit wir uns, obwohl wir völlig ausgelaugt waren, noch länger auf den Beinen halten konnten. Dann brachte man uns in die Krankenstation auf dem Studiogelände. Nach vier Stunden wurden wir wieder geweckt und man gab uns erneut die Aufputschpillen, damit wir weitere zweiundsiebzig Stunden ohne Unterbrechung vor der Kamera stehen konnten. Die meiste Zeit erlebten wir unsere Umgebung wie in Trance”, diktiert Garland später einem ihrer Biografen.

Bei der Arbeit vergeht die Zeit wie im Flug. Nach einigen Monaten kann sie sich nicht mehr vorstellen, amphetaminfrei zu leisten, was die Produktion von ihr erwartet. Ohne die Droge wirkt ein Tag wie abgeschlossen, unter ihrem Einfluss öffnen sich lichtdurchflutete Zimmer, sie braucht nur einzutreten. Die pharmazeutische Lebensführung funktioniert, bis eines Tages die am Set wartenden Regisseure durchdrehen, während Garland in ihrer Villa ein Brahms-Konzert auf den Plattenspieler legt, den Anfang romantisch findet und dann vergisst, der Musik weiter zuzuhören. Als sie Stunden später aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht und die Musik längst verklungen ist, ärgert sie sich. Bei der Arbeit warten die anderen immer noch.

Stellen ihre Arbeitgeber sie nach solchen Tagen zur Rede, hüllt sie sich in Schweigen. Wortlos abgewandt, starrt sie zuerst überzeugend attraktive Dinge an. Ab einem bestimmten Punkt heften sich ihre Augen mit der Kraft von Saugnäpfen an die nackte Wand und verharren dort. Wer sie in solchen Momenten sieht, glaubt, sie hätte in den ruhevoll lächelnden Mustern der Tapete etwas noch nie Gesehenes entdeckt. Mag ihr allein das wiederkehrende Starren den Ruf der Haltlosigkeit einbringen, verkörpert sie auf der Leinwand und im Leben die Ängste der Frau von nebenan. In jedem Moment erwartet sie den Blick der anderen und will es jedem, der kommt, recht machen. Wird ihr der Anspruch, der Welt rund um die Uhr verfügbar zu sein, zu viel, verliert sie alle Kraft und fällt in sich zusammen. Nachdem sie eine Weile dagelegen hat, müht sie sich wieder in die Senkrechte und benimmt sich – wie man sagt – professionell.

Die andauernden Versuche, das Leben in die Hand zu nehmen, verlaufen sich nach ein paar Monaten wieder zu öffentlichen Dramen, bei denen ein wachsendes Publikum zusehen darf. Garlands in immer kürzeren Abständen auftretende Unpässlichkeiten werden den Filmfabriken, die gerade selbst in die Krise treiben, zu teuer, weshalb ihre Auftraggeber sie in den preisgünstigen und zeitgemäßen Rahmen einer Fernsehshow versetzen.

Da Garland immer mehr der Heldin eines tragischen Romans gleicht, überrascht es nicht, als Jacqueline Susann die Diva als Vorlage für eine der Hauptfiguren in ihrer Darstellung des drogenbeschleunigten Verfalls von Hollywood heranzieht. Die Schriftstellerin entwirft Nelly O’Hara, eine der Heldinnen von Valley of the Dolls, nach dem, was von Judy Garland mittlerweile bekannt ist.

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Die von Susann ausgemalten Lebensgeschichten der von Tabletten gesteuerten Frauen vor den Kameras verkaufen sich rasend gut und entwickeln sich mit mehr als 28 Millionen Exemplaren nicht nur zu einem unvorstellbaren Erfolg, sondern zur meistgelesenen Drogengeschichte nach der Erzählung von Evas Versuchung durch den Apfel der Erkenntnis. Führte die verbotene Nutzung der bewusstseinserweiternden Substanz in der Bibel zu einer Schuld, die selbst durch den Ausschluss aus dem Paradies, ein solides Familienleben und weitere wohlanständige Anstrengungen nicht getilgt werden kann, liefern Drogen in der aufgeklärten Welt nun immer öfter den Schlüssel zum Paradies der Arbeit.

Auf der Leinwand bekommen die Kinobesucher Garland mittlerweile nur noch selten zu sehen. Ständiger Widerstand gegen die nüchterne Weltsicht hat ihr Gesicht gezeichnet, weshalb die meisten Filmproduzenten kaum noch Interesse an ihr haben. Als sie es selbst schon gar nicht mehr erwartet, flattert aber doch wieder ein Angebot ins Haus. Twentieth Century Fox bietet Judy Garland 1967 eine Nebenrolle in Mark Robesons Verfilmung von Valley of the Dolls an.

Nach dem Erfolg des Buches kann Garland sich ausmalen, welche Abgründe auf sie warten. Da sie das Honorar dringend braucht, unterschreibt sie den Vertrag, ohne lange zu zögern. Was spricht auch dagegen, an ihrer eigenen Demontage mitzuwirken? Hollywood hat ihren Körper belagert, besetzt und verwüstet – was kann ihr noch passieren?

Sie verzichtet auf die Anstrengung, ihren Text zu lesen. Wieso soll sie auch? Was kann darin schon stehen, außer Sätzen, die sie schon kennt und die sich noch einmal wiederholen? An Drehtagen erscheint sie spät oder gar nicht am Set. Lieber schweift sie ziellos auf dem Gelände der Filmfabrik umher, als handele es sich um eine besonders abwechslungsreiche Umgebung. Kulissen wehen im Wind. Sie hebt ein matschiges Blatt vom Boden. An einen Baum gelehnt, aus dessen Astlöchern erstaunliche Laute dringen, denkt sie darüber nach, ein Glas Milch zu holen. Während sie den Vorsatz bedenkt, zieht sich die Zeit zusammen und im nächsten Moment ist es Mittag. Während die anderen essen, um wieder zur Arbeit zu gehen, grübelt sie darüber nach, was für eine erbärmliche Empfindung der Hunger doch ist. Ihr Kopf verfängt sich in aufregenderen Dingen, die sich in ihren Kopf ringeln. Nein, nichts, rein gar nichts spricht dafür, zu essen oder wieder zur Arbeit zu gehen. Also bleibt sie bei dem, was wild in ihrem Kopf wächst.

Auf Arbeitsanweisungen aus der Welt, auf die sich die anderen geeinigt haben, reagiert sie nur noch mit dem Blick einer genervten Elfjährigen. Werden die Aufforderungen zu unverschämt, verliert sie jede Bereitschaft, die großzügige Maske der Gleichgültigkeit aufrechtzuerhalten. Bleibt die andere Seite hartnäckig, greift sie mit ihren prächtig lackierten Fingernägeln jäh nach oben, rupft ein Haar vom Kopf und zerreißt es mit einem gefährlichen Ruck. Ihre Lippen schmollen, darüber blitzen Augen, als seien es Spiegelscherben im Sonnenlicht.

Die Filmproduktion engagiert eine Krankenschwester für Garland. Selbst unter Aufsicht kann sie aber nicht mehr dazu bewegt werden, sich in gewünschter Form zu engagieren, sondern lässt sich von immer weiter abweichenden Überlegungen und schlichter Arbeitsverweigerung treiben, bis man sie vor die Tür setzt. Ihren Vorschuss hat sie schon durchgebracht, für alles andere hat sie gerade keine Zeit.

Eine Faust für den eigenen Körper

Zwei Jahre nach ihrem gewagten Auftritt am Set von Valley of the Dolls fühlt Judy Garland sich an einem Abend im Juni 1969 zu nervös für die Menge an Schlaftabletten, mit denen sie sonst die bedrohlichen Gedankenschlaufen in ihrem Bett überspringt. Sie nimmt lieber mehr und rauscht wieder in den Tunnel geradeaus, bis es steil bergab geht. Irgendwo auf der vertrauten Strecke herrscht plötzlich totale Stille.

Judy Garlands gebrochener Glanz, ihr kompliziertes Verhältnis zu Drogen und Alkohol, eine Reihe zerbrochener Ehen, eine verzweifelte Suche nach Liebe und Selbstbestimmung, all das hat die Traumbesetzung der Opferrolle schon in den Sechzigerjahren zu einer Ikone der Homosexuellen gemacht. In der Woche nach ihrem Tod organisieren ihre Anhänger eine Trauerfeier in der größten New Yorker Männertanzbar, dem Stonewall Inn in Greenwich Village.

Als die Polizei um ein Uhr zwanzig das Lokal stürmt, spielt der Musikautomat gerade die Amphetaminhymne Over the Rainbow. Ein metallblonder Transvestit verweigert sich, als ein Polizist ihn anweist, sich mit gespreizten Armen und Beinen an die Wand zu stellen. Im nächsten Moment trifft die Faust des Transvestiten den Zudringlichen im Gesicht. Sekunden später sind zwei Dutzend Gäste und Polizisten wild ineinander verkeilt. Was als Massenschlägerei in dem Tanzlokal beginnt, weitet sich innerhalb von Stunden zum Stonewall Riot aus. Die nächtliche Straßenschlacht wird zum Fanal für eine weltweite Revolte der Homosexuellen gegen ihre Unterdrückung.

Die schon lange über den Regenbogen in das schwule Nachtleben gewanderten Amphetamine verkörpern nun nicht mehr nur eine drogengefütterte Vergnügungslust in den Clubs, ihre Zweckentfremdung formuliert auch eine Geste des Widerstandes. Sie richtet sich gegen das von der gesellschaftlichen Norm Behauptete und fordert das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper.

Hans-Christian Dany: Speed. Eine Gesellschaft auf Droge
Edition Nautilus
Broschur, 192 Seiten, ca. € 16.-
ISBN 978-3-89401-569-5

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Elektronische Lebensaspekte.