Jochem Paap aka Speedy J hat Rotterdam-Techno von der Pike auf begleitet und geformt. Unbeschadet ist er an Gabba vorbeigeschrammt, hat auf Hawtins Plus 8 Acid geravt, mit dem aktuellen Album ”Loudboxer” das Holland des Post-Fortuyn-Attentats antizipiert und 200 Loops zur Fragmentierung der Stadt programmiert.
Text: Aljoscha Weskot aus De:Bug 61

ROTTERDAMN GOOD!

Versuch über Speedy J’s Loudbox-Maschine

Dann bewegt sich eine Gardine im Medienzentrum Hilversum. Das Foto-Shooting wird eröffnet. Noch sind die Schüsse auf Pim Fortuyn nicht verhallt. Ein kurzer Wettlauf zwischen Ticker- und Trigger-ACTION. Noch können keine Abschussursachen gefunden werden. In Holland und überall. So ist auch Speedy J’s Album “Loudboxer” urplötzlich eine Art Blackbox des “Dutch Shootings” geworden. Ein Sound-Dokument des Attentats also? Zumindest ein ernst zu nehmender Vorbote, ein erstes Störsignal im holländischen Idyll: Mehr als ein Quietschen der Windmühlen, das allein in Rotterdam zu vernehmen war. Dort spukt es nämlich. Denn in seiner Loudbox tauchten die peitschenden Salven schon als Insignien eines noch nicht realen Geschehens auf. Lag etwas in diesen Schwingungen, hervorgerufen durch diesen 2-Akter? Nämlich vier Tracks im Basic Channel-Stil, die angedubbt, zuweilen spacy den Auftakt für ein Sound-Märchen härterer Gangart bilden, dass nunmehr niemand unberührt zurücklässt? Doch beginnen wir chronologisch.

AT THE VERY BEGINNING

Am Anfang stand eine Wende, und das Gabba-Theater war am Ende, Rotterdam eine freie Stadt. Das dachten viele. Auch Jochem Paap aka Speedy J. Schrauben wir die BPM’s in den kulturellen Laboratorien Rotterdams einfach ein wenig zurück, dachte er sich. “150 BPM, it sucks!” Immer mehr karikierte sich Gabba selber, meint Paap. Zu dieser Zeit arbeitete er längst auch an minimalen Soundstrukturen und produzierte 1994 mit “Ginger” eine Post-Rave-Hymne auf Plus 8. Sein Liebäugeln mit Gabba aber war unüberhörbar.
Wohl auch aus diesem Grund sei es pretty unfair, Erfahrungen, wie sie einst Mr. Hawtin machte, mit Rotterdam gleichzusetzen. Ein Reminder gefällig? Da standen plötzlich Nazis samt Parolen direkt im Sound. Für Hawtin ein Erlebnis mit Folgen. Für Speedy J allerdings nicht die Realität von Gabba bzw. Rotterdam-Techno, sondern ein Bad Cliche: “A Kind of misconception of the City.”

REMORPHING: Hofcultuur uit Rotterdam

Jahre später hämmern Speedy J’s Randomsounds durch die Generic City. 200 Loops auf der Vinyl-Ausgabe zeugen von einem Mut zum Delirium, der auch Rotterdam so besonders macht. Bestes Experimentierfeld also für (einst) Pim Fortuyn und (ewig) Rem Koolhaas und (jetzt) Speedy J. Der hybride Stil, d.h. die mehrfachen kulturellen Überlagerungen sind einem emblematischen Urbanismus – in all seiner Positivität – geschuldet. Eine Reaktion auf die völlige Zerstörung der Stadt 1940. Rotterdam wurde Fragment, fragmentierte sich weiter, auch heute noch. Nichts kommt architektonisch zusammen. Es lebe die inszenierte Leerstelle! “Damn!”, rufen einige, andere sind erfreut. Lange galt die Stadt als das etwas toughere Holland ohne musealen Grachtencharme. Seit langem aber schon ist Rotterdam die Metropole neuer Medien, anderer Kunst und vielversprechender Musik. Immer noch? Vielleicht, sagt Paap.
Unerreicht bleibt aber das “unkontrollierte Nebeneinader, die Aufbruchstimmung, die nicht zuletzt auch Speedy J’s doppelter Albumstruktur (CD versus Vinyl) Fluchtpunkte beschert, die ein Techno-Album 2002 schon bieten sollte. Am Abend nach dem Gespräch sollten sich zwar Feyenoord-Hooligans die Straßen zurückerobern, weil die Deutschen schon wieder kamen, doch ist der Fluchtpunkt des Albums ein anderer als fruchtbare Zertrümmerung in Alec Empire-Manier. Eine Tangente reicht sicherlich nach Tokio, direkt zu Fujima Tanaka, eine andere in das musikalische Ich-Archiv Speedy J’s. “Ich habe gar keine Basic-Channel-Platte, kaufe mir eigentlich nie Platten. Und wer bitte ist Fujima Tanaka?”

THE BEGINNING OF WHAT?

Alles basiert auf Selbst-Referenzialität. Zumindest bei Jochem Paap. Sich nicht einem Techno-Feld verpflichtet zu fühlen, verschafft ihm die Kraft, sein mittlerweile drittes Album zu produzieren. Spooky bleibt die Verschiebung. Erst die Reduktion und Klarheit der einführenden Track-Serie, ihr zartes, zögerliches Pulsieren, dann das schnaufende 4/4-Diktat. Etwas, das nicht zu antizipieren war. Genau wie die Schüsse auf Fortuyn.
Nun wird das Material herübergespielt. Der Vorhang fällt. Jochem Paap ist nach den Ereignissen noch etwas verstört. Das Leben in Rotterdam geht weiter.

http://www.speedj.com

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Elektronische Lebensaspekte.