Ein Delay PlugIn der Superlative bietet Native Instruments diesen Monat neu für die Festplatten der Studiorechner. Nerdige Mailinglisten, auf denen Schaltpläne unter der Hand getauscht werden, sind vorprogrammiert, denn beim Spektral Delay geht es ins Detail, aber richtig. Was für Profis wie Benjamin Weiss.
Text: benjamin weiss aus De:Bug 45

Spektral Delay
Mit Fast Fourier Transformation in neue Klangwelten

Ein Delay PlugIn / Standalone für Mac und PC, das klingt erstmal nicht allzu spektakulär. Dass das Spektral Delay von Native Instruments aber etwas besonderes ist, wird spätestens bei einem Blick auf den Screenshot (ich verlass mich jetzt mal auf Rhesus M. Dexter, der den eigentlich auf dieser Seite einbauen sollte) klar, denn hier tummeln sich jede Menge Parameter und grafische Darstellungen, die ganz sachte den Eindruck vermitteln, dass es hier um mehr gehen muss.

Funktionsweise
Das Spektral Delay benutzt die Fast Fourier Transformation, um beide Kanäle eines Stereosignals unabhängig voneinander in bis zu 1024 Frequenzbänder zu zerlegen. Davon können allerdings “nur” 160 im Sonogramm dargestellt werden. Jedes einzelne dieser Bänder kann dann verzögert , verstärkt , gefiltert und mit Feedback versehen werden, danach (und davor) lässt es sich auch noch modulieren.

Aufbau
Beginnen wir also mit der Oberfläche. Ganz links befindet sich das Sonogramm, das 160 Bänder beider Inputkanäle in einer Zeitachse darstellen kann, wobei diese von unten nach oben in ihrer Höhe geordnet sind. Gleich rechts daneben befinden sich die zwei Panels zur Input Modulation. Hier können pro Kanal verschiedene Algorithmen ausgewählt werden, die das Eingangssignal manipulieren und bis zu drei Parameter besitzen, die über Drehregler verändert werden können. Da der Platz zur Beschreibung all dieser Algorithmen hier nicht ausreicht, will ich mich auf einen als Beispiel beschränken. “Detoriation” erzeugt per Zufallsprinzip Lücken im Frequenzspektrum, das heisst, er wählt zufällig immer neue Gruppen von Bändern aus, die für eine bestimmte Zeit lang abgeschwächt werden. Seine Parameter sind Detoriation Depth, Frequency und Duration. Detoriation Depth bestimmt dabei den Grad der Abschwächung der Bänder in Prozent (0% = keine Abschwächung; 100% totale Auslöschung), Frequency steuert die Anzahl der erzeugten Lücken pro Durchlauf und Duration die Zeit in Millisekunden, in der das gerade aktuelle Bänderset abgeschwächt wird, danach spuckt der Zufallsgenerator das nächste aus. Mit den anderen Algorithmen der Input Modulation können Frequenzbänder verschoben, die harmonische Struktur verändert oder auch die Magnituden- und Phasenwerte invertiert und die zeitliche Abfolge der Bänder vertauscht werden. Gleich daneben wirds mit den Matrix Editoren eher grafisch: der Attenuation Editor dient der Dämpfung von Frequenzbändern, der Delay Matrix Editor ihrer Zeitverzögerung und der Feedback Delay Editor der Steuerung des Feedbacks. Alle drei Editoren sind pro Kanal separat grafisch editierbar, können aber auch gelinkt werden, was im übrigen auch für die Input Modulation Algorithmen gilt. Sie besitzen darüberhinaus jeder einen Bypass, per Copy Button können die Einstellungen der einen Seite auf die andere übertragen werden. Im Attenuation Editor kann man per Maus eine Kurve zeichnen, nach der die einzelnen Bänder gedämpft werden. Der Delay Editor ermöglicht das Einstellen individueller Verzögerungen der einzelnen Bänder in Millisekunden. Die maximale Verzögerung kann dabei bis zu 12 Sekunden betragen (vorrausgesetzt, man hat entsprechend Arbeitsspeicher zur Verfügung), im darüberliegenden Tempodisplay wird angezeigt, ob das eingestellte Delay musikalisch im aktuellen Tempo “Sinn” macht, ansonsten kann es per Snap auf Werte wie Viertel, Achtel, Triolen usw. quantisiert, also zurechtgerückt werden. Im Feedback Display kann das vorher im Delay Editor verzögerte Signal wieder an diesen zurückgeschickt werden. Rechts neben den Matrix Editoren befindet sich das Sonogramm für den Output, auf dem man mit ein bischen Übung erkennen kann, was die verschiedenen Manipulationen mit dem Eingangssignal angestellt haben. Über dem eben beschriebenen Bereich ist die Werkzeugleiste. Hier lässt sich das Spektral Delay per Button zum Tempo des Host-Programms synchronisieren oder das Tempo auch per Hand einstellen. Daneben befindet sich ein Pop Up Menü mit dem die Darstellung der Editoren definiert wird. Es gibt vier Darstellungsmöglichkeiten: lineares Editing, zwei verschiedene Versionen adaptiertes Editing und logarithmisches Editing. Bei linearem Editing werden die Frequenzbänder eins zu eins angezeigt, es werden alle darstellbaren 160 Bänder (jedes bekommt einen Pixel) gezeigt. Da das zwar übersichtlich ist, aber musikalisch nicht wirklich Sinn macht (das menschliche Ohr nimmt vor allem die ganz hohen Frequenzbänder abhängig vom Alter und den individuellen Hörfähigkeiten nicht so stark wahr), gibt es die zwei Adapted Editing Modi. Nummer eins teilt dementsprechend das Frequenzspektrum anders ein: die ersten dreissig Frequenzbänder (von unten) bekommen generöse zwei Pixel spendiert, die restlichen werden auf 50 verteilt. Nummer zwei bietet eine noch bessere Auflösung für die unteren Frequenzbänder (vier Pixel), dafür werden die oberen noch extremer als bei Nummer eins zusammengefasst. Schließlich ist da noch das logarithmische Editing: je höher die Frequenz, desto kleiner die Darstellung der Bänder. Mit dem Pencil Tool können durch Kombination verschiedener gleichzeitig gedrückter Tasten und der Maus wahlweise Linien gezogen, alle Frequenzbänder gleichzeitig bearbeitet oder verschoben werden. Dazu kommt noch das Automation Tool, mit dem sich alle Frequenzbänder gleichzeitig transponieren lassen und das Selection Tool: mit ihm können, wieder in Kombination von Maus und Tastatur, einzelne Bänder selektiert und deselektiert sowie Selektionen komfortabel geändert und erweitert werden. Um eine exaktere Editierung der Matrix Editoren zu ermöglichen können, deren Werte zum Großteil auch numerisch editiert werden. Außerdem lassen sich verschiedene mathematische Funktionen auf sie anwenden, oder per Transformer die Kurven der Editoren vertikal und horizontal spiegeln, glätten und quantisieren. Wer nach all diesen Möglichkeiten der Klangverbiegung noch nicht genug hat, kann sich des integrierten LFOs bedienen, der sechs Wellenformen bietet, und als Modulationsziel verschiedene Werte aus den Matrix Editoren zur Verfügung stellt.

Performance, Bedienung und Sound
Das Spektral Delay kann insgesamt 64 Effekteinstellungen im Speicher behalten, die in vier Bänke aufgeteilt sind. Es ist komplett über MIDI steuerbar und wahlweise Stand Alone (unterstützte Formate: ASIO, Direct Sound, MME, Sound Manager) oder als PlugIn an den Schnittstellen VST 2.0 und DirectX in entsprechenden Hosts verfügbar. Die Performance ist für die Komplexität und Funktionsbandbreite extrem gut, was auch auf den Sound zutrifft; selten habe ich ein Effekt PlugIn so abgefahrene Sachen machen gehört: Spektral Delay ist das innovativste Effekt PlugIn seit Jahren! Artefakte gabs nur bei exzessivster Ausnutzung der möglichen Bänder. Trotz aller Komplexität ist die Bedienung nach ein wenig Einarbeitungszeit sehr übersichtlich und komfortabel, mit den verschiedenen Darstellungsoptionen und Editiertools kann sich jeder die bevorzugte Kombination einstellen. Auch das Preis/Leistungsverhältnis überzeugt wie schon lange nicht mehr: für knapp 300 Mark bekommt man ein Stück Software, das nicht nur sehr stabil läuft, gut bedienbar und durchdacht ist, sondern auch einigen Aufwand bei der Entwicklung verursacht haben dürfte. Da sollten sich alle anderen Soundsoftwarefirmen (mit sehr wenigen Ausnahmen) mal ein paar Scheibchen abschneiden. Volle Punktzahl (gäbe es noch einen Punkt mehr, dann würde ich ihnen sechs geben).

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Elektronische Lebensaspekte.