Unser Starschnitt des Monats: Auf dem Schweizer Label "Spezialmaterial" darf passieren, was die verstörenden Widersprüche des Bilderbuchlandes Schweiz an Elektronika-Spielarten provozieren, das aber immer als "Popkredit"-abgesichertes, luxuriöses Sonderereignis.
Text: Thaddeus Herrmann aus De:Bug 65

Normalerweise muss man sich die Gründung eine Labels wohl so vorstellen. Ein paar Menschen (Jungs in der Regel, das wird sich bald wohl mal ändern) sitzen zusammen und hören Musik. Idealerweise die, die man selber gemacht hat. Oft ist Alkohol im Spiel, das steigert die Motivation, stärkt das Selbstvertrauen in die Musik, die man hört, und in das Business, das man gerade gründen will – nicht unwichtig das, denn die Musik, aber dazu gleich. Anders bei Spezialmaterial. Dort traf man sich in einem schicken Berghotel im Schweizer Wissiflüh, diskutierte Geschäftspläne, trank wahrscheinlich Espresso dazu, ernannte Cio Assereto zum Labelmanager und redete dann schnell über andere Dinge. Die Musik zum Beispiel. Bis zu diesem Zeitpunkt war Folgendes geschehen: Ende 2000 hatte man eine CD-R Compilation (“Greatest Hits” – SM1) veröffentlicht (mit Menschen wie Person, Intricate, Solarium, Mononblock B usw.) und schon das eine oder andere Album nachgelegt (ebenfalls auf CD-R-Basis, meist in Kleinstauflagen von rund 200 Exemplaren) und im Züricher Substrat kräftig gefeiert. Die CDs flogen in alle Welt, schlugen in London bei Smallfish ein wie eine Bombe. So traf man sich dann also im Berghotel, um den nächsten Schritt zu planen. Cio arbeitete zu diesem Zeitpunkt im Luzerner Kulturzentrum Boa als Programmator für elektronische Musik, veranstaltete Konzerte mit Leuten wie Plaid, Autechre, Skam-Künstlern etc., heimste diverse Kulturpreise für das Labelkonzept und die außergewöhnliche Verpackungsphilosphie ein, packte das Geld auf die Seite und kontaktierte ein Presswerk. In Ländern, in denen solche Preisgelder “Popkredit” heißen, bleibt einem ja auch nichts anderes übrig.

Rein ins Netzwerk

“Unser Netzwerk läuft auf mehreren Ebenen”, erzählt Cio. “Zunächst besteht die ganze Spezialmaterial-Crew aus rund 20 Leuten. Grafiker, Designer, Produzenten, Verpackungstüftler, Veranstalter, Fotografen usw. So können wir eigentlich alles innerhalb der Familie abwickeln, sind autark. Durch unser Veranstaltungsteam ‘Ephidrena’ haben wir außerdem seit Mitte der 90er-Jahre zahlreiche internationale Verbindungen geknüpft. So kam eins zum anderen. Die Musiker kauften mehr und mehr Equipment, experimentierten und kollaborierten und filterten ihre Einflüsse, die sich über die Jahre so angesammelt hatten: My Bloody Valentine, Coil, Spaceman3, Ride, Bauhaus, Kraftwerk, Joy Division, Public Enemy, Jello Biafra. Eben das, was früher auf MTV bei ‘120 Minutes’ lief. In dieser Zeit begannen Fabian Stübi + Thomas Federspiel (Intricate) oder Michael Eberli (Person), Martin Wigger (Solarium/Staubsauger) und andere mit dem Produzieren von elektronischer Musik, irgendwo in den Anfängen von undefinierbarem Frickelsound, Detroit, Noise, Breakbeat oder Elektropop. Also das, was wir selber konsumiert oder eben veranstaltet haben. Vielleicht Elektronika, ja. Das kann aber morgen schon wieder anders sein. Vielleicht ist Spezialmaterial morgen schon HipHop oder viel straighter oder nur noch Krach. Das, was unsere Künstler jetzt machen, spiegelt ihre Umgebung wider in der Schweiz. Die Schönheit des Landes, den Reichtum, die Kälte, Oberflächlichkeit … all das vermischt sich zu Spezialmaterial-Releases. Vielleicht rocken die nächsten Veröffentlichungen mehr, vielleicht auch gar nicht. Es hängt einfach davon ab, wie sich die Musiker fühlen und was sie hier in der Schweiz erleben.”
Releases auf Spezialmaterial sind etwas Besonderes, ganz klar. Nicht nur wegen der speziellen Verpackung (mal eine massive Holzbox, dann wieder aufwendige Grafiken in Plastikhülle mit Bonus-CD). Die musikalische Mischung aus den oben erwähnten Einflüssen, gepaart mit diversen Kollaborationen mit u.a Mark Broom, machen Spezialmaterial-Platten zu kleinen Ereignissen, die man nicht von vornherein in seine fertigen Schubladen stellen kann. Nie im Leben.

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Elektronische Lebensaspekte.